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Geld fürs Alter versank im Schiffsfonds

Greifswald/Frankfurt Geld fürs Alter versank im Schiffsfonds

Gerhild Herrmann (72) aus Greifswald hat 60 000 Euro angelegt. Fast alles ist weg. Die Commerzbank soll sie entschädigen.

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Vor der Commerzbank am Greifswalder Markt: Peter Kleinjung (v. l.), Gerhild Herrmann, Peter Schneekluth und Arne Heller protestieren gegen die Geschäftspraktiken der Großbank.

Quelle: Bernhard Schmidtbauer

Greifswald. /Main — Gerhild Herrmann ist wütend — und sie ist enttäuscht. Die 72-Jährige fühlt sich um ihren sorgenfreien Lebensabend betrogen. Den wollte sie in einer Seniorenresidenz verbringen. „2006 habe ich eine sichere Anlage gesucht, um eine Wohnung im Heim zu finanzieren“, sagt Gerhild Herrmann. Das nötige Geld hatte sie:

„Nach der Scheidung von meinem Mann wurde unser Zweifamilienhaus in Anklam verkauft.“ Ihr blieben davon 90 000 Euro.

Bei der Geldanlage vertraute die 72-Jährige ihrem langjährigen Versicherungsvertreter. Der brachte sie 2006 mit einem Berater der Dresdner Bank zusammen. Das Geldhaus wurde 2009 von der Commerzbank übernommen. „Der Berater sagte, das Beste sind Schiffe. Da bekomme ich jedes Jahr eine Ausschüttung, davon kann ich die Heimkosten bezahlen“, erzählt sie.

Am 24. Mai 2006 unterschrieb Gerhild Herrmann die Beitrittserklärung zum „DS-Rendite-Fonds Nr. 116 DS National GmbH & Co. Containerschiff KG“, Anbieter war die Dr. Peters GmbH & Co. KG in Dortmund. Sie zahlte 60 000 Euro ein, dazu fünf Prozent (3000 Euro) an Vermittlungsgebühren.

Seit 2009 wohnt sie nun in einer Greifswalder Seniorenanlage. Drei Jahre erhielt die 72-Jährige Ausschüttungen von je 1000 Euro, dann war Schluss. Ihr Schiffsfonds warf nichts mehr ab — eine Folge der globalen Finanzkrise. Heute seien ihre 60 000 Euro nur noch ein Zehntel wert, sagt sie. „Mein Vertrauen wurde missbraucht.“

Das Ergebnis ist bitter: Monatlich habe sie 940 Euro zur Verfügung, dazu gehörten Rente, Wohngeld und Geld von der Pflegekasse, sagt Gerhild Herrmann. Nach Abzug aller Festkosten — etwa Miete, Strom, Versicherung, Telefon — blieben etwa 25 Euro zum Leben.

„Warum wurde der 64-jährigen Frau für die Altersabsicherung ein hochspekulativer Schiffsfonds verkauft“, fragt ihr Anwalt Arne Heller, der auf Bank- und Kapitalrecht spezialisiert ist. Die Vertrag könne erst ab 31. Dezember 2025 gekündigt werden. Gerhild Herrmann ist dann 83. Und sie ist kein Einzelfall. „Ich vertrete bundesweit etwa 1000 Betroffene, davon 100 aus MV“, erklärt Heller. 180 Fälle würden die Commerzbank betreffen. Die blocke, im Gegensatz zu anderen Instituten, aber alles ab.

Die Bank weist die Vorwürfe zurück. „Herr Heller hat sich in dem Fall von Frau Gerhild Herrmann noch nie an die Commerzbank gewandt. Uns liegt hier weder eine Beschwerde noch eine Klage von ihm vor“, sagt Gunnar Meyer, Pressesprecher bei der Commerzbank in Frankfurt/Main. Die Bank habe den Rechtsanwalt mehrfach aufgefordert, statt immer wieder Sammelvergleiche zu fordern, endlich konkrete Fälle zu benennen. Nur dann könne man Vorwürfen konkret nachgehen. Bis jetzt habe Heller das unterlassen. Wenn die Commerzbank Fehler gemacht haben sollte, übernehme sie auch die Verantwortung, sagt Meyer.

Darauf hofft Peter Schneekluth (73) aus Klütz (Nordwestmecklenburg) immer noch. Er hatte 2005 eine größere fünfstellige Summe angelegt. „Kurzfristig und sicher sollte die Anlage sein“, sagt Schneekluth. Eine Mitarbeiterin der Commerzbank in Wismar habe ihm zu Immobilienfonds in Asien geraten. Er sei fast blind, die Verträge seien im vorgelesen worden, erzählt er: „Ich habe der Mitarbeiterin vertraut.“ Die Hälfte seines Geldes hat er verloren, ebenso einen Prozess gegen die Commerzbank. Seitdem hat Schneekluth schon oft gegen das Geldinstitut demonstriert.

„Allein hat keiner eine Chance gegen die Banken“, erklärt Peter Kleinjung. Der 64-Jährige organisiert bundesweit Demonstrationen gegen Geldhäuser. „Durch öffentlichen Druck wollen wir geprellten Kunden helfen“, sagt er. Betroffene könnten sich bei ihm melden.

Kontakt: ☎ 0170/5 83 23 38

Verbraucherzentrale warnt vor Schiffsfonds
Das Landesgericht Heilbronn (Baden-Württemberg) entschied im April 2014 zugunsten von Anlegern, denen Schiffsfonds als Altersvorsorge empfohlen wurden. Die Bank muss wegen nicht anlagegerechter Beratung haften und dem Kläger 450 000 Euro samt Zinsen zurückzahlen (Az. 6 O 299/13).
Die Verbraucherzentrale MV warnt vor Beteiligungen an Schiffsfonds. Sie sind in der Regel nicht für die Altersabsicherung geeignet. Auch wenn diese hochspekulativen Anlagen als renditestark und sicher beworben werden: Es sind unternehmerische Beteiligungen, denen sogar der Totalverlust, der Verlust des gesamten angelegten Geldes, droht. Es ist sogar möglich, dass Anleger bei Problemen der Schiffsfonds frisches Geld nachzahlen müssen.
Der Berater sagte, das Beste sind Schiffe. Da bekomme ich jedes Jahr eine Ausschüttung, davon kann ich die Heimkosten bezahlen.“ Gerhild Herrmann (72), Seniorin aus Greifswald

 



Bernhard Schmidtbauer

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