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„In schwierigen Zeiten müssen junge Leute ran“

Jürgenshagen „In schwierigen Zeiten müssen junge Leute ran“

Landwirtschaft in MV: Generationswechsel bei Führungskräften ist im Gange / Die Agrargenossenschaft Jürgenshagen hat bereits einen Chef-Nachfolger gefunden

Jürgenshagen. Im Kuhstall, am Feldrand, in der Biogasanlage, im Büro oder auf der Weide – wo immer es geht, hat Michael Constien (62) jetzt Sebastian Grünberg (25) an seiner Seite.

Vor wenigen Tagen stellte der Chef der Agrargenossenschaft Jürgenshagen bei Bützow (Kreis Rostock) den jungen Mann im Betrieb vor – als möglichen Nachfolger. Es sei nicht einfach, junge Leute zu finden, „die motiviert sind, einen Betrieb auch in schwierigen Zeiten zu führen“, meint der Betriebsleiter, der seit 29 Jahren an der Spitze der Genossenschaft steht.

Michael Constien hat drei Söhne, doch die stehen für „den Job“ nicht zur Verfügung: Einer ist Landrat, einer Künstler, der dritte bereits Chef einer AgrargenoBei der ssenschaft in einem Nachbardorf.

„Alle drei machen ihre Sache gut“, sagt der Vater mit Stolz. Aus der eigenen Familie konnte er also nicht auf einen Nachfolger hoffen.

Als Constien auf Sebastian Grünberg traf, hatte er gleich ein gutes Gefühl. Der junge Mann, der aus einem Dorf in Brandenburg stammt, macht gerade seinen Abschluss. Beim Studium in Neubrandenburg und Göttingen hat er gelernt: „Die Landwirtschaft muss mit dem Auf und Ab leben, in Zukunft noch mehr als bisher.“ Von der Hochschule will Grünberg unbedingt in die Praxis. Der hochgewachsene Bursche, der vor dem Studium schon eine Landwirtschaftslehre absolvierte, steckt voller Tatendrang. Dass der grottenschlechte Milchpreis viele Agrarbetriebe an den Rand des Ruins treibt, schreckt ihn nicht.

Seine Devise: „In Krisen lernt man mehr, als wenn alles glattläuft.“

Für Michael Constien ist die Genossenschaft so etwas wie sein Lebenswerk. Vor 42 Jahren kam der in Jördenstorf bei Teterow geborene Bauernsohn nach Jürgenshagen. Der junge Veterinäringenieur absolvierte an Rostocks Uni außerdem ein Landwirtschafts-Fernstudium und wurde zu DDR-Zeiten zum LPG-Vorsitzenden gewählt. Der bodenständige Mann aus christlichem Elternhaus führte den Agrarbetrieb durch die Klippen der Wende. „Von 135 Beschäftigten auf 35 runter, das war hart.“

Am Pfingstmontag feierte die Agrargenossenschaft ihr 25-jähriges Bestehen. Mit Frühschoppen auf dem Sportplatz: Freibier, selbst gebackener Kuchen, Countrymusik, Kremserfahrten. Das Fest kam gut an, gerade weil die Situation jetzt schwierig ist. „Wir dürfen doch nicht vergessen, dass wir 25 gute Jahre hatten“, betont Constien, der seit vielen Jahren auch stellvertretender Bürgermeister des 600-Seelen-Dorfes ist. Gut 20 Familien hatten durch den Betrieb ihr Auskommen. „Auch für Gemeinde und Kirchgemeinde waren wir ein verlässlicher Partner.“ Wurde Technik gebraucht – beim Schotterfahren, der Kirchenreparatur oder beim Winterdienst – die Genossenschaft half. Nach 1990 wurden Agrargenossenschaften oft misstrauisch beäugt. Heute gelten sie als „zukunftsweisendes Kooperationsmodell“, wie Andreas Eisen vom Genossenschaftsverband (Neu-Isenburg/Hessen) sagt. Das gemeinsame Wirtschaften biete „Kosten-, aber auch soziale Vorteile“. Geregelte Arbeitszeiten, Vertretung bei Urlaub, Krankheit. Auch Landes-Agrarminister Till Backhaus (SPD) gilt als Verfechter des Modells. „Agrargenossenschaften sind wichtiger Arbeitgeber im ländlichen Raum, aber auch fester Bestandteil des gemeinschaftlichen Lebens im Dorf.“

Doch jetzt müssen die Weichen gestellt werden, auch den Genossenschaften setzt die Milchkrise arg zu. Der Jürgenshäger Betrieb hält 850 Milchkühe. Wie viele langfristig bleiben, müssen die nächsten Monate zeigen. „Es stehen schwere Entscheidungen an“, sagt Betriebsleiter Constien. In die Überlegungen für die Zukunft bezieht er seinen Nachfolger konsequent ein. Denn der Großvater von vier Enkelkindern peilt den Ruhestand an. Dass die Nachwirkungen eines schweren Arbeitsunfalls ihm zu schaffen machen, verschweigt der 62-Jährige nicht. Das Entscheidende aber sei: „In schwierigen Zeiten müssen die Jungen ran.“ Jungmanager Grünberg zollt ihm dafür Respekt. „Auf vielen Höfen ist das anders. Oft können die Älteren Verantwortung nicht abgeben.“

Elke Ehlers

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