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Kalb-Alarm und Trecker-App: Bauern ackern smart

Schwerin Kalb-Alarm und Trecker-App: Bauern ackern smart

Landwirtschaftsbetriebe in Mecklenburg-Vorpommern rüsten digital auf / Mit intelligenter Technik machen Hersteller Millionen / Agrarrevolution birgt Risiken

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Testlauf für „Bonirob“: Den per Autopilot gesteuerten Agrarroboter will Bosch 2018 auf den Markt bringen.

Quelle: Daniel Maurer/dpa

Schwerin. Der Abkalbmelder verschickt Kurznachrichten, sobald die Kuh ihr Kälbchen kriegt. Ein Roboter melkt das Vieh. Satelliten navigieren Landmaschinen zentimetergenau übers Feld. Sensoren ersetzen des Landwirts grünen Daumen. Willkommen auf dem Bauernhof 4.0. Jetzt sollen sich Mähdrescher und Traktoren auch noch unterhalten können, ganz gleich von welchem Hersteller oder Modelltyp sie sind. Beibringen wollen ihnen das Mitarbeiter der Schweriner Firma Logic Way. Zu ihnen zählt Arndt Kritzner. Der Ingenieur ist Kopf des Konsortiums „Smart Farming Welt“ (Smarf) — ein bundesweiter Verbund von Forschern, Entwicklern und Herstellern. Ihr Ziel: IT-Systeme in Agrarmaschinen zu vernetzen und damit zu effizienter Landwirtschaft beizutragen.

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Landwirtschaftsbetriebe in Mecklenburg-Vorpommern rüsten digital auf / Mit intelligenter Technik machen Hersteller Millionen / Agrarrevolution birgt Risiken

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Dafür entwickeln sie eine digitale Serviceplattform. Auf der sollen sich Bauern individuelle Dienstleistungspakete, sogenannte Smart Services, zusammenstellen können. „Wie der App-Store für das Smartphone“, verdeutlicht Kritzner. Bislang würden Maschinen Daten über Böden, Klima, Technikverschleiß und Co. lediglich sammeln, erklärt der Ingenieur. Die neue Software soll helfen, solche Infos zu bündeln und auszuwerten. Aus dem komplexen Datengerüst könnten Bauern beispielsweise optimale Erntestrategien ableiten. „Die Maschinen entwickeln quasi eine eigene Logik und machen Problemlösungen an Ort und Stelle möglich,“ sagt Kritzner. Das Konzept hat das Bundeswirtschaftsministerium überzeugt. Es hat das Projekt zu einem von bundesweit 16 internetbasierten Wirtschaftsdiensten erkoren, die mit insgesamt 50 Millionen Euro bezuschusst werden. „Smart Farming Welt“ ist zwei Millionen Euro schwer, die Plattform soll 2019 auf den Markt kommen.

In kaum einer Branche schreitet die Digitalisierung so rasant voran wie in der Landwirtschaft. Fast jeder fünfte deutsche Betrieb nutzt laut einer Studie des Digitalverbands Bitkom schon Software und Sensoren, um Produktionsprozesse zu steuern und Erträge zu steigern. In Mecklenburg-Vorpommern liege die Quote noch höher, ist Marco Gemballa, Vizepräsident des Landesbauernverbandes, überzeugt.

„Smart Farming wird in absehbarer Zeit viel stärker um sich greifen.“ Schon jetzt gefragt seien Sensoren für Landmaschinen. Sie ermöglichen zum Beispiel den punktgenauen Einsatz von Düngern: Während der Landwirt übers Feld fährt, erkennen die Scanner den Stickstoffgehalt der Pflanzen. Die Daten liefern sie an den Bordcomputer in der Fahrerkabine. Der leitet daraus ab, wo wie viel Nährstoffe ausgebracht werden müssten. Diese Infos gibt er wiederum in Echtzeit an den Düngerstreuer weiter, der seinen Gülleausstoß sofort entsprechend anpasst. Das spart Ressourcen, Geld und schont dabei die Umwelt. Auf den Einsatz neuester Technik sollten Bauern schon allein deshalb setzen, um attraktive und moderne Arbeitgeber für junge Leute zu sein, sagt Gemballa.

Die Agrarrevolution lohnt sich nicht nur für Betriebe, sondern auch für die Industrie. Mit Hightech-Produkten für Acker und Stall verdienen Hersteller viel Geld. Sensortechnik, Elektronik und Software machen bei Landmaschinen nach Angaben des Vereins Deutscher Ingenieure heute rund 30 Prozent der Wertschöpfung aus.

Am Geschäft will auch Europas größter Agrarhändler Baywa mitverdienen. Der Konzern mit Sitz in München hatte im April 2015 den Systemdienstleister PC-Agrar GmbH übernommen und baut seither den Bereich „Digital Farming“ aus. Im ersten Jahr erwirtschaftete Baywa damit 2,9 Millionen Euro Gewinn vor Steuern und Zinsen. Angesichts der 158,1 Millionen Euro Gesamtumsatz eine kleine Summe. Doch der Vorstandsvorsitzende Klaus Josef Lutz ist sich sicher: „Die Entwicklung zum digitalen Hof nimmt gerade richtig Fahrt auf. Die Baywa will ganz vorne dabei sein.“

An einem Agrarroboter arbeiten derweil die Ingenieure der Firma Bosch. „Bonirob“ soll mit Autopilot übers Feld fahren, dabei mit Kamera und Sensoren Unkraut erkennen und selbst ausrupfen können. Auf den Markt kommen soll der smarte Jäter 2018.

Die Vorteile der Digitalisierung können Bedenken in der Agrarbranche noch nicht restlos ausräumen, vor allem im Hinblick auf den Datenschutz. Mancher Bauer habe „berechtigte Sorgen vor dem ,gläsernen Landwirt‘. Diese gilt es rechtzeitig einzugrenzen,“, mahnt der Bundesbauernverband. Außerdem seien gerade Besitzer kleinerer Höfe skeptisch, ob sich die hohen Investitionen in die Digitalisierung überhaupt lohnen. Doch über Maschinenringe und Lohnunternehmen könne grundsätzlich jeder Unternehmer Nutzen aus Neuentwicklungen ziehen. Grundvoraussetzung für die Landwirtschaft 4.0 sei aber ein flächendeckendes schnelles Internet. Noch habe das Breitbandnetz gerade in ländlichen Regionen zu große Lücken.

Von Antje Bernstein

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