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Kastrieren ohne Tierarzt?

Liessow Kastrieren ohne Tierarzt?

Die Schweinehalter im Land wollen ihre Ferkel auch künftig kastrieren – und dabei selbst betäuben. Das lassen die Gesetze aber nicht zu. Bisher dürfen das nur ausgebildete Veterinäre.

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Landwirt Stefan Wille hockt in seinem Schweinezuchtbetrieb in Liessow zwischen sieben Wochen alten Ebern im Aufzuchtstall.

Quelle: Jens Büttner/dpa

Liessow. Bei der Hygiene kennt Stefan Wille-Niebur kein Pardon. Jeder, der in seinen Sauenstall will, muss vorher duschen. Von Kopf bis Fuß einseifen, Haare waschen, Garderobe wechseln – von der Socke bis zum Overall. Besucher bekommen leihweise alles gestellt. „Es geht um die Gesundheit der Tiere, da dürfen wir kein Risiko eingehen“, sagt der Landwirt. Viren und andere Keime, die den Sauen und ihren neugeborenen Ferkeln gefährlich werden könnten, sollen auf keinen Fall in den Stall.

Der 45-Jährige ist Schweinehalter in dritter Generation, macht den Job seit 20 Jahren. Man nimmt ihm ab, dass das Wohl der Rüsseltiere ihm am Herzen liegt. Bei Schwerin besitzt der gebürtige Niedersachse drei Schweineanlagen mit 700 Zuchtsauen und Platz für 6500 Mastschweine.

Das Thema, zu dem Wille-Niebur und der Bauernverband gestern Journalisten nach Liessow (Ludwigslust-Parchim) zum „Stallgespräch“ einluden, ist heikel: Ab 2019 dürfen Ferkel in Deutschland nicht mehr ohne Narkose kastriert werden.

Dem widersetzen sich die Schweinehalter auch nicht. Sie verlangen aber von der Politik, dass sie die Betäubung bei der Ferkel-Kastration selbst vornehmen dürfen. „Mit einem Sachkundenachweis sollte das möglich sein“, meint Silvia Ey vom Landesbauernverband in Neubrandenburg. Bisher dürfen das nur Tierärzte. Kommt der Veterinär, entstehen pro Ferkel Mehrkosten von 4 bis 8 Euro. Bauer Wille-Niebur sieht darin einen Wettbewerbsnachteil. „Dänen und Holländer freuen sich schon, dass sie ihre Tiere dann billiger anbieten können. Das gehe zu Lasten der kleinen und mittleren Betriebe.

„Die halten das nicht aus.“ Der Bauernverband argumentiert deshalb: Bei Impfungen und schmerzlindernden Medikamenten sei es Schweinehaltern auch erlaubt, selbstständig zu agieren. Ohnehin nehmen die Bauern die bisherigen Eingriffe beim Kastrieren in den meisten Fällen auch selbst vor.

Wissenschaftler wie Dr. Frank Becker vom Leibniz-Institut für Nutztierbiologie (FBN) in Dummerstorf bei Rostock verweist auf die Alternativen zur Betäubung. Das Bundesagrarministerium schlägt zum Beispiel Impfungen gegen den unangenehmen Ebergeruch vor. Becker weiß jedoch, dass das möglicherweise wenig Akzeptanz bei Verbrauchern findet. Denn bei der Impfung würden Eiweiß-Blocker gespritzt, die den Hormonhaushalt der Tiere so verändern, dass die Geschlechtsreife später einsetzt. Eine andere Möglichkeit sei, männliche Schweine unkastriert zu mästen.

Genau das macht Stefan Wille-Niebur seit drei Monaten. Als einer von wenigen Bauern hat er einen Vertrag ergattert, dass der Schlachthof ihm unkastrierte Tiere abnimmt. Doch mehr als 20 Prozent Eber seien auf dem Markt nicht unterzubringen: Das Fleisch eigne sich nur zur Wurst und könne nicht exportiert werden. Wille-Niebur pocht darauf, dass er seine Schweine „auf der ganzen Welt“ verkaufen wolle. Auch der Bauernverband sieht den „deutschen Alleingang“ als Wettbewerbsverzerrung und Ungleichbehandlung in der EU. In einer gemeinsamen Erklärung fordern der Verband und mehrere Organisationen von Schweinehaltern Agrarminister Till Backhaus (SPD) auf, sich dafür einzusetzen, dass die Bauern ihre Ferkel unter lokaler Betäubung selbst kastrieren dürfen. Es sei sonst „sehr wahrscheinlich, dass die Ferkelimporte zu Lasten der Ferkelerzeuger in Mecklenburg- Vorpommern deutlich ausgeweitet werden“.

Jedes Jahr werden in MV eine Million Ferkel kastriert – die meisten ohne Narkose

83 Agrarbetriebe in Mecklenburg-Vorpommern haben sich auf die Sauenhaltung spezialisiert, 129 auf die Mast des Borstenviehs. Zusammen halten sie 828600 Schweine. Zum Vergleich: Bis 1989 gab es in MV mehr als dreimal so viele Schweine – insgesamt 2,7 Millionen. 2016 brachten die 91900 Zuchtsauen mehr als 2,2 Millionen Ferkel auf die Welt. Die übergroße Mehrheit der rund 1,14 Millionen männlichen Ferkel wird wenige Tage nach der Geburt kastriert, um ihre Aufzucht zu erleichtern und den möglichen Ebergeruch zu vermeiden. Bisher war es in den meisten Sauenbetrieben gängige Praxis und gesetzlich zugelassen, Ferkel ohne Vollnarkose zu kastrieren.

Ab 2019 ist das in Deutschland nicht mehr erlaubt.

Elke Ehlers

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