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Knochenjob am Töpferofen

Rusch Knochenjob am Töpferofen

Ohne Vorkommen an Ton stellen in MV 100 Töpfer Keramik her. Bei Schwerin fährt Regine Schönemann den Ofen hoch. Eine Woche dauert es, bis das Steinzeug fertig ist.

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Regine Schönemann zeigt die Segerkegel zum Messen der Ofentemperatur. Im Hintergrund wird der Brennofen befeuert.

Quelle: Fotos: Grit Büttner/nordreport

Rusch. Ein ganzes halbes Jahr Arbeit vereint im Feuer: Regine Schönemann, seit 30 Jahren Töpfermeisterin und im Lewitz-Dörfchen Rusch bei Schwerin zu Hause, fährt zweimal im Jahr den selbst gemauerten Holzbrandofen auf über tausend Grad hoch. Hunderte handgefertigte Keramiken – Teller, Tassen, Töpfe, Kannen – brennt und glasiert sie gleichzeitig unter freiem Himmel.

OZ-Bild

Ohne Vorkommen an Ton stellen in MV 100 Töpfer Keramik her. Bei Schwerin fährt Regine Schönemann den Ofen hoch. Eine Woche dauert es, bis das Steinzeug fertig ist.

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Für diese jahrhundertealte Technik, die Schönemann bereits mehr als 200 Mal selbst praktizierte, braucht es eine Woche Zeit. Jetzt schlug die Stunde der Wahrheit: Der Ofen wurde geöffnet.

Die letzten sechs Monate

Bestellungen trudeln ein, aus Mecklenburg, Sachsen, Brandenburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein. Auch Bierkrüge und große Kannen werden diesmal geordert. Schönemann dreht die Stücke in kräftezehrender Handarbeit über Monate auf der Töpferscheibe, bemalt alles mit flüssigem, farbigem Porzellan, bringt Stempeldrucke auf. Nebenher legt sie den Holzvorrat an für das große Brennen:

Harte Eiche und weiche Fichte werden in passgerechte Leisten gespalten. Später im Ofenloch dürfen keine Löcher bleiben, damit das Feuer gleichmäßig und stetig prasselt.

Montag

Einen ganzen Tag braucht Schönemann, das rohe Tonzeug in der einen Kubikmeter fassenden Brennkammer übereinanderzutürmen. Nichts darf kippen oder zu eng stehen. „Entscheidend ist, den Flammen Platz zu lassen.“ Genutzt wird ein Regalsystem aus leichtem Siliziumkarbid, jenem Stoff, aus dem hitzebeständige Schutzschilde für Raumkapseln bestehen. Der Einbau des Brenngutes erfordert vollen Körpereinsatz der kleinen Frau. Ist der Ofen befüllt, wird er dicht zugemauert mit vier Schichten Schamott- und Ziegelsteinen.

Dienstag und Mittwoch

Heizen, heizen, heizen. Schönemann und ein, zwei Freunde lösen sich am pottheißen Feuerloch ab, das nun ohne Pause zwei Tage lang mit Holz beschickt wird. Kalter Wind bremst sie immer wieder aus, die Temperatur im Ofen steigt langsamer als sonst auf über tausend Grad. Endlich springt der „Fuchs“ aus dem Schornstein: Leuchtend rot schießt die Brennflamme durch den Abzug. „Der ganze Ofen glüht!“, ruft Schönemann. Früher hätten Dorfbewohner schon mal die Feuerwehr alarmiert, mittlerweile aber kennen sie die Brand-Rituale der Töpferin.

Donnerstag

Die Temperatur im Ofen misst Schönemann auf traditionelle Weise – mit Tonkeilen, den sogenannten „Segerkegeln“, die bei einer bestimmten Gradzahl schmelzen und umkippen. Fallen die Anzeiger für die 1280-Grad-Marke, beginnt das „Sintern“, das Aushärten der Keramik. „Der Scherben brennt dicht.“ Geduld beim Heizen sei gefragt, die Oberflächen dürften sich nicht zu schnell schließen, sonst entstünden Blasen.

Schließlich geht es an die Glasur: Kiloweise grobkörniges Salinensalz, vermischt mit Sägemehl, wirft die Meisterin in die Feuerung. „Die Flamme reißt Späne und Salz mit sich, das Natrium reagiert mit dem Silizium und Quarz des Tons, dabei entsteht ein Glas, die Glasur eben.“ Der „Fuchs“ – die Rauchgas-Flamme auf dem Dach – färbt sich von der Salzwolke grasgrün.

Welcher Scherben an welchen Stellen wie viel Salz abbekommt, entscheide allein das lodernde Feuer. „Am Ende sieht jedes Stück anders aus.“ Salz und Ascheflug brächten eine lebendige Farbigkeit, die mit Elektroöfen nicht erreicht werde. „Jeder Topf, jede Tasse wird zum Unikat.“

Der Ofen wird ununterbrochen geheizt. „Wenn der letzte Kegel fällt, sind 1320 Grad erreicht.“ Schönemann legt Holz nach, um die Temperatur noch ein, zwei Stunden zu halten. Dann verschließt sie das Feuerloch. Geschafft! Ab jetzt beginnt die Abkühlphase, die bis zum Ende der Brennwoche dauert.

Samstag

Die Ofentemperatur fällt, die Spannung steigt. „Das ist wie Weihnachten und Ostern an einem Tag!“ Schönemann weiß, ein ganzes halbes Jahr Arbeit steckt in der Brennkammer, die nun geöffnet werden soll. Unter den staunenden Blicken ihrer Besucher baut die Meisterin am Samstag nach und nach eine seitliche Mauer ab. „Das ist jedes Mal Überraschung pur!“ Aufatmen. Ordentlich stehen Schalen, Tassen, Krüge mit glasig glänzendem Überzug in Reih und Glied in den Regalen.

Die Keramiken sind gelungen und – bis auf ganz wenige Ausnahmen – ohne Fehl und Tadel.

Info:

www.keramik-mecklenburgervogel.de

Etwa 100 Keramik-Meister gibt es im Nordosten

Ohne regionale Tonvorkommen oder besondere Traditionen fertigen in MV rund 100 Töpfermeister Geschirr. Etwa 20 Handwerker brennen ihre Kunstwerke im Holzofen unter freiem Himmel. Jeder Keramiker hat seine Handschrift, Techniken, Formen, Motive, Glasuren. Der einzige Brauntöpfer arbeitet in Lenzen bei Sternberg (Ludwigslust-Parchim). Porzellangeschirr entsteht in Bolz bei Sternberg, Sukow und Pingelshagen bei Schwerin und Glashagen bei Doberan. In Rusch gibt es drei Werkstätten: Regine Schönemann setzt auf Gebrauchsgeschirr, Lidwina Scherrer auf Schmuck und Goldrand-Steinzeug, Silwia Barke Demba auf afrikanisch inspirierte Keramik.

Grit Büttner

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