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Wirtschaft Lehre im Schnelldurchlauf: Flüchtlinge werden Busfahrer
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00:01 05.10.2017
VBZ-Büroleiter Axel Gerlach (v.l.) mit den Auszubildenden Barry Saidou, Yebyebwe Rassakou und Jimcan Ahmed Gaariye. In Rostock lernen sie die Theorie und Praxis. Quelle: Foto: Philip Schülermann

Jimcan Ahmed Gaariye hatte einen Traum: Er wollte Busfahrer werden. Und er hat es geschafft. Dafür hat er monatelang die Schulbank gedrückt. Das Verkehrs- und Berufsbildende Zentrum (VBZ) in Rostock ermöglicht Menschen eine verkürzte Ausbildung, damit sie schnell in den Job starten können.

Bus- und Lkw-Fahrer in MV gesucht

366 Stellen für Berufskraftfahrer im Güterverkehr sind derzeit in MV offen und 21 Busfahrer werden gesucht. Eine verkürzte Ausbildung kann jeder machen. Flüchtlinge brauchen einen sogenannten Aufenthaltstitel. Auf 12188 Menschen in MV (Stand Juli 2017) trifft das zu. 6773 Asylverfahren sind noch nicht entschieden.

„Ich fange bei einem Busunternehmen in Elmenhorst an zu arbeiten“, erzählt der 29-jährige Familienvater aus Mogadischu in Somalia. „Er hat bei Null angefangen“, sagt Axel Gerlach, Büroleiter im VBZ.

Zuerst musste Jimcan Gaariye den Autoführerschein machen, anschließend die sogenannte Beschleunigte Grundqualifikation (BGQ), zusätzlich musste er noch lernen, wie man einen riesigen Bus lenkt. Die Fahrprüfung hat er vor kurzem bestanden.

„Die BGQ ist eine stark verkürzte Ausbildung zum Kraftfahrer“, erklärt Gerlach. Der ganze Stoff sei „in einem sehr kurzen Zeitraum komprimiert“. Acht bis zehn Monate dauert der Lehrgang – je nach Voraussetzungen und persönlichen Zielen.

In den meisten Fällen übernehmen Jobcenter die Kosten für die Ausbildung – rund 16000 Euro. Dafür sind die Auszubildenden täglich bis zu acht Stunden gefordert: „Manchmal müssen wir zu Hause noch Zeit ranhängen“, sagt Yebyebwe Rassakou. Auch er möchte Busfahrer werden. Erfahrung mit großen Fahrzeugen hat er bereits, denn zuvor fuhr der 40-Jährige Sattelschlepper. Oft war er zwei bis drei Wochen unterwegs – eine Belastung für die Familie. „Deshalb möchte ich jetzt Bus fahren“, erklärt Rassakou. 2003 ist der Togoles nach Deutschland gekommen, erst nach Güstrow, dann nach Rostock. Um eine Beschleunigte Grundqualifikation zu machen, müssen Teilnehmer aus dem Ausland einen sogenannten Aufenthaltstitel haben. Yebyebwe Rassakou hat bereits die deutsche Staatsbürgerschaft.

An einer Wand im Seminarraums hängt das Modell einer Bremsanlage. „Das müssen Sie fast auswendig können“, erklärt Gerlach. In der Ausbildung geht es um Technik, aber auch um Vorschriften wie Ernährung, Schlaf, Ruhezeiten, Bewegung oder das Lösen von Konflikten. Wie merken sich die Azubis den neuen Stoff in so kurzer Zeit? Sie verbringen viel Zeit über ihren Büchern, erklären sie einhellig. „Am Anfang war das schon schwer“, sagt Barry Saidou (35), ebenfalls angehender Busfahrer. Er kam vor zwei Jahren aus Mauretanien nach Rostock und hat gerade den Pkw-Führerschein bestanden.

„Ich finde den Beruf interessant“, erklärt er seine Wahl. Erste Bus-Erfahrungen hatte er bereits als Begleiter sammeln können. Lange unterwegs zu sein, sei für ihn kein Problem. „Mir egal, ich fahre auch bis nach Norwegen.“

Vor allem die Sprache bereitet den Azubis Schwierigkeiten. Das größte Problem: Gerade Fachausdrücke lassen sich nicht direkt in ihre Muttersprache übersetzen. In der Prüfung müssen sie die allerdings können, denn viel Zeit haben sie dort nicht zum Überlegen oder Nachschlagen. „Die Prüfung dauert 75 Minuten“, erklärt Axel Gerlach. Eine Viertelstunde wird Theorie abgefragt. Haben die Schüler die Grundqualifikation bestanden, brauchen sie noch den Bus-Führerschein. Erst dann können sie als Kraftfahrer arbeiten.

In Somalia hatte Jimcan Ahmed Gaariye Sozialwissenschaften studiert. Aber sein Abitur wurde in Deutschland nicht ohne weiteres anerkannt. „Also habe ich geguckt, was ich hier machen kann“, sagt er und erzählt, dass er möglichst schnell arbeiten wollte, um eigenes Geld zu verdienen. Schließlich haben er und seine Frau fünf Kinder.

Die Aussichten auf eine Anstellung als Kraftfahrer in Mecklenburg-Vorpommern sind gut. „Die Leute können sich die Rosinen herauspicken“, sagt Axel Gerlach. Kraftfahrer werden gesucht. Barry Saidou, Yebyebwe Rassakou und Jimcan Ahmed Gaariye ist bei der Wahl des Arbeitgebers nicht nur das Gehalt wichtig. Auch das Umfeld in der Firma muss stimmen.

Philip Schülermann

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