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00:09 18.05.2018
Antje Schulz hat 70 Bewerbungen geschrieben. Bislang erfolglos. Quelle: Foto: Gkw
Rostock

Unternehmen finden keine qualifizierten Mitarbeiter mehr, alle Welt redet vom Fachkräftemangel. Antje Schulz kann darüber nur müde lächeln. Die junge Frau aus Rostock hat andere Erfahrungen gemacht: Die 27-Jährige ist eine Wirtschafts-Fachkraft, aber die Arbeitgeber rennen bei ihr nicht die Türen ein. Im Gegenteil, Antje Schulz findet trotz intensiver Suche keinen passenden Job.

„Das hatte ich mir anders vorgestellt“, sagt die Wahl-Rostockerin. 70 Bewerbungen hat sie geschrieben, bisher ohne Erfolg. Notgedrungen arbeitet die Hochschulabsolventin zurzeit als Verkäuferin, in einem Fachgeschäft für Damenunterbekleidung. Miederwaren statt Management.

Dabei bietet der Lebenslauf der gebürtigen Brandenburgerin eigentlich alles, was sich Arbeitgeber so wünschen: einen Bachelor in Betriebswirtschaftslehre, gute Noten, Auslandserfahrung. Antje Schulz brachte Studenten in China Deutsch bei, vor dem Studium arbeitete sie ein Jahr lang als Au-pair-Kraft in New York.

„Ich bin jung, dynamisch und bringe neue Ideen mit“, sagt sie über sich selbst. Inzwischen ist ein Dreivierteljahr vergangen, seit sie ihr Studium an der Fachhochschule Magdeburg-Stendal (Sachsen-Anhalt) beendet hat. Nach Rostock kam sie der Liebe wegen, ihr Freund arbeitet hier bei der Bundeswehr. Sie arbeitete als Werkstudentin bei Aida Cruises, ein Job ergab sich daraus nicht.

„Sie können stolz darauf sein, es so weit geschafft zu haben.“ Diesen Satz bekam Antje Schulz öfter zu hören – wenn es nach dem ersten oder zweiten Vorstellungsgespräch wieder einmal hieß, dass die Wahl leider doch auf jemand anderen gefallen sei. Rund 20 Mal schaffte sie die erste Hürde und wurde zu Gesprächen eingeladen. Schritt zwei, der ersehnte Arbeitsvertrag, wurde ihr bislang stets verwehrt.

Ihr fehle es an Berufserfahrung, lautete die häufigste Begründung. „Aber wo soll ich die herbekommen, wenn mich niemand einstellt?“, fragt sie sich. Ein unbezahltes Praktikum lehnt sie ab. Das könne sie sich nicht leisten. „Ich will niemandem auf der Tasche liegen.“ Ihr Fall ist außergewöhnlich. „Normalerweise schützt Qualifizierung vor Arbeitslosigkeit“, sagt Gerald Weber, Sprecher der Regionaldirektion Nord der Arbeitsagentur. Dazu zähle auch ein Studium. „Akademiker sind in der Regel kürzer und seltener arbeitslos“, so der Sprecher. 2016 lag die Arbeitslosenquote in MV insgesamt bei knapp zehn Prozent, bei Personen mit abgeschlossenem Studium aber nur bei unter vier Prozent. Die Zahlen sagen nichts dazu aus, wie viele einer Beschäftigung nachgehen, für die sie hoffnungslos überqualifiziert sind.

Antje Schulz bekam auch Zusagen. Ein Rostocker Fach-Callcenter bot ihr eine Stelle mit Sieben-Tage-Woche und Schichten rund um die Uhr. Für 1600 Euro brutto im Monat. Das entspricht, bei Berücksichtigung der gesetzlichen Zulagen für Nacht- und Sonntagsarbeit, in etwa dem gesetzlichen Mindestlohn. Antje Schulz lehnte dankend ab.

„Solche unterirdischen Jobangebote gibt es reichlich“, meint Heike H., ebenfalls studierte Wirtschaftswissenschaftlerin, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Akzeptable Stellen seien dagegen Goldstaub, Fachkräftemangel hin oder her. Während in ihrem Umfeld junge Ingenieure meist keine Probleme hatten, einen passenden Job zu finden, sieht es für andere Uni-Absolventen nicht nur rosig aus. Heike H. hat nach langem Suchen doch eine befristete Stelle an der Uni gefunden. Wenn der Vertrag ausläuft, fängt die Suche von neuem an. Sie schließt nicht aus, dass sie dann wegziehen muss.

Antje Schulz will trotz der Rückschläge nicht aufgeben. Erst bewarb sie sich nur im Raum Rostock, dann in Norddeutschland, mittlerweile bundesweit. In zwei Jahren endet für ihren Lebensgefährten die Zeit bei der Bundeswehr. Vielleicht gehen sie dann zusammen weg. Dorthin, wo sie jemand einstellen will.

Gerald Kleine Wördemann

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