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Mit dem Kutter auf Geisternetz-Törn

Sassnitz Mit dem Kutter auf Geisternetz-Törn

Erstmals sind verloren gegangene Netze vor der Insel Rügen mit einer Harke geborgen worden.

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Fischer Günther Baltsch zieht vor der Küste der Insel Rügen ein sogenanntes Geisternetz aus der Ostsee. Fotos (3): Stefan Sauer/dpa

Sassnitz. Vor der deutschen Ostseeküste könnten verloren gegangene Fischernetze mit einer Art Harke aus dem Meer gefischt werden. Ein erster Test läuft vielversprechend. Der Verband der Kutterfischer allerdings ist skeptisch.

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Erstmals sind verloren gegangene Netze vor der Insel Rügen mit einer Harke geborgen worden.

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An Bord des Kutters „Einheit“ hievt Fischer Karl-Heinz Neumann eine Winde nach oben. Am Haken hat er weder Dorsch noch Hering, sondern ein verknotetes Bündel alter Fischernetze. Die Kunststoffnetze lagen vermutlich schon seit Jahren auf dem Meeresboden vor Sassnitz, wo sie sich an einem Tonnenstein verfangen hatten.

Mit den Netzen holt Neumann die Hinterlassenschaften seiner eigenen Branche aus der Ostsee. „Das ist okay“, sagt der Fischer dazu – zumal die Umweltschutzorganisation WWF den Einsatz finanziert. Zur Ehrenrettung seiner Berufskollegen ergänzt er: „Kein Fischer will sein Netz mit Absicht verlieren.“  Fischer Neumann hat ein Interesse, dass der „Dreck“ aus der Ostsee kommt.

Zum Dreck gehören für ihn auch Waschmaschinen, Munition und Farbeimer – alles Dinge, die er schon in seinen Netzen hatte.

Nach Angaben des WWF landen jährlich zwischen 5000 und 10 000 Kunststoffnetze in der Ostsee. Dass Netze absichtlich im Meer landen, unterstellt der WWF den Fischern nicht. Schleppnetze blieben an Widerständen wie Wracks oder Tonnensteinen hängen, erklärt WWF-Einsatzleiter Philipp Kanstinger. In einem internationalen, rund 3,7 Millionen Euro teuren Projekt ermitteln Umweltschützer aus Deutschland, Schweden, Finnland, Estland und Polen mit Hilfe von Forschern und Fischern derzeit, wie solche Geisternetze am effektivsten aus dem Meer gefischt werden können. Projektpartner aus Schweden testen, Netze mit Signalgebern zu markieren, um sie bei Verlust schneller orten zu können. Erstmals vor der deutschen Küste kam nun vor Rügen eine spezielle Unterwasser-Harke zum Auflesen verlorener Netze zum Einsatz. „Der erste Test ist vielversprechend verlaufen“, resümiert WWF-Mann Kanstinger. Allein das Netzbündel, das Neumann aus dem Wasser gezogen hat, wiegt rund 1,5 Tonnen.

„Unsere polnischen Kollegen haben mit der Netzharke gute Erfahrungen  gemacht“, sagt Kanstinger. In Kooperation mit Fischern holten sie demnach 2014 rund 270 Tonnen Netze aus der Ostsee.

Vor Rügen waren mit Hilfe von Tauchern ein Jahr zuvor lediglich zwei Tonnen Netze aus dem Wasser gezogen worden – die allerdings an wertvollen Wracks lagen. 

Die Harke – ein etwa 20 Zentimeter langes Gerät mit Widerhaken – ist deutlich effektiver. Doch welche Schäden sie möglicherweise am Meeresboden verursacht, ist bislang unklar. Dies solle nun ermittelt werden. Aus Sicht der Umweltschützer sind die Geisternetze eine Gefahr für Meereslebewesen. In den ersten drei Monaten fingen sich darin noch etwa 20 Prozent der Fischmenge, die zuvor damit gefangen worden war. Die Netze bräuchten Jahrhunderte zum Verrotten. Zudem können Mikropartikel aus Plastik von Fischen gefressen werden. „Besonders problematisch ist, dass sich an der Oberfläche Schadstoffe anreichern, die über die Fische in die Nahrungskette bis zum Menschen gelangen können“, erklärt Kanstinger.

Etwa zehn Prozent des Plastikmülls in den Meeren stammten von der Fischerei.

Geisternetze

Sogenannte Geisternetze sind herrenlos im Meer umhertreibende Stell- und Schleppnetze, die sich von Fischfangschiffen losgerissen haben. Sie können unter Wasser jahrelang ohne Kontrolle weiterfischen und so zu einer Todesfalle für Meeressäuger, Seevögel und Fische werden.

Allein in der Ostsee gehen jährlich etwa 10000 Netze oder Netzteile verloren. Etwa ein Zehntel des weltweiten Kunststoffmülls im Ozean besteht aus Geisternetzen. Bis zur vollständigen Zersetzung der Kunststoffe können bis zu 400 Jahre vergehen.

Martina Rathke

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