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00:10 01.12.2017
Zur Nacken- massage unter drehbaren Bürsten: Die Kühe fühlen sich wohl im Stall.
Parchtitz

Grünes Licht blinkt auf. Ein sonderbares Gefährt rollt aus seiner Box im Parchtitzer Kuhstall: ein Elektro-Roboter, der den gemächlich kauenden Schwarzbunten alle zwei Stunden das Futter vor die Nase schiebt. Ohne die Hilfe des etwa einen Meter hohen Rundlings würden die Tiere nicht an die Silage kommen. Anderswo übernimmt dies ein Mitarbeiter, der per Diesel-Hoflader durch den Stall fährt. „Der Roboter ersetzt den Mitarbeiter nicht, er entlastet ihn“, sagt Jochen Vömel, der in Parchtitz auf Rügen einen Hof mit 400 Milchkühen betreibt. „Der Mitarbeiter kann inzwischen Kälber füttern oder Einstreu in die Boxen geben.“ Der Roboter ist nur eine der Neuheiten, die Vömels Stall zu einem der modernsten in ganz Vorpommern machen. Statt der vorgeschriebenen fünf Quadratmeter hat jede Kuh elf Quadratmeter Platz. Solarmodule auf dem Dach verhindern, dass sich das Gebäude im Sommer aufheizt und produzieren den Strom fürs Melkkarussell. Im September wurde die Zwei-Millionen-Investition eingeweiht.

Während andere aufgaben, plante Jochen Vömel auf der Insel Rügen einen neuen Kuhstall

Geplant hat der gebürtige Hesse den Neubau vor etwa zwei Jahren, mitten in der Milchkrise. Als viele Höfe ans Aufgeben dachten und in MV mehr als 120 Betriebe es auch taten, wie Stephan Hartwig vom Landeskontrollverband für Milch-Leistungs- und Qualitätsprüfung in Güstrow (Landkreis Rostock) sagt. „Es ist wichtig, dass Milchbauern Mut zum Weitermachen haben. Wenn keine Tiere mehr im Stall stehen, was hat das noch mit Landwirtschaft zu tun?“, meint Hartwig. Auch Christian Karp vom Bundesverband Deutscher Milchviehhalter weiß: „Viele standen vor der Grundsatzentscheidung: Steig’ ich aus oder investiere ich noch mal.“ Über Jahre sei mit der Milch „nicht richtig verdient“ worden, für Investitionen fehlte das Geld. Gute Mitarbeiter für den Stall seien nur noch schwierig zu finden. Karp selbst macht weiter. Seinen Milchhof in Kraak bei Schwerin erweitert der 44-Jährige auf 800 Milchkühe. „Ich hab 2012 einen Stall gebaut. Da muss ich 20 Jahre melken, um den Kredit zu bezahlen.“

Auch für Jochen Vömel „wäre Aufhören leichter gewesen“, sagt der 51-Jährige. „Wir wollen aber, dass hier auch in 30 Jahren noch Milch produziert wird.“ Denn auch mit ihren Feldern und Wiesen trage die Tourismusinsel zur Wertschöpfung bei. Das Grünland sei gutes Weideland. „Wir erzeugen regionale Lebensmittel“, sagt der Vater von zwei Kindern.

Die Familie kam vor 25 Jahren mit kleinem Sohn auf die Insel. Die Tochter wurde schon auf Rügen geboren. Zusammen mit Vater Irmfried (heute 82) hatten sie 1996 den Parchtitzer Hof aus der Insolvenz gekauft. „Ich habe das Glück, einen Beruf zu haben, der mir Berufung ist, schon als Sechsjähriger wollte ich Bauer werden“, erzählt Jochen Vömel. Auch seinen Sohn, der jetzt in Neubrandenburg Landwirtschaft studiert, nahm er von Kindesbeinen mit in den Stall.

Im Neubau fühlen sich die Kühe wohl. Unter drehbaren Bürsten stehen sie Schlange zur Nackenmassage. Das gehäckselte Weizenstroh auf den Liegeflächen ist mit Rügener Kreidekalk gemixt, Wellness für Haut und Fell. Seitenwände aus Netzen sorgen dafür, dass es hell und luftig ist. Bei Wind schützen Jalousien vor Zugluft. Doch bei allem Kuhkomfort, auch für die Mitarbeiter soll der Stall durch besseres Arbeitsmanagement Vorteile bringen. Mit künftig 500 Milchkühen und insgesamt etwa 1000 Rindern sollen statt bisher sieben dann neun Angestellte beschäftigt werden. Vömel: „Dann bieten wir Schichtarbeit mit geregelten freien Tagen an.“

Mehr als 120 Höfe im Land schafften ihre Kühe ab

172100   Milchkühe gibt es in MV.     2015 waren es noch       mehr als 181000. Im Durchschnitt gibt jede Kuh pro Jahr 9500 Liter Milch.

Die Zahl der Milchviehbetriebe in MV lag mehrere Jahre bei etwa 750 Höfen. In der Milchkrise 2015/16 schafften jedoch über 120 Höfe die Kühe ab. In diesem Jahr stellten laut Milchkontrollverband nochmals 26 Milchviehbetriebe in MV das Melken ein. Im ostdeutschen Norden halten die größeren Betriebe im Schnitt rund 350 Milchkühe.

60 Prozent der Kühe in Deutschland werden laut Bundesverband Deutscher Milchviehhalter in Beständen mit weniger als 50 Kühen gehalten. Nur vier Prozent der Höfe haben mehr als 200 Milchkühe. Von den bundesweit rund 70000 Agrarbetrieben mit Milchvieh schafften in der Krise innerhalb eines Jahres mehr als 3000 ihre Kühe ab.

Elke Ehlers

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