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00:00 16.02.2017
Finaler Handgriff am Alkoven: Fahrtec-Mitarbeiter Frank Schröber (32) übernimmt die Endmontage des Signalanlagen-Trägers. FOTOS (2): NORBERT FELLECHNER

Die Visite läuft wie geschmiert. Alles passt, nichts quietscht. Frank Schröber (32) nickt zufrieden und wirft die Hecktür ins Schloss. Klappe zu, Patient startklar. Nur noch zwei, drei kleine Eingriffe, dann geht’s ab auf die Straße. Leben retten.

In Neubrandenburg baut das Unternehmen Fahrtec Rettungswagen mit Kofferaufbau für Feuerwehren in ganz Deutschland.

Frank Schröber ist Vorarbeiter bei Fahrtec. Die Firma baut in Neubrandenburg Fahrzeuge, auf die Retter in ganz Deutschland abfahren: Ambulanzwagen mit Koffer- Aufbauten, die in Skelettbauweise entstehen. Für die Koffer werden Vierkantprofile aus Aluminium zu einem Gerüst verschweißt. Dieses wird dann mit Metallplatten beplankt, auf Bodenplatten montiert und schließlich zur mobilen Notaufnahme ausgebaut. Tragentisch, Medikamentenschränke, Technik – alles, was im Notfall hilft, findet auf wenigen Quadratmetern Platz. Die spezielle Bauweise hat einen entscheidenden Vorteil. „Sie bietet ein Maximum an Sicherheit für Patienten und Einsatzkräfte“, sagt Stefan Pagenkopf (35), Assistent der Geschäftsführung. Das Alu-Skelett gibt jedem Koffer Halt, wenn’s kracht. Zum Beispiel bei Auffahrunfällen am Einsatzort. Die passieren immer öfter, sagt Stefan Pagenkopf. Während aus Verbundstoffplatten gefertigte Sprinter dabei förmlich in tausend Teile zerspringen würden, blieben die Alukoffer – bis auf ein paar Dellen – in Form, erklärt Pagenkopf. Die Kraftpakete sind begehrt: 160 Kofferfahrzeuge liefert Fahrtec pro Jahr aus. Hinzu kommen Sondermodelle, wie komplett mit Blei ausgekleidete Röntgenmobile oder Transporter für Intensivpatienten.

Die Firmengeschichte der Alubauer ist eine Glanzleistung. Als die Diehl-Gruppe im Jahr 2001 ihre Neubrandenburger Fahrzeugwerke GmbH schließen will, ergreifen drei Existenzgründer die Chance:

Karl-Peter Boddenberg, sein Sohn Michael und Siegbert Hüttel kaufen den Produktionsbereich, retten damit 35 Jobs und legen den Grundstein für Fahrtec.

Heute beschäftigt das Unternehmen 165 Mitarbeiter, setzt 25 Millionen Euro pro Jahr um. Feuerwehren, das Deutsche Rote Kreuz und der Arbeiter-Samariterbund sind Stammkunden bei den Neubrandenburgern.

Und in Kauflaune. Weil der Bedarf an Rettungsfahrzeugen stetig steigt und in jüngster Vergangenheit viele Flüchtlinge versorgt werden mussten, hätten Rettungsdienste ihre Flotten verstärkt, sagt Stefan Pagenkopf.

In der Produktionshalle operiert Steffen Kort am blanken Gerippe: Der 35-Jährige schweißt Bodenplatten und Alustreben zusammen. Jede Naht muss sitzen, schließlich hängen davon einmal Menschenleben ab. Das Skelett ist bei allen Koffern gleich, was drinsteckt nicht. Jedes Einsatzfahrzeug ist ein Unikat, produziert in gut 800 Arbeitsstunden. Das Grundmodell – der Rettungswagen Typ C – wird so umgebaut und bestückt, wie es sich der Kunde wünscht. Was wo und wie mit an Bord soll, legt der Auftraggeber fest. Gleiches gilt für die Optik. Der Boden in Blau oder Grau? Der Lack schlicht weiß

oder schwefelgelb? Die Details hält der Fahrtec-Projektleiter in Plänen fest. „Wie beim Hausbau“, verdeutlicht Stefan Pagenkopf. Die Liste ist beliebig lang. „Bei Bedarf liefern wir Kunden das Komplettpaket bis hin zum kleinsten Pflaster.“

So viel Individualität kostet. 120000 Euro sind für einen fabrikneuen Rettungswagen fällig. Aufwendige Medizintechnik noch nicht mitgerechnet. „Wir sind die teuersten am Markt“, sagt Pagenkopf.

Und dennoch gefragt. Vor allem in Nordrhein-Westfalen sind die fahrbaren Notaufnahmen aus Mecklenburg ein Renner. „Langsam holen wir im Osten auf“, sagt Pagenkopf. Noch aber würden Rettungsdienste hier traditionell Kastenwagen einsetzen. Dabei haben die Koffer einen entscheidenden Vorteil: Sie lassen sich umsetzen. Ist ein Trägerfahrzeug schrottreif oder hat zu viele Kilometer auf dem Tacho, wird der Koffer schlicht auf einen Neuwagen montiert. „Etwa jeder vierte Koffer kommt irgendwann so zu uns zurück“, sagt Pagenkopf. Die Alukoffer werden aufpoliert, nachgerüstet und sind dann so gut wie neu. Mit dem Kofferwechsel sparen sich Rettungsdienste viel Geld. Die Zweitverwertung ist im Vergleich zu einem Mobil frisch vom Werk um ein Drittel günstiger.

In der Abnahmehalle prüfen Feuerwehrleute aus Hamburg, ob beim Kofferwechsel an ihren Fahrzeugen alle Wünsche erfüllt worden sind. Die Hamburger sind Großabnehmer in Neubrandenburg. Weit über 100 Fahrtec-Koffer rollen mittlerweile durch die Elb-Metropole, berichtet Stefan Pagenkopf. „Wenn Sie den Hamburger ’Tatort’ schauen, werden Sie wohl immer einen unserer Rettungswagen entdecken.“ Der 35-Jährige erkennt die Flitzer schon an ihrer Charakter-Nase – dem Fahrtec-Alkoven überm Fahrerhaus. Der Anblick macht ihn stolz und beruhigt. „Ich fühl’ mich gleich etwas sicherer, wenn ich eines unserer Fahrzeuge auf der Straße seh'“, sagt Pagenkopf und lacht.

Spezialfahrzeuge für den Ernstfall

165 Mitarbeiter, davon 14 Lehrlinge, sind bei Fahrtec beschäftigt.

25 Millionen Euro Jahresumsatz erwirtschaftet die Firma aus Neubrandenburg. 160 Kofferfahrzeuge werden pro Jahr im Werk gebaut. Hinzu kommen noch sechs bis acht Sonderfahrzeuge, wie Röntgenmobile oder Intensiv-Wagen, sowie mehrere NotarztEinsatzfahrzeuge.

16 Alu-Koffer verlassen das Werk pro Monat. Die Lieferzeit pro Stück beträgt etwa 16 Wochen.

800 Stunden Arbeit stecken durchschnittlich in einem Kofferfahrzeug.

Antje Bernstein

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