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Wirtschaft Per Du mit dem Chef: Firmen setzen auf Wir-Gefühl
Nachrichten Wirtschaft Per Du mit dem Chef: Firmen setzen auf Wir-Gefühl
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00:01 28.04.2016
Rostock

Firmenchefs und Bürobosse nehmen's mit dem Knigge locker. Viele von ihnen verzichten bewusst auf das förmliche Siezen. Selbst Top-Manager geben ihrer Belegschaft gegenüber immer häufiger den coolen Kumpeltypen. Daimler-Chef Dieter Zetsche trägt lässig Jeans statt Anzug und Krawatte. Hans-Otto Schrader, Vorstandschef der Handelsgruppe Otto, hat seinen weltweit 53000 Mitarbeitern das Du angeboten — vorausgesetzt, sie sprechen ihn dafür mit seinem Kurznamen Hos an.

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Professionelle Distanz oder freundschaftliche Nähe zum Chef: Was halten Sie, liebe Leser, vom Du am Arbeitsplatz?

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Vertrauliche Töne schlagen auch viele Unternehmer in MV an. Zu ihnen zählt Thomas Weisener. Der Geschäftsführer des Schweriner Mikropumpenbauers HNP ist per Du mit all seinen 78 Mitarbeitern. Mit denen geht er nach Dienstschluss auch mal ins Theater oder zu Konzerten. Das kommt an: Die Belegschaft schätzt ihren nahbaren Chef. Ein vertrautes Miteinander sei die Basis für den Unternehmenserfolg, erklärt Personal-Teamleiterin Mirana Hoemcke. „Allein die Anrede Du ist nicht der Schlüssel. Es kommt darauf an, dass man respektvoll miteinander umgeht und sich gegenseitig wertschätzt.“

Die Befehlskultur hat ausgedient, ist Jens Matschenz von der Vereinigung der Unternehmensverbände MV überzeugt. Die Du-Anrede am Arbeitsplatz sei etabliert, die Hierarchien in den meist kleinen und mittelständischen Unternehmen im Land flach. Besonders häufig geduzt werde sich in Handwerks- und Familienbetrieben. Dort sei das Verhältnis zwischen Boss und Mitarbeitern schließlich oft über Jahre hinweg gewachsen. „Das Klischee des klassenkämpferischen Gegensatzes zwischen Unternehmensführung und Arbeitnehmern entspricht nicht der Realität.“ Für den Unternehmenserfolg müssten alle an einem Strang ziehen. Ohne gutes Betriebsklima gelinge das nicht.

Das Wir-Gefühl und eine offene Unternehmenskultur verjünge Betriebe und stärke den Teamgeist, sagt Claus Ruhe Madsen, Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Rostock. „Ein Sie wirkt dagegen sehr distanziert.“ In seinem Unternehmen, der Möbelhauskette Wikinger, sei Duzen Firmenphilosophie. Für ihn als gebürtigen Dänen ist es in allen Lebenslagen selbstverständlich. „In Dänemark siezt man niemanden — außer die Königin.“ Umso mehr verwundere es ihn, dass sich in manch deutschem Unternehmen Chefs und Angestellte und selbst Kollegen untereinander mit Sie anreden, auch wenn sie sich seit Jahrzehnten kennen. Mit der steigenden Zahl kreativer Berufe und Start-Up-Unternehmen wandele sich das aber, ist sich Madsen sicher. Traditionell konservative Branchen wie Banken, Versicherungen und Behörden fremdeln hingegen häufig mit dem Du. Auch Unternehmer älteren Semesters halten gern am Sie fest. Wohl auch, um Seriösität auszustrahlen, vermutet Madsen. „Aber ein Titel schafft kein Ansehen oder Respekt. Beides verdient man durch Leistung. Das gilt für Mitarbeiter und Chefs.“

Geschäftsmann und Kumpel — André Beckerman glückt der Spagat offenbar. Lässiges Outfit und immer einen witzigen Spruch auf den Lippen: So kennen die 75 Mitarbeiter der Beschichtungspulver GmbH Ganzlin am Plauer See ihren Chef. Nicht nur im Dienst. Auch privat ist er mit seinen Leuten eng verbunden. Er richtet für sie Feste aus, geht mit ihnen angeln und segeln. Das mache ihm selbst Spaß

und sich zudem bezahlt, sagt Beckerman. Sein Team sei dem Unternehmen emotional verbunden und mache sich dafür gern stark.

Das Du kann Mitarbeiter motivieren, sagt Dr. Bianca Meyer vom Institut für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Uniklinik Rostock. „Es birgt aber auch Gefahren: Hat man sich einmal auf das Du geeinigt, kann man es nicht mehr zurücknehmen, wenn man merkt, es funktioniert nicht. Eine abgebaute Distanz bleibt abgebaut.“ Das Du müsse vom Vorgesetzten ausgehen. Wenn Mitarbeiter dessen Freundlichkeit jedoch bezweifelten, sei das Vertrauen womöglich schnell zerstört.

Duzen, Siezen, Erzen

Hamburger Sie

Die Beteiligten siezen sich, sprechen sich aber mit dem Vornamen an. Beispiel: „Inge, das haben Sie gut gemacht!“

Münchener Du

Die Gegenüber sind per Du, nutzen aber den Nachnamen. Beispiel: „Herr Müller, wie siehst du das?“

Berliner Er/Sie/Wir

Als Anrede dient die dritte Person Singular oder die erste Person Plural. Beispiel: „Hat er schon seine Aufgabe erfüllt?“; „Wie fühlen wir uns heute?“

Von Antje Bernstein

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