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Wirtschaft Praktiker-Pleite: Aus für Riesen-Rabatte
Nachrichten Wirtschaft Praktiker-Pleite: Aus für Riesen-Rabatte
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04:25 12.07.2013
Praktiker schrieb seit Jahren rote Zahlen. Dennoch wurde dauerhaft mit ruinösen Rabatten geworben. Quelle: dpa

Nie wieder „20 Prozent auf alles“. Nie mehr Rabatt-Angebote, die dem sparsamen Hobby- Handwerker Tränen der Freude in die Augen treiben: Die Baumarktkette Praktiker hat gestern wegen Überschuldung und Zahlungsunfähigkeit ein Insolvenzverfahren beantragt. Der Insolvenzantrag beim Amtsgericht Hamburg sei für die Praktiker- sowie für die Extra- Bau+Hobby-Märkte gestellt worden, teilt das Unternehmen mit. Alle diese Märkte würden uneingeschränkt fortgeführt. Die Firmentochter Max Bahr mit zurzeit 132 Märkten und das Auslandsgeschäft sollen von der Pleite jedoch nicht betroffen sein. Die Insolvenz sei eine menschliche und existenzielle Tragödie für die Mitarbeiter, erklärt die Gewerkschaft Verdi.

Die Baumarktkette hat zurzeit etwa 20 000 Mitarbeiter, davon 12 000 in 315 Baumarkt-Filialen in Deutschland. Je die Hälfte sei bei den beiden Konzern-Marken Praktiker sowie Max Bahr beschäftigt, teilt ein Sprecher mit. 2012 lag der Umsatz bei rund drei Milliarden Euro, die Schuldenlast bei knapp 500 Millionen Euro. 2005/2006 hatte sich die Metro AG als Gesellschafter zurückgezogen. Seitdem wird das Unternehmen von mehreren Anteilseignern beherrscht.

Das Unternehmen will jetzt eine „Regelinsolvenz mit dem Ziel, einen Sanierungsplan zu erstellen“, einleiten. Die Aktie der Praktiker AG stürzte gestern Morgen um rund 70 Prozent ab — auf rund 0,11 Euro. Im Laufe des Tages erholte sich der Kurs dann ein wenig.

In den einzelnen Baumärkten befürchten die Mitarbeiter jetzt, dass viele von ihnen den Arbeitsplatz verlieren. „In Mecklenburg-Vorpommern betreiben wir zurzeit noch drei Praktiker-Märkte, in denen insgesamt 154 Mitarbeiter tätig sind“, sagt Jessica Horn, Referentin der Pressestelle der Praktiker AG in Hamburg: in Sievershagen bei Rostock, in Langendorf bei Stralsund und in Neubrandenburg. Über die Schließung von Märkten oder Entlassungen von Mitarbeitern in MV könne zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts gesagt werden, erklärt Jessica Horn. Weitere drei vormalige Praktiker-Märkte im Nordosten seien im Herbst 2012 auf die Tochtermarke Max-Bahr umgestellt worden: in Bentwisch bei Rostock, in Gägelow bei Wismar und in Greifswald.

Die finanziellen Probleme der Kette sind nicht neu: Das Unternehmen schreibt seit Jahren rote Zahlen, ein Hauptgrund dafür ist die fehlgeschlagene Rabattstrategie „20 Prozent auf alles“. Vorgestern erst waren Verhandlungen über weitere Finanzierungen endgültig gescheitert. Einzelne Gläubigergruppen hätten nicht zugestimmt, teilt die Baumarkt-Kette mit.

Die Mitarbeiter der Praktiker- sowie der Extra-Bau+Hobby-Märkte wollten zur Rettung des Unternehmens für drei Jahre auf jeweils rund fünf Prozent ihres Jahresgehaltes verzichten, heißt es bei Verdi.

Ein Tarifvertrag war im Oktober 2012 abgeschlossen worden. „Umso bitterer ist es, dass nun in der Folge der Insolvenz viele der Menschen ihren Arbeitsplatz und damit ihre berufliche Existenz verlieren könnten“, erklärt Stefanie Nutzenberger, Verdi-Bundesvorstandsmitglied für den Handel.

Indes glaubt die österreichische Großaktionärin Isabella de Krassny an die Rettung des Unternehmens. „Wenn jetzt alle Beteiligten an einem Strang ziehen, lässt sich Praktiker auch in der Insolvenz sanieren“, sagt die Österreicherin. Es sei jedoch davon auszugehen, dass rund 80 defizitäre Praktiker-Filialen geschlossen werden müssten, erklärt de Krassny. Zudem müsse frisches Geld in Höhe von mindestens 40 Millionen Euro von Investoren eingesammelt werden.

Europas Marktführer, die Baumarktkette Obi, will den kriselnden Konkurrenten Praktiker jedenfalls nicht retten. „Wir werden mit Sicherheit keine Kette übernehmen“, betont Karl-Erivan Haub, Chef des Obi-Mutterkonzerns in Mülheim an der Ruhr. Das Exposé zu Praktiker habe man bereits vier Mal auf dem Tisch gehabt. „Es wurde zwar immer preiswerter, aber nicht besser“, sagt Haub. Obi könnte an einigen guten Standorten interessiert sein. Wie viele Praktiker-Filialen infrage kämen, will der Chef des Tengelmann-Konzerns, zu dem Obi gehört, aber nicht sagen.

Deutschlands Baumärkte
2400 Baumärkte gibt es bundesweit (1982: 720 Märkte). Viele von ihnen gehören zu Ketten — eine Auswahl:

Obi: gehört zur Unternehmensgruppe Tengelmann, 344 Filialen bundesweit (2012) mit 3,75 Milliarden Euro Umsatz in Deutschland (2012).

Bauhaus: Eigentümer ist die Familie Baus (Zug/Schweiz), 139 Filialen mit 2,73 Milliarden Euro Umsatz.

Praktiker, Max Bahr, extra Bau+Hobby: gehört einer Gruppe Anteilseigner in In- und Ausland, 315 Filialen, 2,6 Milliarden Euro Umsatz.

Toom Baumarkt, B1 Discount Baumarkt: Tochter des deutschen Handelskonzerns Rewe, 352 Filialen, 2,44 Milliarden Euro Umsatz.

Zeus, Hagebaumarkt, Werkers Welt, Floraland: Zusammenschluss von 670 Märkten, 2,43 Milliarden Euro Umsatz.

Hornbach: gehört größtenteils der Familie Hornbach, 91 Baumärkte, 2,05 Milliarden Euro Umsatz.

Globus, Hela: Unternehmen der Familie Bruch, 80 Baumärkte, 1,26 Milliarden Euro Umsatz.

Hellweg: gehört Reinhold Semer, 135 Filialen, 963 Mio. Euro Umsatz.

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