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Nachrichten Wirtschaft Report: Grenzregionen auf Reaktorunfall schlecht vorbereitet
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18:03 31.01.2018
Deutschland, Belgien und die Niederlande seien auf ein Reaktorunglück im belgischen Atomkraftwerk Tihange nicht gut vorbereitet, warnte der niederländische Untersuchungsrat für Sicherheit. Quelle: Oliver Berg/archiv
Den Haag

Eine Großregion, drei Sprachen und ganz viele Katastrophenpläne: Bei einem schweren Nuklearunfall im belgischen Atomkraftwerk Tihange würde die Katastrophenhilfe in der Grenzregion nach einer neuen Studie nicht gut funktionieren.

Deutschland, Belgien und die Niederlande seien auf ein solches Reaktorunglück nicht gut vorbereitet, warnte der niederländische Untersuchungsrat für Sicherheit in einem in Den Haag vorgelegten Report. Die drei Länder müssten ihre Katastrophenpläne besser abstimmen und die Bürger klarer informieren.

Anlass der Studie war die große Unruhe über schwere Sicherheitsmängel bei den zwei belgischen Kernkraftwerken Tihange nahe Aachen und Doel bei Antwerpen. Deren Sicherheit ist wegen Tausender feiner Risse umstritten, außerdem kommt es immer wieder zu Pannen. In die Untersuchung wurden auch noch das niederländische AKW Borssele und das deutsche Kraftwerk Emsland einbezogen. Bei einem Nuklearunfall wären Zehntausende Menschen auch in den jeweils angrenzenden Ländern betroffen.

„Die Wahrscheinlichkeit eines schweren Unfalls bei einem Atomkraftwerk ist gering“, heißt es in dem Bericht, obwohl die Sicherheit der Kraftwerke selbst gar nicht untersucht worden war. „Das internationale System von Kontrolle und Aufsicht funktioniert sehr gut“, sagte der Vorsitzende des Untersuchungsrates, Tjibbe Joustra, der Deutschen Presseagentur. Doch beim Schutz der Bürger ginge einiges schief: „Der Untersuchungsrat stellt fest, dass die Zusammenarbeit auf Papier zum Teil geregelt ist, aber wahrscheinlich nicht gut verlaufen wird, wenn tatsächlich ein Nuklearunglück geschieht.“

So ergreifen etwa alle drei Länder unterschiedliche Maßnahmen, um Bürger vor Strahlungen zu schützen. Und so könnte es passieren, dass Deutschland ein weitaus größeres Gebiet evakuiert als Belgien, oder dass ein Land mehr Jod-Pillen verteilt als das andere. „Um Panik und Unruhe zu verhindern, müssen Bürger klar und eindeutig informiert werden“, forderte der Vorsitzende Joustra. Völlig unklar ist auch, wer im Notfall entscheidet. Und es gibt kaum gemeinsame Übungen.

Die Bundesregierung will in Reaktion auf den Report mögliche Verbesserungen beim Notfallschutz nach einem nuklearen Unfall prüfen. Das Bundesumweltministerium dränge seit Jahren darauf, die Planungen in Europa besser anzugleichen, teilte das Ministerium in Berlin mit. Zur Verbesserung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit gebe es einen guten Austausch mit den Nachbarländern. Trotz des bevorstehenden Atomausstiegs bleibe der radiologische Notfallschutz für die deutschen Behörden eine wichtige Aufgabe.

Die Katastrophenschutzpläne müssten angepasst werden, fordert auch der Chef der Aachener Städteregion, Helmut Etschenberg. Bei einem atomaren Unfall in Belgien würden sich viele Menschen aus Belgien nach Osten, also weg vom Kernkraftwerk, in Sicherheit bringen. „Die Kurzschlussreaktion bei vielen Menschen ist ja: Ins Auto setzen und losfahren. Die kommen ja bei uns an. Und das ist bisher in den Katastrophenschutzplänen nicht berücksichtigt.“ Es gibt aber kleine Schritte zur besseren Zusammenarbeit. In allen Leitstellen der Dreiländerregion würden bereits alle drei Sprachen gesprochen.

Vor allem in der Aachener Region ist die Furcht vor einem Atomunfall in Belgien groß. Das mangelhafte Kraftwerk Tihange liegt nur 70 Kilometer entfernt. Politiker und Kommunen fordern schon lange die Abschaltung des „Pannenreaktors“ und strengten bereits mehrere Klagen an. Im Juni 2017 hatten noch Zehntausende Atomkraftgegner aus allen drei Ländern mit einer Menschenkette demonstriert. „Die Behörden müssen die Sorgen der Bürger ernstnehmen“, mahnte nun auch der Vorsitzende des Untersuchungsrates, Joustra.

Die niederländische Aktionsgruppe „Stop Tihange“ forderte auch mehr Katastrophenschutzübungen und beklagte, dass der Rat von der Sicherheit der Reaktoren ausgeht. „Wie können sie das sagen? Sie haben das doch gar nicht untersucht“, sagte der Vorsitzende Jos Gulikers. Er verwies auf wissenschaftliche Studien, nach denen die Sicherheit der belgischen Reaktoren eben nicht garantiert werden könne.

Eine Studie im Auftrag der Städteregion Aachen war zu dem Schluss gekommen, dass bei einem Reaktorunfall in Tihange das Grenzland, weite Teile des Rheinlands verstrahlt und die Stadt Aachen sogar unbewohnbar werden könnte.

dpa

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