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30 Jahre nach Tschernobyl: Die Ostsee strahlt immer noch

Rostock/Hamburg 30 Jahre nach Tschernobyl: Die Ostsee strahlt immer noch

Höchste Belastung aller Meeresgebiete weltweit Experte: Werte sind aber für Mensch und Umwelt unbedenklich

Rostock/Hamburg. Im April 1986 war das westdeutsche Forschungsschiff „Gauss“ in der Ostsee unterwegs, um das Algenwachstum zu untersuchen. Als die Forscher östlich der schwedischen Insel Gotland hörten, dass in Tschernobyl etwas in einem Atomkraftwerk passiert sei, schalteten sie sicherheitshalber ihr Strahlenmessgerät ein. Und tatsächlich: Die Werte im Wasser waren stark angestiegen. Bis heute hat sich die Ostsee von dem Super-GAU nicht völlig erholt. Sie ist immer noch die am stärksten mit radioaktivem Caesium 137 belastete Meeresregion der Welt.

 

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Die Crew des Forschungsschiffs „Deneb“ nimmt Wasserproben.

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Hartmut Nies war damals Leiter der Arbeitsgruppe Radioaktivität am Deutschen Hydrographischen Institut in Hamburg. „Ich hatte von dem Unglück in den Nachrichten gehört und dachte zunächst: Das ist ja weit weg, das hat nichts mit uns zu tun“, erinnert er sich. Als die Informationen aber immer beunruhigender werden, will er es genauer wissen: Am 3. Mai 1986 nimmt er eine Probe vom frisch gemähten Gras aus Nachbars Garten und analysiert sie im Institut. „Ich konnte kaum glauben, was ich sah: Das Gras war hochgradig kontaminiert“, erzählt Nies.

Als die „Gauss“ wenig später von ihrer Fahrt zurückkehrt, hat sie auch Wasserproben an Bord. „Im Oberflächenwasser konnten wir Strahlung nachweisen“, sagt Nies. Er nimmt Kontakt zu den Kollegen in den anderen Ostsee-Anrainerstaaten auf, um eine flächendeckende Messkampagne zu starten. Die Skandinavier machen mit, aber die Sowjetunion und die DDR erteilen keine Genehmigung, in ihren Gewässern zu messen.

Im Jahr darauf wird die Messung wiederholt — diesmal sind alle Länder dabei. „So konnten wir einen sehr guten Überblick gewinnen, wie sich die Strahlung innerhalb eines Jahres verteilt hat“, sagt Nies. Die Ergebnisse entsprechen den Erwartungen: Die Belastung im Meer ist deutlich geringer als an Land, weil die Kontamination im Wasser schnell verdünnt wird.

Inzwischen ist die Belastung weiter zurückgegangen, doch ganz verschwunden ist sie nicht. „Vor Tschernobyl lag die Strahlung in der Ostsee bei 15 Becquerel pro Kubikmeter Wasser. Nach dem Unglück waren es bis zu 1000, heute sind es in der westlichen Ostsee noch 25“, sagt Jürgen Herrmann, Strahlungsexperte beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH), wie das Hydrographische Institut heute heißt. Becquerel gibt die Aktivität einer radioaktiven Substanz an.

„Die Belastung ist so gering, dass sie keine Auswirkungen auf Mensch und Umwelt hat“, beruhigt Herrmann. Das zeigt sich etwa am Fisch: Die Strahlendosis, die man im Schnitt als Folge des Tschernobyl-Unglücks pro Jahr durch den Verzehr von Ostseefisch aufnimmt, beträgt nur ein Achtel der von Natur aus im Fisch vorkommenden Radioaktivität und nur 1,4 Prozent der von der EU festgelegten Höchstdosis. Aber immerhin: „In Bezug auf das strahlende Caesium 137 ist die Ostsee auch heute noch das am stärksten kontaminierte Meeresgebiet der Welt“, sagt Herrmann. Grund sei zum einen die Beschaffenheit der Ostsee, die kaum Abflüsse hat: „Was in die Ostsee eingetragen wird, bleibt auch lange in der Ostsee.“

Zudem ist die Ostsee im Weltmaßstab sehr klein. So ist die Radioaktivität im Wasser hier immer noch höher als etwa im Bikini-Atoll, wo die USA bis in die 1960er Jahre Atomwaffen testeten. „Wegen des großen Wasserkörpers des Pazifiks haben sich dort die radioaktiven Stoffe schneller verteilt“, erklärt Herrmann. Der gleiche Effekt sei nach dem Reaktorunglück im japanischen Fuku- shima 2011 zu beobachten.

Herrmann rechnet damit, dass die Strahlung in der Ostsee in etwa zehn Jahren wieder auf die Werte vor Tschernobyl gesunken sein wird — 40 Jahre nach dem Super-GAU.

Ostseetag am 8. Juni

Der Zustand der Ostsee ist Thema des Ostseetages am 8. Juni in Rostock. Das Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW), das Thünen-Institut für Ostseefischerei, das Deutsche Meeresmuseum Stralsund und das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) laden zu Vorträgen, Diskussionsrunden und Besuchen auf drei Forschungsschiffen im Stadthafen. Auch an Land wollen die Experten mit der Öffentlichkeit über aktuelle Forschungsthemen ins Gespräch kommen.

• Programm: www.ostseetag.info

Von Axel Büssem

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