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Ein Prinz auf großer Abschiedstour

Rostock/Gedser Ein Prinz auf großer Abschiedstour

Die Scandlines-Fähre „Prins Joachim“ wird in den nächsten Wochen vom Neubau „Berlin“ abgelöst / Die Crew ist gespannt — aber auch Wehmut schwingt mit

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Maschinist Nicholas Bady hat sich sogar den Namen und das Bild der „Prins Joachim“ auf den Unterarm tätowieren lassen. Er wird die Handarbeit auf der „alten Dame“ vermissen. Fotos (4): Frank Söllner

Rostock/Gedser. Bei der Ausfahrt aus dem Hafen Gedser ruckelt es die „Prins Joachim“ heftig durch. Eigentlich ist es nur das Bugstrahlruder, das die Fähre auf Heimatkurs Rostock dreht. Doch man hat den Eindruck, dass sich das Schiff nur schwer von der dänischen Stadt losreißen kann — wie ein vorgezogener Abschiedsschmerz. Denn die „Prins Joachim“

dreht derzeit die letzten Runden auf ihrer angestammten Route über die Ostsee.

Auf der Brücke hat Kapitän Dirk Pevestorff das Kommando. Der 51-Jährige fährt seit 35 Jahren zur See und hat schon auf allen Scandlines-Fähren Dienst getan. Zur „Prins Joachim“ hat er ein besonderes Verhältnis: „2001 habe ich hier als Erster Offizier angefangen, als das Schiff erstmals auf der Route Rostock — Gedser eingesetzt wurde“, erinnert er sich.

2005 verließ er das Schiff — unter anderem um später an dessen Nachfolger mitzuarbeiten. In Stralsund wurden die „Berlin“ und die „Copenhagen“ gebaut, die die „Prins Joachim“ und ihr Schwesterschiff „Kronprins Frederik“ eigentlich schon 2012 ablösen sollten. Das ging gründlich schief: Die neuen Fähren waren zu schwer und mussten aufwendig umgebaut werden. Doch die Crew für die „Berlin“ war 2012 schon weitgehend zusammengestellt. Weil das Schiff aber nicht kam, sind die 145 Besatzungsmitglieder seitdem auf der „Prins Joachim“ geparkt — so auch Kapitän Pevestorff, der nun einer der Kapitäne der „Berlin“ werden soll. Sie wird als erstes der beiden neuen Schiffe ab diesem Mai fahren. Inzwischen ist die „Prins“ Pevestorff ans Herz gewachsen: „Sie fährt ausgezeichnet, manövriert schnell, hat den richtigen Tiefgang — sie ist für diese Linie einfach ideal.“

Aber er sieht auch Probleme: „Von ihren Dimensionen her ist sie einfach nicht mehr zeitgemäß. Wenn viel los ist, wird es doch sehr eng.“ Auch die eine oder andere Macke hat das 35 Jahre alte Schiff: „Zipperlein hat eine alte Dame immer“, beschwichtigt Pevestorff. „Man muss sie nur richtig pflegen.“ Zu den Zipperlein zählt er auch die Vibration durch das Bugstrahlruder. Das wird auf der „Berlin“ anders sein, ist er sich sicher: „Sie hat eine bessere Manövrierbarkeit dank ihrer um 360 Grad drehbaren Antriebsgondeln. Außerdem ist die Schiffsform deutlich schnittiger. So haben wir viele Möglichkeiten beim Navigieren, die wir auf der ,Prins‘ nicht haben — bei deutlich weniger Vibrationen.“

Angetrieben werden die Gondeln der „Berlin“ von einer Hybrid-Maschine, die von Diesel auf elektrische Energie umgestellt werden kann. Mit verantwortlich dafür wird Nicholas Bady sein. Der 28-Jährige ist bisher Maschinist auf der „Prins Joachim“ und freut sich auf seinen neuen Arbeitsplatz auf der „Berlin“: „Mit dem Hybridantrieb begeben wir uns auf den Weg zum reinen Batteriebetrieb. Das wird spannend.“ Allerdings wird er die „Prins“ auch vermissen. Er hat sich die Fähre sogar auf den Unterarm tätowieren lassen. „Für einen Teil meines Lebens gehörte die ,Prins‘ dazu. Es macht einfach Spaß, auf so einem alten Schiff zu arbeiten, wo noch viel von Hand gemacht wird.“ Temperatur und Öldruck messen, Ventile öffnen — auf der „Berlin“ wird das alles elektronisch ablaufen. „Aber die Elektronik kann auch mal ausfallen“, warnt Bady. „Dann muss man das Handwerk beherrschen. Und was ich auf der ,Prins‘ gelernt habe, lernen andere in zehn Jahren nicht.“

Uwe Lülow ist als Supervisor auf der „Prins Joachim“ für die Läden und die Gastronomie an Bord und damit für einen Großteil der Besatzung zuständig. „Für viele war die ,Prins‘ das erste Schiff überhaupt, das wird man immer vermissen“, meint der 56-Jährige. Zumal es für die Mitarbeiter auf der „Berlin“ stressiger werden könnte: Das Restaurant ist mit rund 320 Plätzen fast doppelt so groß

wie das der „Prins Joachim“, der Verkaufsbereich für Parfüm, Mode und Schmuck wird größer. „Vor allem Osteuropäer decken sich mit Parfüm ein, weil es deutlich billiger ist als an Land und weil sie sicher sein können, dass es nicht gefälscht ist“, erklärt Lülow.

Noch wenige Wochen, dann nimmt die Crew Abschied von der „Prins Joachim“, die bereits verkauft ist und in Griechenland weiterfahren wird. Auf der Brücke steht schon ein Modell der „Berlin“ —

wie um die Besatzung daran zu erinnern, dass sie nur auf Abruf auf dem alten Schiff arbeitet. Kapitän Pevestorff ist ein wenig wehmütig: „Wenn man so lange auf einem Schiff war, hängt schon eine Träne dran“, sagt er und seufzt: „ Ich mag das Schiff schon verdammt gern.“ Ein Andenken der „Prins“ will Pevestorff aber nicht behalten: „Ich habe ja die Erinnerung.“

• Video: www.ostsee-zeitung.de

25000 Mal „Hallo Rostock“

60 mal rund um die Welt: Etwa 2,5 Millionen Kilometer hat die „Prins Joachim“ seit 2001 auf der Route Rostock — Gedser zurückgelegt. Bei fünf Hin- und Rückfahrten täglich legte die 152 Meter lange Fähre in 15 Jahren mehr als 50000 Mal ab und wieder an. Sie hat Platz für 210 Autos und 977 Passagiere sowie 700 Lademeter für Lkw.

Künftig soll sie zwischen Italien und Griechenland fahren.

Von Axel Büssem

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