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Seewirtschaft Flotte Rentner: Bootseigner bleiben lange an Bord
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01:18 24.04.2017

Den Lebensabend als Landratte verbringen? Das wär’ nichts für Siegfried Karsten. Er macht lieber die Leinen los und steuert seine Motoryacht über die Seen in und rings um Schwerin. Siegfried Karsten ist 79. „Und wenn’s geht, jedes Wochenende an Bord“, sagt er und lacht. Um das Steuer selbst in die Hand zu nehmen, sei man nie zu alt. „Jedenfalls nicht, solange man in der Lage ist, sich vernünftig zu bewegen.“

Eine Einstellung, die offenbar viele im Nordosten teilen. Rentner nehmen tüchtig Fahrt auf: Der Altersdurchschnitt der privaten Bootseigner, die über die Ostsee und Binnengewässer Mecklenburg-Vorpommerns schippern, steige stetig, sagt Jürgen Tracht vom Bundesverband Wassersportwirtschaft (BVWW). Grund dafür sei nicht nur die von Jahr zu Jahr sinkende Zahl jener, die sich zum ersten Mal ein Boot kaufen. Viele Besitzer würden Yacht, Jolle und Co. nicht mehr wie einst mit Mitte 60 abgeben, sondern blieben bis weit über das 75. Lebensjahr hinaus an Bord. Der Trend zeige sich bundesweit. Einer Studie des BVWW zufolge hat sich die Zahl der Bootseigner 75 plus binnen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Ab dem Jahr 2025 werde die Altersgruppe 61 bis 75 Jahre in den Häfen dominieren, so die Prognose.

Als Präsident des Landesverbandes Motorsport MV kann Siegfried Karsten an den Biografien seiner Mitglieder ablesen, dass Fahrspaß keine Altersgrenzen kennt. „Gut die Hälfte ist über 60.“ Das trifft auch auf Herbert Voll zu. Der 72-Jährige bereitet auf dem Stralsunder Dänholm seine Yacht für den Saisonstart vor. Ende April will er mit seiner Frau wieder in See stechen. „Ich fühle mich fit wie ein Turnschuh und hoffe, dass ich noch viele Jahre auf der Ostsee herum segeln kann.“

Dass ältere Generationen auf Bootsport abfahren, zeigt sich auch bei den Einsteigern. Hannes Werner bringt mit seiner Fahrschule Maaß unter anderem in Rostock, Barth und Ribnitz-Damgarten angehende Kapitäne auf Kurs. Und seine Schüler sind mitunter mehr doppelt so alt wie der Enddreißiger. Selbst einem Pärchen Ende 80 habe er beigebracht, wie man sicher auf See manövriert. „Die Beiden haben sich nach der Prüfung eine Segelyacht gekauft und schicken mir immer noch Fotos von ihren Fahrten“, berichtet der Fahrschulchef. Besonders in Urlaubsregionen wie auf der Insel Hiddensee oder dem Darß würden Ältere Kurse bei ihm buchen. Viele seiner betagteren Schüler hätten einen Segelschein, möchten aber lieber aufs Motorboot umsteigen. „Mit dem kommen sie besser zurecht.“ Das Boot müsse zum Alter des Eigners passen, sagt Werner. „Einen 80-Jährigen würde ich eher nicht mehr als mit einem Sportkatamaran losschicken.“

Bootsbauer und -ausstatter hätten Senioren als wichtige Zielgruppe erkannt, sagt Jürgen Tracht. „Sie haben in der Regel Zeit und Geld. Beides macht sie für unsere Branche wertvoll. Unsere Bemühungen sind deshalb darauf ausgerichtet, diese Gruppe solange wie möglich an Bord zu halten.“ Das gelinge mit Modellen, die zeitgleich komfortabel, sicher und leicht zu manövrieren sind.

Erfolgversprechend seien Kaufargumente wie ausreichend Platz an Deck sowie im Wohn- und Schlafbereich, Technik, mit der sich Segel vom Cockpit aus bedienen lassen oder Assistenzsysteme, die beim An- und Ablegen helfen. Nicht minder wichtig sei die Gestaltung der Häfen, sagt Tracht. Nur dort, wo Zugänge breit und barrierefrei und Querstege stabil sind, könnten Senioren ihre Boote sicher beladen und kämen auch selbst leicht an Bord.

483000 private Bootseigner gibt es laut BVWW derzeit bundesweit. Der Verband schätzt, dass die Zahl bis zum Jahr 2025 aufgrund des demografischen Wandels auf 470000 sinken wird. 2035 sollen nur noch 428000 Privatleute ein Boot besitzen. Zum Vergleich: Im Jahr 2008 waren es noch 504000. Ihre Boote machen die Deutschen übrigens nicht nur in hiesigen Häfen und Marinas fest.

49000 Schiffe liegen laut BVWW an einem Steg in den Niederlanden, 19000 in Kroatien.

Antje Bernstein

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