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Seewirtschaft Lange Reisen, wenig Kontakte: Seeleute oft psychisch belastet
Nachrichten Wirtschaft Seewirtschaft Lange Reisen, wenig Kontakte: Seeleute oft psychisch belastet
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00:05 28.08.2017
Pastor Werner Gerke von der Seemannsmission in Bremerhaven an Bord des Containerschiffs „Ruth“ am Containerterminal. Quelle: Foto: Dpa

Rostock/Bremerhaven. Peter Geitmann ist lange zur See gefahren. Er kennt deshalb den Mythos des gestandenen Seemanns, der alles ertragen kann. „Seeleute, die sich für den Beruf entscheiden, wissen natürlich, worauf sie sich einlassen“, räumt Geitmann ein, der inzwischen Schifffahrtssekretär der Gewerkschaft Verdi ist. Aber ihnen werde oft mehr abverlangt, als sie seelisch verkraften könnten: Sie sind viele Monate unterwegs, arbeiten sieben Tagen die Woche, sind immer abrufbar, haben kaum Kontaktmöglichkeiten zu ihren Familien und leben auf engstem Raum mit Menschen unterschiedlichster Kulturen zusammen. „Man kann nicht zur Entspannung ins Kino oder ein Bier trinken gehen.“

„Das Bordleben bedeutet eine Extremsituation“, sagt auch Manuel Burkert. Der Arzt berät über Funk von Cuxhaven aus Seeleute, die auf den Weltmeeren unterwegs sind. Typisch sind Symptome, für die der Arzt an Land in der Regel nicht angefunkt wird. Eine Studie der Berufsgenossenschaft für Transport und Verkehrswirtschaft, für die über 300 Seeleute befragt wurden, zeigt, dass die Betroffenen Stress an Bord durch zu viel ungesundes Essen und Rauchen kompensieren. In schlimmeren Fällen kommt es zu Gemütsschwankungen, Depressionen, Schlafstörungen. Viele Seeleute leiden unter chronischer Müdigkeit, wodurch schneller Unfälle passieren. „Auf vielen Schiffen ist die Besatzungsstärke auf das absolute Minimum heruntergefahren“, beklagt auch Dorothea Flake, Diakonin bei der Seemannsmission Rostock. Weitere Stressfaktoren seien schwere See, Kontakt mit Flüchtlingen auf See oder gar Ertrunkenen, Vereinsamung.

Stresssymptome zeigten sich auch bei der ersten Augensprechstunde der Hilfsorganisation Mehrblick im Hamburger Hafen. Die Resonanz überraschte die Organisatoren. „Wir hatten einen Riesenzulauf“, erzählt die Hamburger Diakonin Maike Puchert. Viele Seeleute dachten, sie hätten einen Sehfehler, weil sie unter Lidzucken und tränenden Augen litten. Tatsächlich waren es Symptome von Erschöpfung.

„Vielen Crew-Mitgliedern steht die Müdigkeit ins Gesicht geschrieben“, sagt auch Seemannspastor Gerke, der in Bremerhaven regelmäßig an Bord geht. Denn der Schiffsbetrieb hat immer Vorrang. Für die einfachen Seeleute, die meist von den Philippinen oder aus Indien kommen, sind die Fahrtzeiten mitunter doppelt so lang wie für die nautischen Offiziere aus Europa oder Russland.

Manche verlören ihren Antrieb, zögen sich sozial zurück. Sie gewöhnten sich daran, auf kleinstem Raum zu leben, würden lethargisch und ängstlich neuen Situationen gegenüber. So blieben sie in Häfen selbst bei längeren Liegezeiten lieber an Bord. Andere nutzen einen Hafenstopp wenigstens für einen Besuch in der Seemannsmission, um dort mit der Familie zu telefonieren. denn: „Es gibt etliche Schiffe, die kein Internet für die Besatzung anbieten“, kritisiert Rolf Spannaus von der Seemannsmission Rostock. Vielen Reedereien sei das zu teuer. „Die Seeleute nutzen dann das W-Lan bei uns in der Mission“, sagt Spannaus. Die Studie der BG Verkehr kommt so auch zu dem Schluss, dass sich ein preisgünstiger Internetzugang positiv auf die Psyche der Seeleute auswirken könnte.

Janet Binder und Thomas Luczak

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