Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Seewirtschaft Leuchtturmwärter für einen Tag auf Estlands kleinster Insel
Nachrichten Wirtschaft Seewirtschaft Leuchtturmwärter für einen Tag auf Estlands kleinster Insel
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:29 30.04.2018
1719 wurde auf Befehl von Zar Peter I. auf Keri ein Leuchtturm errichtet, der heutige wurde 1803 in Betrieb genommen. Quelle: Foto: Schmidt–walther
Tallinn

Zum kleinen Baltikumstaat Estland gehören 2222 Inseln. Die kleinste von ihnen ist das nur drei Hektar große Keri mit seinem 31 Meter hohen Leuchtfeuer.

OZ-Autor Peer Schmidt-Walther hat das geschichtsträchtige und denkmalgeschützte Eiland besucht – für einen Crash-Kurs als Leuchtturmwärter.

Langsam senkt sich die Dämmerung über den Finnischen Meerbusen. Aber es gibt einen Wegweiser mit jeweils zwei Lichtsignalen, unterbrochen von mehreren Sekunden Pause: Das Leuchtfeuer von Keri ist nicht zu übersehen. Vorsichtig tastet sich Bootsführer Peep durch das flache Wasser. „Willkommen auf Keri, der vergessenen Insel! Nicht mal der Tod findet dich hier“, grinst der Este. Zur Hansezeit sei Keri deshalb auch ein Piratenversteck gewesen.

Im Leuchtturmwärterhaus riecht es muffig. Die Räume scheinen fluchtartig verlassen worden zu sein. In der primitiven Kombüse gibt es zumindest Gas zum Kochen. Für Strom sorgt ein Dieselgenerator aus sowjetischer Produktion im Nachbarhaus. „Wasser haben wir auch“, ist Peep stolz, „aus dem ersten Bohrloch strömte vor 200 Jahren Gas, das man praktischerweise für die Beleuchtung nutzte.“ Damals war der Leuchtturm von Keri der erste gasbefeuerte der Welt. Heute wird er mit Solarenergie versorgt.

Am Ende eines langen, finsteren Gangs mit aufgerissenen, knarrenden Holzdielen das Schlafzimmer: vier Bettgestelle, ein wackliges Tischchen, eine zersessene Couch. In der Decke klafft ein riesiges Loch. „Wir würden ja gern alles renovieren“, entschuldigt sich Peep, „aber das Geld dafür fehlt, obwohl die Insel samt Gebäuden ein Denkmal ist“. Nostalgikern gefällt allerdings das Ambiente. Der einzige Weg der Insel führt an der Sauna vorbei zum „Kino“, das mit zerschlissenen Klubsesseln vollgestellt und ungemütlich kalt ist. Peep wirft die altertümliche Technik an. Über die Leinwand flimmert ein selbst produzierter Streifen zur Geschichte von Keri, 1623 erstmals urkundlich erwähnt. 1719 wurde auf Befehl von Zar Peter I. ein Leuchtturm errichtet, der heutige wurde 1803 in Betrieb genommen und 1857 mit einem Metallaufsatz verstärkt. 2003 verließ der letzte Leuchtturmwärter die 300 mal 100 Meter lange Insel.

Doch heute können Gäste wieder nachempfinden, wie es sich damals so lebte, in einem Crash-Kurs für Leuchtturmwärter. Dazu gibt Peep am Abend noch eine kurze Einweisung. Danach wartet die erste Nacht. Der Wind pfeift um die Baracke. Zeit, um mit Trainingsanzug und Socken in den Schlafsack zu kriechen. Auf dem Tisch flackern Kerzen, die das Kabuff in gespenstisches Licht tauchen. Irgendwann trommelt ein Regenschauer auf das Blechdach und sorgt bald für wilde Träume von umhergeisternden Leuchtturmwärtern und an Land gespülten Schiffbrüchigen.

Am nächsten Morgen steht dann eine Inselerkundung auf dem Programm. Einen Steinwurf vom Wohnhaus entfernt liegt die Sauna. Durch Flieder- und Heckenrosen-Gebüsch bahnt man sich den Weg zum Leuchtturm, dessen gemauerte Rundform wie ein gewaltiger Festungsbau wirkt. Eine metallene Kreuzkonstruktion davor enthält zwei Gedenktafeln: eine davon erinnert an den Abschuss eines finnischen Fliegers vom Typ Ju 52 im Zweiten Weltkrieg durch einen sowjetischen Jagdflieger. Zwölf Menschen starben dabei. Das Wrack soll vor Keri liegen.

Die Ostseite des mächtigen Seezeichens ist von Wind und Wetter angenagt und einsturzgefährdet. Ein paar Balken sollen die traurige Ruine abstützen. Irgendwann klingelt das Mobiltelefon und Peep meldet sich: „Das Wetter ist gut heute für die Überfahrt, morgen soll es schon wieder kräftig blasen“. Und dann geht es auch schon wieder zurück aufs Festland.

Peer Schmidt-Walther

Die dänische Reederei Molslinjen, die nach einer Ausschreibung ab September 2018 die Fährverbindung Mukran – Rønne übernimmt, hat beim 6.

30.04.2018

CO2-Emissionen sollen bis 2050 halbiert werden / Zustimmung vom Umweltschutzverband Nabu

23.04.2018

Expeditionsfahrten immer beliebter – Umweltschützer warnen vor Schäden

13.04.2018