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Ostsee: Viel Lärm unter Wasser

Rostock/Kiel Ostsee: Viel Lärm unter Wasser

Bis 2020 müssen Europas Meere in gutem Umweltzustand sein / Die EU-Meeresstrategie-Richtlinie drängt

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Rostock. Wenn Rainer Matuschek eine Messkampagne mit Unterwassermikrofonen ausstattet, kauft er ein paar mehr. Aus Erfahrung. „Schwund ist immer dabei“, versichert der Akustikexperte vom Oldenburger Institut für technische und angewandte Physik ITAP. Das war auch bei Messungen so, die er 2014 für das EU-Umweltprojekt BIAS durchgeführt hat. Eines der Mikrofone kam nicht vom Grund hoch. „Die Stelle war stark mit Muscheln bewachsen“, erzählt Matuschek.

BIAS steht für Baltic Sea Information on the Acoustic Soundscape. Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Polen und Schweden haben sich hier zusammengetan, weil die Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie der EU drängt. Sie verordnet Europas Meeren für 2020 einen guten Umweltzustand. Das gilt auch für den Unterwasserlärm. Im Meer ist es heute oft laut wie in einer Disco. Ständig lärmen Schiffe, Bauarbeiten und Schallortungsgeräte. Wale, Delfine, Robben und Seehunde trifft dies besonders: Der Lärm erschwert es ihnen, sich zu orientieren, Nahrung zu finden oder zu kommunizieren. Extremer Krach kann bei ihnen Schäden verursachen, gar zum Tod führen.

2020 ist nicht mehr weit. Höchste Zeit, die Lärmbelastung zu erfassen und Schutzmaßnahmen anzugehen. Peter Sigray hätte das gerne schon früher getan. Der Initiator und Koordinator von BIAS, der in Stockholm Unterwassertechnik lehrt, wollte schon 2011 loslegen. „Wir mussten damals aber feststellen, dass es weltweit keine Normvorschriften gibt, wie Unterwasserlärm zu messen und zu bewerten ist“, erinnert sich Sigray. Er und Mitstreiter beantragten deshalb zunächst bei der EU die Finanzierung für ein Projekt, um Normen zu entwickeln und die erste Messkampagne durchzuführen. Mit Erfolg. 2012 konnte BIAS starten, heute sind die Normvorschriften fertig. Bei einer Messkampagne mit 38 Unterwassermikros in der Ostsee wurden sie erfolgreich angewendet. Dass einige Mikrofone samt Messdaten verloren gingen, sieht man gelassen. „Die Datenmenge reicht satt, um alles zu machen, was wir uns vorgenommen haben“, versichert Sigray.

Zusammen mit Thomas Folegot hat BIAS jetzt erste Ostsee-Lärmkarten berechnet. Der französische Wasserschallexperte hat ein Verfahren entwickelt, mit dem er Unterwasserlärm ermittelt, ohne selbst zu messen. „Was ich brauche, finde ich in Meereskarten, Wetterberichten, Schiffsverkehrsdaten“, so Folegot. Daten aus der Messkampagne sind dennoch willkommen. Sie erlauben es, seine Karten noch näher an der Realität zu zeichnen. Was die Lärmkarten zeigen, überrascht nicht: Wo Schifffahrtswege dicht liegen, sind die Karten rot, ist es laut. Die Ostsee ist eines der meistbefahrenen Meere. Zu jeder Tages- und Nachtzeit sind 2000 größere Schiffe unterwegs.

Wenn das Umweltprojekt 2016 endet, gilt das nicht für die Messungen. Beim Unterwasserlärm reicht eine Messkampagne nicht. „Die EU verlangt, dass regelmäßig nachgemessen wird, wie sich die Lärmwerte entwickeln“, betont Sigray.

Nach BIAS müssen die Ostseeanrainer selbst messen und Messwerte in eine Datenbank speisen. Die deutschen Messstellen will das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie BSH übernehmen. Es ist von Anfang an dabei, hat die Normvorschriften mit entwickelt und umfangreiche praktische Erfahrungen.

Bis den Messungen der Lärmschutz folgt, wird es noch länger dauern. Noch fehlt es an europaweit gemeinsamen Regelungen.

 



Frank Krull

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