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Plastik in Dorsch und Hering: Risiko für Fischesser?

Rostock Plastik in Dorsch und Hering: Risiko für Fischesser?

Mikroplastik gefährdet die Gesundheit, sagt Peta / Beweise aber fehlen bislang

Rostock. Riesenärger mit Mini-Müll: Meere wie die Ostsee sind zunehmend mit winzig kleinen Kunststoffteilchen, sogenanntem Mikroplastik, verschmutzt. Weil Forscher diese Partikel in Speisefischen und Muscheln nachgewiesen haben, sollen Verbraucher Meerestiere künftig komplett vom Speiseplan streichen. Dazu rät die Tierrechtsorganisation Peta. Andernfalls würden Fischesser ihre Gesundheit riskieren, warnt Meeresbiologin Tanja Breining. Der Appell schmeckt Fischern in Mecklenburg-Vorpommern überhaupt nicht. Hering, Dorsch und Flunder könnten nach wie vor ohne Bedenken gegessen werden, kontern sie.

 

OZ-Bild

AWI-Mikrobiologe Dr. Gunnar Gerdts

Quelle: Foto: Tristan Vakann

Kunststoff verschluckt

Mikroplastikpartikel sind nicht größer als fünf Millimeter. Forscher haben die winzigen Teilchen in den Verdauungsorganen von Muscheln und Speisefischen aus Nord- und Ostsee nachgewiesen, darunter auch Makrelen, Flundern, Heringe, Dorsche und Klieschen.

Schätzungen der Weltnaturschutzunion (IUCN) zufolge gelangen jedes Jahr weltweit 9,5 Millionen Tonnen Plastik in die Meere. Zwischen 15 und 31 Prozent davon sei Mikroplastik. Der Großteil der winzigen Partikel stammt aus Fahrbahnmarkierungen, Kosmetika, Kleidung und Reifenabrieb und fließt übers Abwasser ins Meer. Die Teilchen entstehen auch, wenn sich Kunststoff im Wasser zersetzt. Die Masse an Mikroplastik könne „katastrophale Folgen für die große Artenvielfalt der Meere haben und für die Gesundheit der Menschen“, sagt IUCN-Generaldirektorin Inger Andersen. Wer regelmäßig Fisch und Muscheln isst, verzehrt laut Peta 11000 Plastikteile pro Jahr.

Das kann Günter Grothe, Vorsitzender des Landesverbandes der Kutter- und Küstenfischer MV, ganz und gar nicht nachvollziehen. „Wie sollen die Plastikteile denn ins Fischfleisch kommen? Jedes Lebewesen weiß, was es fressen kann und schluckt keinen Kunststoff runter. Und wenn doch, scheidet es das wieder aus.“ Er ist sich sicher: Fischesser haben keinen Grund zur Sorge.

Die Wissenschaft gibt ihm Recht. Zumindest teilweise. Bislang sei Mikroplastik nur in den Verdauungsorganen von Fischen nachgewiesen worden, sagt Gunnar Gerdts, Mikrobiologe am Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) auf Helgoland. „Und niemand isst Fischdarm.“ Anders könnte es bei Muscheln aussehen, denn die würden in der Regel komplett verzehrt. Das AWI geht der Sache auf den Grund: Im Labor wollen die Wissenschaftler Fische mit Mikroplastik füttern und analysieren, ob und in welchem Maße die Partikel ins Filet gelangen. „Wir hoffen so herauszufinden, was tatsächlich beim Endverbraucher auf dem Teller landet“, sagt Gerdts. Ein größeres Gesundheitsrisiko könnte sein, was auf den Kunststoffteilchen durch Ost- und Nordsee schwimmt:

Gerdts und sein Team haben auf Mikroplastikpartikeln lebende, potentiell krankheitserregende Vibrionen nachgewiesen. Die Bakterien können Durchfallerkrankungen oder schwere Entzündungen hervorrufen.

Wie sich Mikroplastik selbst, die darin enthaltenen Kunststoff-Additive oder anhaftende Verunreinigungen auf den menschlichen Organismus auswirke, sei noch völlig unklar, sagt Mark Lenz, Wissenschaftler am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Deshalb kommt auch die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA zu dem Schluss, dass eine Risikobewertung derzeit nicht möglich ist.

Nicht viel besser erforscht ist, wie gefährlich die Kunststoffteilchen für Flora und Fauna sind, sagt Matthias Labrenz vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW). Analysen seien schwierig. Die bis dato raren Messdaten reichen nicht, um verlässliche Rückschlüsse daraus zu ziehen. Forschungen hätten aber zum Beispiel ergeben, dass der Kunststoff Polystyrol die Entwicklung von Barschen beeinträchtigen könne. Wie groß das Gefahrenpotential durch Mikroplastik in der Ostsee ist, wollen die IOW-Forscher diesen Sommer mit zwei neuen Projekten herausfinden. Dabei soll unter anderem im Warnowgebiet untersucht werden, wie die Partikel ins Meer gelangen, wie sie sich verbreiten und welche Auswirkungen sie auf die Unterwasserwelt haben.

Antje Bernstein

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