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Premiere für „PeeneMax“

Anklam/Demmin Premiere für „PeeneMax“

Abenteuerliche Kreuzfahrt zwischen Anklam und Demmin mit MS „Frederic Chopin“

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Weil das Schiff länger als 82,50 Meter ist und der tschechische Kapitän Vojtech Kynl (r.) in dem Revier noch keine Erfahrung hat, ist Seelotse Christian Subklew an Bord.

Anklam/Demmin. Das dünne blaue Schlängelband des Peene-Flusses fällt beim Kartenstudium kaum ins Auge. „Die Landschaft des Urstromtals um so mehr“, sagt Seelotse Dr. Christian Subklew, Ältermann der Brüderschaft WiRoSt (Wismar-Rostock-Stralsund). Er berät den Kapitän des Flusskreuzfahrtschiffes „Frederic Chopin“ während einer ganz besonderen Reise: von Anklam nach Demmin.

Zwischen ihrer Mündung östlich von Anklam und Malchin am Kummerower See ist der mit 100 Kilometern längste Fluss Mecklenburg-Vorpommerns schiffbar (nach ihm ist auch Deutschlands größtes Schiff, der 322000-Tonnen-Bulkcarrier „Peene Ore“, benannt). Er gilt außerdem als das idyllischste Fließgewässer Norddeutschlands. Flora und Fauna sind außergewöhnlich und geschützt.

Die mit 83 Meter Länge, 9,5 Meter Breite und 1,35 Meter Tiefgang vermessene „Frederic Chopin“ ist das größte Schiff, das jemals den Grenzfluss zwischen Mecklenburg und Vorpommern befahren hat. Daher wird sie jetzt auch „PeeneMax“ genannt – wie „PanaMax“ für die größtmöglichen Schiffe, die den Panama-Kanal durchfahren können.

Weil das Schiff länger als 82,50 Meter ist und der tschechische Kapitän Vojtech Kynl in diesem Revier noch keine Erfahrung hat, muss beim zuständigen Wasser- und Schifffahrtsamt Stralsund (WSA) für diese Bundeswasserstraße eine „schifffahrtspolizeiliche Erlaubnis“ eingeholt werden. Auflagen unter anderem: Fahrverbot bei Windstärke über vier und Lotsenpflicht. Deshalb ist Christian Subklew an Bord des Schiffes – und hilft, wo er kann: Ob es um Müllentsorgung geht oder Telefonnummern benötigt werden. Nach sechs Fahrten auf der Peene kann der Schiffsführer die Freifahrer-Genehmigung erhalten, muss also keinen Lotsen mehr an Bord nehmen.

Von Rügen, Hiddensee, Stralsund und Wolgast kommend, lief der 1000-Tonnen-„Dampfer“ jetzt erstmals Anklam an. Am Tag darauf macht er in Jarmen fest, das damit seine Kreuzfahrtschiff-Premiere erlebt.

„Unter dem Kiel haben wir mit 2,20 Metern genug Wasser“, stellt der Kapitän nach dem Ablegen um 12.30 Uhr mit Blick auf das Echolot erleichtert fest. Christian Subklew weiß mehr: „Die natürliche Tiefe des Flusses liegt zwischen drei und vier Metern, das Gefälle beträgt auf 100 Kilometer gerade mal 28 Zentimeter. Weil die Strömung so schwach ist, können wir mit Tempo zehn bis zwölf zu Berg fahren.“ Bei entsprechenden Windrichtungen strömt das Wasser sogar gegen die eigentliche Fließrichtung.

50 Kilometer Beschaulichkeit bis zum Städtchen Loitz. Nur hin und wieder passiert der Flusskreuzer einen verträumt daliegenden Angelkahn. Zugewucherte ehemalige Torfstiche zweigen wie Zinken eines Kammes vom Ufer ab. Erlenbruchwälder und Schilf gleiten vorüber. In der Luft ein riesiger Weißkopfseeadler. Fischreiher segeln lautlos in den Schilfsaum. Rehe schnellen in eleganten Sprüngen davon.

Die „Chopin“ tastet sich durch die Flussschleifen. Plötzlich ist aus dem Schilf eine Stimme zu hören: „Ist das aber ein Mordskasten!“ „Der wird gleich noch länger!“, ruft jemand schlagfertig zurück.

MS „Frederic Chopin“ füllt das Flussbett fast vollständig aus, streift beim Kurvenfahren mit dem Heck fast das Schilf. Dessen biegsame Halme neigen sich unter dem Wasserschwall respektvoll zur Seite.

„Blumenpflücken inbegriffen“, meint jemand belustigt, während ein anderer es nicht fassen kann, „dass es so etwas Exotisches noch in Deutschland gibt“. Wie zur Bestätigung treiben schwimmende Gras- und Blumeninseln auf das Schiff zu und werden vom Steven zerschnitten. Der Amazonas des Nordens lässt grüßen. Heu- und Kräuterdüfte wehen von den Ufern herüber, und die Freuden der Langsamkeit sind für viele Passagiere eine Neuentdeckung.

Bei der Passage der Zugbrücke in Loitz bleiben links und rechts nur wenige Zentimeter Luft. Kapitän Kynl und seine Männer um Steuermann Volker Kempe aus dem Erzgebirge meistern das ohne Kratzer. Nach rund 40 Kilometern ab Jarmen grüßt das Reiseziel, die Hansestadt Demmin, über das grüne Meer. Als das Schiff um 17 Uhr festgemacht ist, brechen die Gäste auf zur Kirchenbesichtigung mit Orgelkonzert.

Seit dem Mittelalter herrschte hier reger Schiffsverkehr, 1855 kam der erste Dampfer aus Stettin. Sichtbares Zeichen für den einst florierenden Handel sind die Getreidespeicher am Hafen, die auch heute noch von Binnenfrachtern angelaufen werden. Die sogar bis nach Malchin hinter dem Kummerower See dampfen. Lotsen-Ältermann Christian Subklew war hier noch kurz nach der Wende sogar mit einem Küstenfrachter unterwegs.

„Die Peene“, weiß er, „verlangt Konzentration und Manövriersicherheit“. Das lange Schiff um die Kurven zu bugsieren ohne anzuecken, das grenzt für Laien an Zauberei. An Deck und am Ufer verfolgt man gebannt das Schauspiel. Auch das sehr knappe Drehmanöver mit anschließender Rückwärtsfahrt dort, wo die Flüsse Trebel und Tollense in die Peene münden, ist ein Erlebnis. Fazit der Passagiere – überwiegend Deutsche, Schweizer und Österreicher: eine Abenteuer-Tour. Die sich bis August noch fünf mal wiederholen wird.

Unter der Flagge der Schweiz

80 Passagiere finden Platz auf MS „Frederic Chopin“. Der Flusskreuzer wurde 2002 in der Schiffswerft Tangermünde gebaut.

Er hat eine Länge von 83 Metern und ist 9,50 Meter breit. Heimathafen ist Basel (Schweiz). Das Schiff gehört der Reederei Nicko Cruises Flussreisen GmbH mit Sitz in Stuttgart; es gibt ein Schwesterschiff: MS „Katharina von Bora“.

Peer Schmidt-Walther

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