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Seewirtschaft Rostocker Frachter zwischen den Fronten
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00:01 11.09.2017
Die „Halberstadt“ macht nach ihrer Reise nach Vietnam wieder im Rostocker Überseehafen fest. Quelle: Oz-Foto: Jürgen Fensch

An jede Minute in Vietnam erinnert sich der Rostocker Schiffsingenieur Gerhard Marx (heute 87) genau. Er schrieb alles auf. „Mit 15 habe ich angefangen, Tagebuch zu führen, das war am Beginn der Flucht aus Hinterpommern im Januar 1945.“ In den Fünfzigern studierte er Schiffsmaschinenbau in Wismar, wurde Konstrukteur der legendären DDR- Frachter vom Typ IV und fuhr mit diesen später selbst zur See, auch nach Südostasien.

Marx zeigt sein Tagebuch von 1972. Vor 45 Jahren gerieten die Typ-IV-Schiffe „Halberstadt“ und „Frieden“ zwischen die Fronten des bis 1975 dauernden Krieges in und um Vietnam. Der Ingenieur war Leitender Technischer Offizier auf der „Frieden“, seine Aufzeichnungen bewahrte er sorgsam auf.

Die Rostocker Handelsschiffe steuerten regelmäßig die nordvietnamesische Stadt Haiphong an mit je rund 6500 Tonnen Ladung. Lastwagen, Reifen, Medizintechnik, Montageteile für Brücken, aber auch Kisten mit „unbekanntem“ Inhalt gehörten zu den „Solidaritätsgütern“. „Die waren nötig für die Verteidigung“, erklärt Marx.

1972 begannen die US-Luftangriffe in Nordvietnam von Neuem, wie Hellmut Kapfenberger berichtet, der als Korrespondent der DDR-Nachrichtenagentur ADN vor Ort war. Haiphong wurde von B-52-Langstreckenbombern attackiert, an der Pier lag die „Halberstadt“ aus Rostock. So geriet das Schiff am 16. April, einem Sonntag, mitten hinein in den Krieg. Unterdessen lag die „Frieden“ in Sichtweite auf Reede.

„16.4. 3.00 (Uhr) Der Krieg beginnt. Bombenangriff auf Haiphong“, liest Marx aus seinem Tagebuch vor. Donner weckte ihn, er vermutete eine Abgasexplosion, doch die Diesel liefen problemlos.

„Unablässig gingen drüben in Haiphong die Bomben nieder . . . Von der Nock aus sah ich . . . das Raketenfeuer der Luftabwehr.“ Im Blick auch die „Halberstadt“ – sie lag „direkt am Rande des Angriffes“. 15.15 Uhr: „Ein fürchterliches Getöse in der Luft, Detonationen der Bomben und der Lärm der Flugzeuge . . .“ Mehrere Angriffswellen auf Haiphong am 16. April „verursachten über 1000 Tote“

in der zweitgrößten Stadt Nordvietnams.

Karlheinz Bielka (75) war Decksmaschinist auf der „Halberstadt“ und seine Frau Christine Stewardess an Bord. Am 15. April 1972 hatte die Crew, etwa 50 Männer und wenige Frauen, noch einen Busausflug unternommen. „Ein herrliches Land, relativ friedlich“, wie Bielka erzählt. In der Nacht zum Sonntag, dem 16. April, „fing es an zu poltern, ich dachte, das ist Gewitter“, ein Irrtum. „Es war furchtbar, zum ersten Mal war Krieg so nah an uns rangekommen.“ Angst habe er um seine Frau gehabt, erinnert sich Bielka. Schlimm seien die vielen Leichen auf den vietnamesischen Fischerbooten gewesen. „Die Szenen spielen sich immer wieder vor mir ab, das lässt einen nicht mehr los, hat sich eingebrannt ins Gehirn.“ Den Rettungsring der „Halberstadt“ bewahrt Bielka bis heute in seinem Gartenhäuschen auf.

„Die kettendetonationen der bomben dröhnen durch die nacht“, schilderte Journalist Kapfenberger im Fernschreiben die Ereignisse des 16. April 1972. „eine feuerwand am horizont lässt über haiphong die nacht zum tage werden.“ Später beobachteten Besatzungsmitglieder, wie eine Phantom, ein US-Kampfflugzeug, „quer über den fluss . . . mehrere bomben wirft“. „dann klinkt der pilot direkt über der ,halberstadt’ drei bomben aus. sie schlagen in 30 bis 40 meter entfernung vom schiff ins hafengelände, zertrümmern das gebäude der hafenverwaltung. splitter schwirren auf das deck, beschädigen brückenfenster.“

„gegen 15.15 uhr: mehrere direkte anflüge auf die schiffe im hafen.“ Eine Rakete durchschlug das Deck der „Halberstadt“, riss ein Leck an der Backbordseite, zerstörte Treiböl-, Luft- und Kühlwasserleitungen, Ladegeschirre sowie auf der Pier Teile der gelöschten Ladung und ein Feuerlöschfahrzeug. „Auf dem gesamten Schiff wurden ca. 100 Splitterdurchschläge und Einschüsse von Bordwaffen gezählt, die u.a. Masten, Bäume, Rettungsboote, Einrichtungen der Kammern in den Aufbauten und weitere Schiffsausrüstungen und Anlagen beschädigten“, so die Aufzeichnungen der Crew. Durch den Treffer krängte die „Halberstadt“ stark nach Backbord.

Im Hafen gab es unzählige Tote und Verletzte. Rostocker Seeleute blieben bis auf Splitterverletzungen unversehrt. „ein vietnamesisches hafenboot in der nähe beginnt zu brennen, der an steuerbord längsseits liegende schwimmkran ebenfalls“, schrieb Kapfenberger. „besatzungsmitglieder greifen zu feuerlöschschläuchen, die auf dem ganzen schiff ... ausgelegt waren.“ Sie halfen, Tote und Schwerverwundete zu bergen. „schiffsarzt und einige matrosen leisten erste hilfe, legen notverbände an, wo hände und beine abgerissen sind, raketensplitter schreckliche wunden hinterliessen.“

„Das bleibt alles haften“, erinnert sich Helmut Schoppa, damals Kabelgatt-Matrose auf der „Halberstadt“. „Die Angst, die Leichen, der Geruch, dabei hatte die Crew noch Glück im Unglück.“

Das Schiff wurde am 17. April evakuiert. Schoppa war einer der 13 Freiwilligen, die mit dem Kapitän an Bord blieben. Das Gros der Besatzung kam zeitweise auf der „Frieden“ unter, die auf Reede lag.

„Mit einer zufällig gefundenen Platte schweißten wir das Leck zu“, erzählt Schoppa. Letzte Ladung wurde auf die Pier gesetzt. Am 23. April konnte die „Halberstadt“ auslaufen, übernahm von der „Frieden“ ihre komplette Crew und fuhr nach Singapur zur Reparatur. Am 3. August 1972 war der Frachter nach fast sieben Monaten zurück in Warnemünde.

In Haiphong wurde indes die Lücke am Kai geschlossen: An die Stelle der „Halberstadt“ rückte die „Frieden“: Nach einer hochriskanten Fahrt durch den von der US-Navy inzwischen verminten Hafen machte das Schwesterschiff am Kai fest. Die Liegezeit zog sich hin, wie Gerhard Marx erzählt. Ängste waren da, mehr bei den Älteren an Bord, die noch den Zweiten Weltkrieg miterlebt hatten.

Stete Arbeitsroutine half. Die Ladung wurde gelöscht, Reparaturen und Wartungen waren zu erledigen. An manchen Tagen gab es vier-, fünfmal Alarm, musste die Besatzung in die Schutzräume.

Die ausländischen Schiffe als „Bollwerk“ in Haiphong trugen wohl mit dazu bei, eine völlige Zerstörung des Hafens zu verhindern, vermuten die Zeitzeugen. Die Crew der „Frieden“ wurde Ende 1972 vorübergehend abgelöst, sie kam nach dem Urlaub Anfang 1973 vollzählig zurück. Nach dem Pariser Friedensabkommen vom 27. Januar 1973 waren Landgänge möglich. Die „Frieden“ lief nach ihrer längsten Reise von 494 Tagen am 17. Mai 1973 in Rostock ein.

Die „Halberstadt“ und der Vietnam-Krieg

Das Motorschiff „Halberstadt" wurde im Mai 1961 als letztes der für die Deutsche Seereederei (DSR) gebauten 10000-Tonnen-Stückgutfrachter vom Typ IV in Dienst gestellt. Erstes Schiff der Serie war die „Frieden“ von 1957. Insgesamt baute die Warnowwerft Warnemünde 15 Typ-IV-Schiffe, zwölf davon für die DSR – der Beginn der DDR-Hochseehandelsflotte. Konstruiert worden war der neue Schiffstyp ab 1953 von Luftfahrtspezialisten sowie Absolventen der Ingenieurschule Wismar, unter ihnen Gerhard Marx.

Der Vietnam-Krieg (1955-1975) ist auch als „Zweiter Indochinakrieg“ bekannt. Nach dem ersten Indochinakrieg (1946-1954) – Liga für die Unabhängigkeit „Viet Minh“, später „Vietcong“, gegen die Kolonialmacht Frankreich – wurde der unabhängige Staat Vietnam gegründet, der sich in einen nördlichen und einen südlichen spaltete.

Ab 1965 schickten die USA Bodentruppen nach Südvietnam. Der Norden wurde u.a. von China und der Sowjetunion mit Technik und Waffen unterstützt und auch von der DDR mit Schiffen der DSR weiter beliefert.

Grit Büttner

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