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Seewirtschaft Rügener Maschinist auf heikler Mission im Mittelmeer
Nachrichten Wirtschaft Seewirtschaft Rügener Maschinist auf heikler Mission im Mittelmeer
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00:00 11.12.2017
Sassnitz/Valletta

Irgendetwas stimmt an der Maschine nicht. Ingo Wöller lehnt sich gegen die Reling, um die Abgase sehen zu können, die aus den Rohren über der Brücke strömen. Dann geht er hinunter zum Motor – Fehlersuche. Keiner an Bord der „Seefuchs“ kennt Maschine und Schiff besser als der Sassnitzer. Und an dem 60 Jahre alten Schiff gibt es immer etwas zu tun.

Wöller kennt seine Eigenheiten. Ist er so etwas wie der heimliche Chef an Bord? „Das wäre ein bisschen übertrieben, glaube ich“, sagt er und steckt sich grinsend eine Zigarette an.

Zwei Wochen lang ist die „Seefuchs“-Crew vor der tunesisch-libyschen Küste unterwegs, um Flüchtlinge aus Seenot zu retten. 22 solcher Missionen im Mittelmeer ist Wöller bereits gefahren, mehr als jeder andere, immer mit neuen Crews. Nicht immer mit erfahrenen Seeleuten.

„Wer glaubt, hier eine Mittelmeerkreuzfahrt in einer Luxuskabine gebucht zu haben – das kann er vergessen“, sagt der 47-Jährige. Beide baugleichen Schiffe der Organisation „Sea-Eye“ haben ihre Heimathäfen in MV. Die „Seefuchs“ lag in Stralsund, bevor sie zum Rettungsschiff wurde, die „Sea-Eye“stammt aus Sassnitz auf der Insel Rügen. Gebaut wurden sie in der Elbewerft Boizenburg. Zwei von insgesamt 50 Schiffen dieses Typs.

Zur Seefahrt ist Wöller fast zufällig gekommen. „Lange Geschichte“, sagt er und zieht an seiner Zigarette. Der entscheidende Tipp kam während seiner Ausbildung zum Maschinisten, von einem Mitlehrling. „Sein Vater hatte erzählt, dass er noch einen Maschinisten braucht – ob ich Lust hätte. Und ich dachte 14 Tage, drei Wochen kann ich das schon machen. Da sind 15 Jahre draus geworden.“

Knapp 26 Meter misst die „Seefuchs“, vier Meter Tiefgang hat sie. Heute ist der frühere Fischkutter als Yacht zugelassen und unter holländischer Flagge unterwegs. „Von 1998 bis 2010 bin ich auf diesem Schiffstyp gefahren“, erzählt Wöller. Später sei er auch schon mit der „Sea-Eye“ unterwegs gewesen – noch unter ihrem alten Namen „Sternhai“. Und könnte er sich auch vorstellen, etwas anderes zu machen? „Da wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben“, sagt Wöller bitter. Denn Arbeit in der Fischerei gebe es ja kaum noch.

Aber auch deshalb ist er zu „Sea-Eye“ gekommen – ebenso zufällig. „Der Vorbesitzer hatte mich angerufen und gesagt, er habe einen Käufer – ob ich ihm die Maschine zeigen kann.“ Die Organisation erwarb das Schiff schließlich. „Dann entstand die Frage, wie bekommt sie das Schiff von Sassnitz nach Rostock in die Werft.“ Also brachte der Sassnitzer die heutige „Sea-Eye“ nach Rostock, wo er den Mitarbeitern mit seinem Wissen zur Seite stand. Und dann? „Wir brauchen auch noch jemanden, der das Schiff ins Mittelmeer bringt.“ Die erste Tour vor Libyen ist er auch noch gefahren. Zwei Jahre ist das nun her. Von seinem Wissen profitieren auch andere Maschinisten, die für „Sea-Eye“ auf See sind. Sie fragen per Funk um Rat, rufen ihn an, wenn er in Sassnitz ist. Man müsse die Motoren gut kennen, wenn man auf See ist. „Wenn du die Maschine zum ersten Mal siehst, und irgendwo fängt etwas an zu klappern, weißt du gar nicht, wo du suchen sollst.“

Dominik Reisinger ist auf der zwölften „Seefuchs“-Mission Wöllers Vertretung. Der Student sagt: „Ingo hat ein unglaubliches Wissen. Wenn er etwas erklärt, geht’s vom Hundertsten ins Tausendste. Er erklärt jedes Detail.“ Seinem Lehrling stellt Wöller eine Falle. Beim Starten dreht er ein Ventil zu. „Mal sehen, ob er das merkt“, flüstert er und lacht leise.

Ist er nun der heimliche Chef an Bord? „Na ja gut, ein bisschen was ist da schon dran.“ Er stellt seinen Kaffeebecher ab, drückt die Zigarette aus und muss los – Kontrollgang im Maschinenraum.

Philip Schülermann

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