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Sorgenfisch Dorsch: Intensive Fischerei bedroht Bestände

Sorgenfisch Dorsch: Intensive Fischerei bedroht Bestände

Wissenschaftler erforschen den begehrten Speisefisch / Salzwasser-Einströme bringen wohl nur kurzfristige Besserung

Rostock Der Ostsee-Dorsch ist beliebt — und bedroht. Die OZ sprach mit dem stellvertretenden Leiter des Rostocker Thünen-Instituts für Ostseefischerei, Uwe Krumme, über den begehrten Fisch.

 

OZ-Bild

Wissenschaftler Uwe Krumme mit einem Dorsch

Quelle: Frank Söllner

Wie ist es um den Dorschbestand in der westlichen Ostsee bestellt?

Uwe Krumme: Leider nicht gut. Der Fischereidruck durch die kommerzielle und die Freizeitfischerei ist seit vielen Jahren viel zu hoch und die Biomasse der erwachsenen Tiere zu niedrig. 2015 hatten wir dann auch noch den schlechtesten Nachwuchsjahrgang seit langem.

Mit welchen Methoden erfasst die Wissenschaft den Dorschbestand?

Krumme: Wir beproben das ganze Jahr über die Fänge der kommerziellen Fischereien und der Freizeitfischerei, um die Entnahmen pro Altersgruppe zu bestimmen. Über Forschungsfänge bestimmen wir die Alterszusammensetzung des Gesamtbestandes und beproben auch Gebiete, in denen keine Fischerei stattfindet. Und wenn wir dann wissen, was an Fisch in einem Gebiet da ist, wie schnell die Tiere wachsen und was entnommen wird, können wir berechnen, wie stark der Bestand wachsen wird und was nachhaltig entnommen werden kann. Beim Westdorsch sieht das, wie gesagt, derzeit wenig erfreulich aus.

Gibt es Anzeichen, dass der Westdorsch-Bestand sich absehbar erholt?

Krumme: Es gibt noch relativ viele große und alte Tiere im Bestand. Wenn es gelingt, den Fischereidruck dauerhaft zu senken, kann sich der Bestand sehr schnell wieder erholen. Natürlich hängt viel von den Umweltbedingungen ab, die wir Menschen nicht beeinflussen können — ein guter Nachwuchsjahrgang reicht, um den Bestand schnell aufzubauen, ein schwacher wie der aktuelle verzögert die Erholung leider. Berufsfischer und Angler können durch vorübergehend reduzierte Fänge den Aufbau beschleunigen.

Ende 2015 strömte erneut viel salz- und sauerstoffreiches Wasser aus der Nordsee in die Ostsee. Verbessert das frische Wasser die Lebensbedingungen für den Dorsch?

Krumme: Im Prinzip ja. Das frische Wasser belüftet die tiefen Becken der östlichen Ostsee; die Bereiche mit Sauerstoffmangel werden kleiner. Der Lebensraum für Bodenlebewesen vergrößert sich — und damit das Nahrungsangebot für Dorsche. Außerdem vergrößern sich die sauerstoffreichen Zonen, in denen die Dorscheier überleben können. Im letzten Jahr haben die Dorsche der östlichen Ostsee merklich an Gewicht zugelegt, nachdem der Jahrhundert-Einstrom vom Dezember 2014 das Bornholmbecken belüftet hat. Allerdings hat dieser Effekt nicht lange vorgehalten.

Wie lange wird es dauern, bis der Zustrom des salz- und sauerstoffreichen Wassers sich positiv auf die Dorschbestände auswirkt?

Krumme: Im letzten Jahr war der Belüftungseffekt anders als erwartet schon nach rund sechs Monaten verpufft. Das haben unsere Kollegen vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung herausgefunden. Die Serie von Einströmen in diesem Winter lässt hoffen, dass die positiven Effekte etwas länger anhalten. Aber nur wenn es regelmäßig zu ausreichend starkem Einströmen kommt, wird sich die Lage beim Dorsch der östlichen Ostsee grundlegend verbessern. Sonst bleibt auch hier nur: die Fangmengen immer wieder anzupassen, damit sich der Bestand trotz Fischerei und unvorteilhaften Umweltbedingungen wieder in den grünen Bereich entwickelt — und dann auch da bleibt.

Können Einströme auch zu einem Problem für Dorsche werden?

Krumme: Das ist zwar paradox, aber wir nehmen an, dass die ersten, noch schwachen Salzwassereinströme ab 2010 nach Jahren ohne Einströmen wahrscheinlich dazu führten, dass sich die Dorsche im frischen Wasser am Boden sammeln. Dort fanden sie aber keine Nahrung. Außerdem schob sich das schwere, sauerstoffreiche Nordseewasser unter das alte sauerstofffreie Bodenwasser, so dass sich eine Art Topfdeckel aus altem Wasser gebildet haben könnte und viele Dorsche in einem Gebiet ohne Nahrung gefangen waren.

Was waren die Folgen?

Krumme: Es könnte erklären, warum zwischen 2011 und 2014 immer mehr „Magerdorsche“ auftraten. Die eigentlich positive Entwicklung — durch den Salzwassereinstrom — führte also zu einer schlechteren Nutzbarkeit des Dorschbestandes durch den Menschen. Die starken Einströme seit Dezember 2014 haben diese Situation allerdings komplett verändert.

Welchen Stellenwert hat der Dorsch für die Fischerei in MV?

Krumme: Neben Hering ist der Dorsch für die meisten Küstenfischer in MV die wichtigste Fischart. Man nennt den Dorsch ja nicht umsonst den „Brotfisch“.

Der Dorsch ist einer der beliebtesten Speisefische aus der Ostsee. Auf welche Weise zubereitet mögen Sie Dorsch am liebsten?

Krumme: Oh, da bin ich nicht wählerisch. Dorschfilet gedünstet in Senf-Dillsauce ist lecker, aber eigentlich geht doch nichts über ein schön gebratenes Dorschfilet.

Ostseetag am 8. Juni

Der Zustand der Ostsee ist Thema des Ostseetages am 8. Juni in Rostock. Das Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW), das Thünen-Institut für Ostseefischerei, das Deutsche Meeresmuseum Stralsund und das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) laden zu Vorträgen, Diskussionsrunden und Besuchen auf drei Forschungsschiffe im Stadthafen. Auch an Land wollen die Experten mit der Öffentlichkeit über aktuelle Forschungsthemen ins Gespräch kommen.

• Programm: www.ostseetag.info

Von Interview von Axel Meyer

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