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Seracell legt Eizellen auf Eis

Rostock Seracell legt Eizellen auf Eis

Kind oder Karriere? Beim Rostocker Unternehmen lagern tiefgefrorene Eizellen in großen Tanks.

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Biotech-Studentin Stefanie Bock (28)

Rostock. Ausbildung, Beruf, Karriere. Oder der richtige Partner fehlt noch. Gründe gibt es einige, warum Frauen ihren Kinderwunsch auf später verschieben möchten. So wie Stefanie Bock. Die junge Frau stammt aus Aachen und studiert Medizinische Biotechnologie in Rostock, wo sie gerade ihre Masterarbeit schreibt. Da war noch keine Zeit für ein Kind, erklärt die 28-Jährige, ebenso fehlte der Partner fürs Leben.

OZ-Bild

Kind oder Karriere? Beim Rostocker Unternehmen lagern tiefgefrorene Eizellen in großen Tanks.

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Eizellen-Zahl sinkt rapide

1000 Eizellen verliert eine Frau pro Zyklus durch natürlichen Zellabbau. Bei der Geburt kommt ein Mädchen mit ein bis zwei Millionen Eizellen zur Welt. Bis zur Pubertät reduziert sich die Zahl der Eizellen auf rund 400000.

Nur 400 bis 500 Eizellen reifen im Laufe eines Lebens bis zum befruchtungsfähigen Stadium heran.

„Früher habe ich gesagt, dass ich spätestens mit 30 ein Kind bekommen möchte“, sagt Stefanie Bock. Doch ihr Lebensplan hat sich geändert. Ob mit 30 oder doch erst mit 36 Jahren – die junge Frau will sich da nicht mehr unter Druck setzen – und der biologischen Uhr ein Schnippchen schlagen. Deshalb lässt sie einige ihrer Eizellen in der sogenannten Eizellbank des Rostocker Stammzelltechnologie-Unternehmens Seracell einlagern.

Social Freezing heißt das Verfahren, bei dem Eizellen für viele Jahre eingefroren werden können und dann, je nach Bedarf, später aufgetaut und befruchtet werden. Der Vorteil: „Durch das vorsorgliche Einfrieren von Eizellen in jungen Jahren lässt sich die Fruchtbarkeit langfristig erhalten“, heißt es in der Seracell-Imagebroschüre.

Das mag nach Science-Fiction klingen. Den Worten von Seracell-Vorstand Prof. Mathias Freund zufolge ist Social Freezing aber bereits ein Wachstumsmarkt: „Längerfristig wird das eine ganz normale Sache werden.“

Denn die Gesellschaft verändert sich. Das Durchschnittsalter einer erstgebärenden Mutter beträgt in Deutschland mittlerweile knapp 30 Jahre. Bereits mit Mitte dreißig sei jedoch die Chance schwanger zu werden nur noch halb so groß wie mit 25 Jahren, erklärt Freund. Zudem sinke die Qualität der Eizellen, das Risiko für Fehlbildungen und Fehlgeburten steige.

Die Familienplanung mit tiefgefrorenen Eizellen ist umstritten. Kritiker befürchten, dass Frauen ihren Kinderwunsch immer weiter nach hinten schieben. Von „Machbarkeitswahn und einem mechanistischen Körperverständnis“ schrieb die Schriftstellerin Tanja Dückers vor knapp zwei Jahren. Damals hatte das Angebot der US-amerikanischen Internetriesen Facebook und Apple an ihre Mitarbeiterinnen, ihre Eizellen einfrieren zu lassen, für großes Aufsehen gesorgt.

Andere sehen im Social Freezing bei der Lebensplanung ein großes Stück Selbstbestimmung – die allerdings ihren Preis hat. Unterschiedlichen Angaben zufolge bewegen sich die Kosten für das Social Freezing von 25 Eizellen zwischen 3000 und 10000 Euro für Stimulation, Eizellen-Entnahme, Einfrieren und Lagerung. Die Kosten hängen demnach von den individuellen Faktoren der Frauen und der behandelnden Klinik ab. Bei Seracell kosten Entnahme und Einlagerung der Eizellen 2500 Euro. Ab dem zweiten Jahr werden 290 Euro jährlich für die Lagerung fällig. Für die Behandlung der Patientin mit Hormonen und Medikamenten entstehen zudem Kosten von rund 1500 Euro.

Nach der Hormontherapie entnehmen Mediziner der Frau die Eizellen. Die Zellen werden mit flüssigem Stickstoff bei minus 196 Grad Celsius eingefroren und anschließend nach Rostock zur Eizellbank im Biomedizinischen Forschungszentrum (BMFZ) transportiert, die laut Seracell eine der „modernsten und sichersten“ in Europa ist. Dort werden die Eizellen in Lagertanks mit flüssigem Stickstoff auf mindestens minus 150 Grad Celsius gehalten. Als kommerzielles Verfahren bietet die 2002 gegründete Seracell AG das Social Freezing für Eizellen seit dem vergangenen Jahr an, erklärt Freund.

Konkrete Zahlen, wie viele Frauen das Angebot inzwischen wahrgenommen haben, nennt das Unternehmen nicht. Die Anzahl liege „im dreistelligen Bereich“, heißt es.

Zu den Seracell-Geschäftsfeldern gehören die Bereiche Stammzell- und Gewebetechnologie, erklärt Unternehmensmitgründer Freund. So werden bei Seracell auch Stammzellen aus Nabelschnurblut eingelagert.

Das Unternehmen beschäftigt rund 30 Mitarbeiter in Rostock und 20 in Berlin.

Aus dem Freundeskreis bekam Stefanie Bock unterschiedliche Reaktionen, als sie erzählte, dass sie ihre „Eizellen in Sicherheit bringen“ wolle: „Manche sagten: Du bist doch erst 28 Jahre alt, andere meinten, es sei eine coole Sache, dass so etwas möglich ist.“ Auf die Idee gekommen sei sie durch ihr Studium. „Für mich ist Social Freezing nichts Unheimliches, ich kenne ja die Abläufe“, sagt Stefanie.

Axel Meyer

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