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Soziale Ungleichheit nimmt laut Studie nicht zu

Berlin Soziale Ungleichheit nimmt laut Studie nicht zu

Die Reichen werden immer reicher, die Armen verlieren den Anschluss? Laut einer Studie Kölner Ökonomen stimmt das nicht. Die soziale Schere öffne sich nur im Kopf, nicht aber in der Realität.

Berlin. Die einen müssen buckeln, um überhaupt über die Runden zu kommen. Die anderen wissen nicht, wohin mit ihrem Geld. In der Wahrnehmung vieler Menschen wird die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland immer größer.

Und die Ankunft von Millionen Flüchtlingen hat die Sorge vor einer sozialen Schieflage bei etlichen verschärft. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln hat gängige Thesen zum Thema Gerechtigkeit und Verteilung einem Faktencheck unterzogen. Das Ergebnis, jedenfalls aus Sicht des IW: Die weitläufige Wahrnehmung hat wenig mit der Realität zu tun.

Sind die Einkommensunterschiede in Deutschland besonders groß?

Ein Vollzeitbeschäftigter an der Schwelle zum einkommensstärksten Zehntel verdient dem IW zufolge 3,4 Mal so viel wie ein Vollzeitbeschäftigter an der Schwelle zum ärmsten Zehntel. Damit liegt Deutschland im Mittelfeld der Industrieländer, auf einem Niveau mit Österreich. Werden jedoch andere Einkommensarten wie Kapitaleinkünfte oder Mieteinnahmen dazugerechnet, ist die Ungleichheit durchaus größer. Was der Vergleich aber nicht berücksichtigt, sind die gesetzlichen Renten.

Wie verändern die staatlichen Alterseinkünfte das Bild?

Werden lediglich die sogenannten Markteinkommen vor Steuern und Sozialabgaben und ohne Rentenzahlungen berücksichtigt, liegt Deutschland auf der Skala der Ungleichheit auf Platz 17 in der EU. Rechnet man indes die rund 20 Millionen Ruheständler hinzu, die kaum Markteinkommen haben, ist die Ungleichheit in Deutschland unterdurchschnittlich. Einschließlich der gesetzlichen Renten liegt Deutschland dann auf Platz 13. Im Vergleich zu den übrigen EU-Ländern ist die Ungleichheit damit unter dem Schnitt.

Nimmt die Ungleichheit in Deutschland denn nicht immer weiter zu?

Seit 2007 sind die tariflichen Stundenlöhne laut den IW-Angaben preisbereinigt um 8 Prozent gestiegen, die Bruttostundenlöhne real um knapp 12 Prozent. Nach einer Auswertung der Forscher profitierten davon vor allem Geringverdiener. Während die Bruttoerwerbseinkommen der unteren zehn Prozent der Vollzeitbeschäftigten zwischen 2009 und 2013 um 6,6 Prozent wuchsen, legten die Einkommen der reichsten zehn Prozent im selben Zeitraum um 2,8 Prozent zu. Damit liegt der Lohnabstand beider Gruppen heute wieder auf dem Stand von 2006.

Da ist ja nur die Rede von Vollzeitbeschäftigten. Was ist mit den prekär Beschäftigten?

Der Anteil der sogenannten atypischen Beschäftigungsverhältnisse geht dem IW zufolge bereits seit 2006 zurück. Gleichzeitig hat der Anteil der Normalarbeitsverhältnisse von 40,3 Prozent im Jahr 2005 auf 46,5 Prozent im Jahr 2015 zugenommen - und liegt damit wieder auf dem Niveau von 1990. Der Anteil der befristet Beschäftigten (ohne Auszubildende) hat sich seit 2005 zudem konstant bei rund 10 Prozent gehalten, seit 2012 ist er rückläufig.

Werden die Reichen nicht immer reicher, weil sie Immobilien, Aktien und Unternehmen besitzen?

Nach Angaben der Bundesbank besaßen die vermögensreichsten zehn Prozent der Haushalte vor zwei Jahren 59,8 Prozent des gesamten Nettovermögens. Das ist viel, im Vergleich zu 2010 sind es jedoch nur 0,6 Prozentpunkte mehr. Mit dem Zusammenhang zwischen Kapitaleinkommen und sozialer Ungleichheit beschäftigte sich zuletzt auch der bekannte französische Ökonom Thomas Piketty - seine Methodik und Datenauswahl stießen teilweise aber auch auf Kritik.

Warum schlagen Sozialverbände dennoch Alarm?

2014 waren in Deutschland rund 12,5 Millionen Menschen oder 15,4 Prozent der Bevölkerung armutsgefährdet. Diese Grenze ist erreicht, wenn jemand weniger als 60 Prozent des mittleren Haushalteinkommens zur Verfügung hat. Bei einem Paar mit einem Kind unter sechs Jahren wären das 1651 Euro, bei einer Alleinerziehenden 1192 Euro. Der Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Ulrich Schneider, mahnte angesichts der Ergebnisse einen sozial- und steuerpolitischen Kurswechsel an: „Man ist in diesem reichen Deutschland nicht erst dann arm, wenn man unter Brücken schlafen oder Pfandflaschen sammeln muss.“

dpa

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