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„Stallpflicht nicht bei jeder toten Möwe“

Ummanz „Stallpflicht nicht bei jeder toten Möwe“

Landtagsabgeordneter Holger Kliewe (CDU) fordert entspannteren Umgang mit der Vogelgrippe

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Holger Kliewe, Chef eines Geflügelzuchtbetriebes auf Rügen, warnt vor überzogenen Reaktionen auf die Vogelgrippe.

Quelle: Foto: Archiv

Ummanz. Als „wahrscheinlich hoch“ bezeichnet das Friedrich- Loeffler-Institut auf der Insel Riems das Einschleppungs-Risiko für Vogelgrippe-Viren seit dieser Woche. In Niedersachsen wurde im Oktober bereits eine infizierte Wildente tot aufgefunden. Die OZ befragte dazu Holger Kliewe, Geflügelbauer in Mursewiek auf Rügen und CDU-Landtagsabgeordneter.

OZ-Bild

Landtagsabgeordneter Holger Kliewe (CDU) fordert entspannteren Umgang mit der Vogelgrippe

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Müssen bald wieder Tausende Tiere in den Stall?

Holger Kliewe: Hoffentlich nicht! Es wäre gut, wenn unser Agrarministerium in diesem Winter sensibler agiert und nicht wieder das ganze Land zum Risikogebiet erklärt. Wir müssen nicht bei jeder toten Möwe gleich die große Keule herausholen und einen Sperrbezirk einrichten, in dem sämtliches Freilandgeflügel in den Stall verbannt wird. Zur Erinnerung: Im letzten Winter hatten wir zwei größere Fälle – in einer Putenfarm und einem Legehennenbetrieb. Alles andere waren Tierparks und Hobby-Geflügelhaltungen. Die großflächigen Sanktionen waren bei dieser Lage überzogen.

Infwiefern?

Ziel der Stallpflicht ist doch, wirtschaftlichen Schaden abzuwenden. Bei der Vogelgrippewelle 2016/2017 entstanden in Mecklenburg-Vorpommern dadurch jedoch höhere Schäden als durch die richtige Vogelgrippe. Vermutlich lagen die Einbußen mit allen Folgeschäden in Millionenhöhe.

Wodurch waren die Schäden so hoch?

Die Tierhalter haben im Stall höhere Kosten, für Einstreu und zusätzliches Futter zum Beispiel. Für die Sperrbezirke gelten außerdem Handelsbeschränkungen. Die Tiere waren ja monatelang eingesperrt. Nach zwölf Wochen müssen Freilandeier aber als Eier aus Bodenhaltung verkauft werden – also pro Ei drei bis fünf Cent billiger. In den Ställen kommt es zu erhöhtem Kannibalismus, Gewichtsverlust, Gefiederproblemen, die Legeleistung sinkt. Viele sterben – an der Gefangenschaft, nicht am Virus.

Sie sprachen von Folgeschäden?

Ja, auf den Geflügelschauen haben wir immer weniger Aussteller, alle Geflügelsparten sind betroffen. Weil zum Beispiel eingesperrte Zuchtgänse weniger Eier legten, wurden weniger Gössel ausgebrütet. Auf dem Markt fehlten 30 Prozent Gänseküken, dadurch stiegen auch noch die Preise. Viele Legehennenhalter stallten im Frühjahr keine neue Junghennen-Generation ein, deren Eier fehlten dann im Sommer. Auf diesen Verlusten bleiben die Geflügelhalter sitzen. Im Seuchenfall dagegen zahlt wenigstens die Seuchenkasse des Landes.

Bei Zuchtgänsen in der Nähe von Malchin wurden vor ein paar Tagen Vogelgrippe-Viren gefunden. Warum galt das nicht als Seuchenfall?

Die Erreger waren ganz normale, schwächere Grippeviren, wie sie bei Wildvögeln ständig vorhanden sind und auch bei Freilandgeflügel vorkommen. Aufgefallen ist das nur, weil die Gänse vor einer Rassegeflügelschau durchgecheckt wurden. Die Zuchtgänse waren aber nicht krank. Sie hatten durch ihren ständigen Aufenthalt im Freiland vermutlich Abwehrstoffe gebildet.

Was wäre aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Man sollte einen Unterschied machen zwischen Stall- und Freilandgeflügel. Im Freien kommen Enten, Gänse und Hühner ständig mit Erregern in Kontakt. Ihr Immunsystem setzt sich damit auseinander und bildet Abwehrstoffe. Die Tiere leben mit Vogelgrippeviren, ähnlich wie Wildvögel. Auf engem Raum im Stall aber werden sie sogar eher krank als Stallgeflügel. Daher sollte man sie so lange wie möglich nicht in die Stallpflicht einbinden.

Plädieren Sie tatsächlich dafür, Ruhe zu bewahren? Auch wenn in der Nachbarschaft Wildvögel an aggressiven Grippeviren sterben?

Das ist natürlich eine Gratwanderung. Für Stallgeflügel zieht die Geflügelpestverordnung eine klare Grenze. Wo mehr als zwei Prozent des Bestandes verenden, besteht Meldepflicht. Warum wird diese Prozentzahl nicht auch für Zugvögel angewandt? Millionen Zugvögel halten sich jetzt in Mecklenburg-Vorpommern auf. Wo an Rastplätzen gehäuft tote Wildvögel auftreten, ist es richtig, das Hausgeflügel einzusperren. Ein paar einzelne tote Wildenten jedoch sollten nicht zu großer Aufregung führen.

Was halten Sie davon, in bestimmten Fällen auch Ausnahmeregelungen zu erlauben?

Die sollte es wieder geben. Mehrere Betroffene haben mir gesagt: Wenn wir so ein Theater wie letztes Jahr noch einmal mitmachen sollen, hören wir auf. Laufvögel im Stall – das ist mit dem Tierschutz einfach nicht vereinbar. Und wenn Legehennen, die wie Weidetiere leben, gezwungen sind, auf engstem Raum auszuharren, werden sie krank. Für Straußenhalter, Hühnerfarmen mit Mobilställen, Rassegeflügelzüchter und Heimattiergärten ist die Stallpflicht extrem schwer umzusetzen.

Was schlagen Sie vor?

Die Forschung sollte sich endlich intensiver mit den Übertragungswegen der Vogelgrippeviren beschäftigen. Bringen wirklich Zugvögel sie aus Russland oder China mit? Die Erreger waren den ganzen Sommer auch in Deutschland latent vorhanden. Wie kommen sie jetzt wieder in die Ställe? Vermutlich über Futter, Einstreu, Kükentransport oder Mitarbeiter, richtig aufgeklärt wird das meistens nicht.

Die Entscheidung über Sperrbezirke muss wieder allein bei den Landkreisen liegen, dort gibt es die beste Vor-Ort-Kenntnis. Und die Behörden sollten sich genau an die Geflügelpestverordnung halten und – wie dort festgelegt – die Stallpflicht risikobasiert anordnen. Denn das Vogelgrippe-Risiko ist ja nicht überall gleich groß.

Wo ist es besonders hoch?

In Gebieten mit großer Geflügeldichte, an Seen und anderen Wasserflächen sowie an Zugvogel-Rastplätzen.

Als Landtagsabgeordneter können Sie politisch Einfluss auf das Vogelgrippemanagement nehmen. Klappt das?

Wir hatten das Thema ja im Schweriner Landtag. Für Änderungen im Umgang mit der Seuche gibt es dort bisher keine Mehrheit.

Wie fühlen Sie sich dabei?

Damit muss man umgehen. Die Demokratie in Deutschland funktioniert über Mehrheiten, das ist so. Immerhin konnten wir aber erreichen, dass zum Beispiel Rassegeflügelvereine mehr Unterstützung bekommen. Die sind wichtig, um die Genreserve zu erhalten. Seltene, alte Geflügelrassen gehen sonst verloren.

Jüngste Geflügelpest war die schwerste seit 20 Jahren

15 Geflügelpestfälle gab es bei der Vogelgrippewelle 2016/17 in MV. Zwischen November und Mai waren eine Putenfarm in Fäsekow bei Tribsees und eine Legehennen-Anlage bei Boizenburg betroffen, außerdem neun Hobby-Haltungen sowie vier Zoos.

Die zuletzt über Deutschland hinweggezogene Vogelgrippe gilt als schwerste und am längsten andauernde Geflügelpest der letzten 20 Jahre. Bundesweit wurden 107 Seuchenausbrüche in Geflügelhaltungen registriert,

außerdem 1150 erkrankte Wildvögel.

29 Staaten Europas meldeten Vogelgrippefälle. Im Juli/August trat der Virus wieder in Belgien, Frankreich, Italien auf. Im August meldete Sachsen-Anhalt einen infizierten Wildvogel, im Oktober Niedersachsen.

Interview von Elke Ehlers

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