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Wirtschaft Starker Frost – doch Schafe frieren nicht
Nachrichten Wirtschaft Starker Frost – doch Schafe frieren nicht
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00:01 10.02.2018
Eine Herde der Deichschäferei Rügen: Auch im Winter sind die Schafe bei Mölln im Südwesten der Insel auf der Koppel. FOTOS (2): CHRISTIAN RÖDEL
Bergen

Armin Rohrbeck kennt die besorgten Blicke. Erst vor ein paar Tagen erkundigte sich ein mitfühlender Anwohner, ob es den Schafen im Freien gut geht. „Sogar die Lämmer springen quietschfidel umher, das ist immer ein gutes Zeichen“, sagt der Schäfer, der auf Rügen rund 300 Mutterschafe hält. Jedes Jahr, wenn’s frostig wird, sorgen sich vor allem Spaziergänger um seine Herden. „Sie befürchten, dass die Tiere frieren oder nicht genug Futter finden.“ Das sei aber nicht so, versichert Rohrbeck. Dicke Wolle schützt die Schafe. „Ich schere sie immer im Sommer, damit die Wolle bis zum Winter gut nachwächst.“ Jetzt sei das Vlies vier Zentimeter dick. Die aktuellen Minusgrade seien kein Problem.

In den Stall bringt Armin Rohrbeck die Tiere nur zum Scheren – und wenn das Wetter Probleme macht.

Auch Futter fänden die Tiere auf der Koppel noch genug. „Nach dem Mähen ist im Herbst noch reichlich Grünes nachgewachsen. Heuballen brauche ich nicht rauszubringen.“ Im vorigen Winter habe er das getan, berichtet der gebürtige Sassnitzer. „Das haben die Tiere gar nicht angerührt.“ Der 50-Jährige kennt sich mit Tieren aus: In der Schweineanlage von Losten (Nordwestmecklenburg) hatte er einst Zootechniker gelernt, später an der Rostocker Universität Landwirtschaft studiert.

„Schafe finden sogar unterm Schnee noch Futter“, meint dazu Wolfgang Grieger vom Landesschafzuchtverband. „Das ist wie bei Rehen, die verhungern im Winter ja auch nicht gleich.“ Der 42-Jährige besitzt in der Umgebung von Rostock und bei Stralsund mehrere größere Herden.

Die meisten von Griegers Schafen sind derzeit ebenfalls noch draußen. „Wenn Leute kommen, die sich deshalb Sorgen machen, erklären wir ihnen das.“ Der Verbraucher wünsche sich doch, dass Tiere naturnah gehalten werden, meint der Landwirt. Schäfer seien in Europa schon vor Jahrtausenden mit ihren Herden durch die Lande gezogen. „Auch in Regionen, in denen es kälter ist als bei uns, die meisten Rassen können das ab“, ist Grieger überzeugt. Bei starkem Schneefall bleibe der auf dem Rücken der Tiere liegen. „Dass der Schnee nicht schmilzt, zeigt doch, wie gut die Wolle isoliert“, erläutert Grieger. Das Wollfett sorge außerdem dafür, dass Wasser gut abtropft.

Gerd Bauschmann vom Verein Weidewelt e.V. in Hessen weiß, dass sich die Sorge um Weidetiere bundesweit breitmacht. „Im Winter ist es nicht selten, dass Spaziergänger beim Tierschutz oder Veterinärbehörden anrufen, weil sie denken, dass Tiere im Freien nicht artgerecht gehalten werden“, sagt der Diplom-Biologe. Das Gut Darß (Vorpommern-Rügen) zum Beispiel erhielt vor ein paar Tagen eine Anzeige beim Veterinäramt, weil der Betrieb seine Fleckvieh-Rinder auf der Weide hält. Das Amt habe die Bedingungen vor Ort geprüft und „für gut befunden“, sagt Tierproduktionschef Thomas Möhring. Fleckvieh sei eine robuste Fleischrind-Rasse.

Weidetiere hätten eine „deutlich tiefere Behaglichkeitstemperatur“ als der Mensch – und auch als Tiere, die in der Wohnung oder ganzjährig im Stall gehalten werden, betont Biologe Bauschmann. Rindern und auch Pferden, die im Freien leben, wächst im Winter eine dickere Behaarung – das Winterfell. Vorsicht sei allerdings bei Jungtieren geboten, falls die von ihren Müttern nach der Geburt nicht schnell genug trocken geleckt werden. Bauschmann: „Die könnten bei Minustemperaturen erfrieren“. Auch Ziegen und Esel seien „etwas empfindlicher“. Aufpassen müssten die Tierhalter zudem, dass die Tränken nicht einfrieren.

Dafür sei bei ihm gesorgt, berichtet der Rügener Schäfer Rohrbeck. Derzeit füllt er die Tränke auf der Koppel täglich mit Frischwasser auf. Auch die Gräben, aus denen die Schafe saufen können, hätten noch offene Stellen. Rohrbecks Deichschäferei beweidet bis in den November hinein mehrere Deiche am Kubitzer Bodden. Das sei Teil des Hochwasserschutzes: Das Grasen der Schafe trägt zur Stabilität der Deiche bei, Behörden zahlen dafür sogar eine Vergütung.

Ab Dezember zieht der Deichschäfer mit den Tieren auf Wiesen, von denen er sie besser in den Stall treiben kann. „Falls das Wetter doch Probleme macht.“ Innerhalb von drei bis vier Stunden hätte er die Schafe im Stall. Nicht per Lkw, sondern zu Fuß. Mit dem Hütehund treibt der Schäfer sie nach Mölln im Südwesten der Insel, wo er eine leerstehende Rinderanlage gepachtet hat. Und wo auch – sicher und trocken – sein Wintervorrat an Heu- und Strohballen lagert.

Derzeit fährt Armin Rohrbeck zweimal täglich auf die Weide. Kontrolle sei wichtig, meint er. Gerade jetzt in der Lammzeit. Denn in Rohrbecks Herden werden die meisten Lämmer auf der Weide geboren.

Schon über 80 kamen seit Mitte Januar zur Welt. Zweimal sogar Drillinge. Leider starben drei Jungtiere durch Attacken von Kolkraben. „Wenn Raben ihnen die Augen aushacken, überleben Lämmer das meistens nicht“, weiß der Landwirt, der das Problem auch von anderen Berufskollegen kennt.

Schäfer Rohrbeck hofft, dass die Temperaturen bald steigen. Denn wenn die Herde eine Koppel abgefressen hat, setzt er die Weidezäune um. „Wo der Boden gefroren ist, bekomme ich die jetzt aber nicht in die Erde.“ Dann muss er doch Zusatzfutter auf die Koppel bringen.

Kahlfrost schadet Pflanzen

Ackerbauern sehen die aktuellen Minustemperaturen mit Skepsis. Bei einigen Kulturen seien Frostschäden nicht auszuschließen, heißt es beim Landesbauernverband in Neubrandenburg. „Lieber wäre uns eine dicke Schneedecke, die die Pflanzen vor Frost schützt“, sagt Hauptgeschäftsführer Martin Piehl. Zwar seien viele Raps- und Getreidesorten bereits auf Winterfestigkeit gezüchtet, doch einige Sorten kämen mit stärkeren Minusgraden nicht so gut zurecht. Problematisch werde es, wenn der sogenannte Kahlfrost die Pflanze zerreißt und die Wurzel abgetrennt wird. Piehl: „Wie groß die Frostschäden sind, wird aber erst sichtbar, wenn die Vegetation einsetzt.“

Elke Ehlers

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