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Trump und die US-Medien: ein Frontverlauf

Neue US-Regierung Trump und die US-Medien: ein Frontverlauf

Trump hat den Medien den Krieg erklärt. Haben die ihn angenommen und wie verliefe er? Eine Zwischenbilanz.

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Die Beziehung des neuen US-Präsidenten zu einem großen Teil der amerikanischen Medien ist nicht unkompliziert.

Quelle: Evan Vucci

Washington. Donald Trump, das kann man sicher sagen, hat weltweit das Mediennutzungsverhalten am Morgen geändert. Was hat er getwittert? Wen belobigt, wen beschimpft? Wem gedroht, wen verhöhnt?

Nichts hat sich vom Kandidaten zum US-Präsidenten geändert. Es ist nur wichtiger geworden und noch mehr beachtet. Trump feuert seine 140-Zeichen-Salven weitestgehend ungebremst direkt an Volk und Follower. Das ist insofern konsequent, als er sich mit „den Medien“ im Krieg befindet.

Dieser Kleinkrieg, er ist für den Präsidenten Alltag geworden. Er lässt auch die ungewöhnlichsten und fernsten Anlässe nicht aus, um die „Versager der New York Times“ zu beschimpfen, „Fake News CNN“, ABC oder MSNBC. „The very dishonest press“, die sehr unehrliche Presse, das geht ihm so leicht von den Lippen wie anderen „How are you?“ (Wie geht's?). Trump bedroht die traditionsreichen Sender NPR und die „Voice of America“. Journalisten, so wirkt es, gehören für ihn zu den niedrigsten Lebensformen, sind Abschaum.

Was Trump am Montag in Tampa auspackte, war noch schwereres Geschütz. Bei Terroranschlägen gebe es aktive Nachrichtenunterdrückung, raunte er mit dunklem Blick vor Militärs, man wisse schon, warum. Eine Quelle oder einen Beweis nannte der mächtigste Mann der Welt nicht. Das Weiße Haus lieferte später eine Liste mit 78 Anschlägen nach, über die nicht ausreichend berichtet worden sei. Darunter die Attacken in Berlin, Paris und Nizza mit vielen Toten. Es gibt ein berühmtes Zitat: Das erste, was im Krieg stirbt, ist die Wahrheit.

Medien in den USA wehren sich. Springen nicht mehr über jedes hingehaltene Stöckchen. Berichten nach Kräften, was ist.

Die „New York Times“ hat ihre Kräfte für das Weiße Haus verstärkt, die „Washington Post“ ebenso. Kaum ein Tag vergeht ohne neue Leaks, Dramolette und Durchstechereien, die in früheren Zeiten tagelanger Gesprächsstoff gewesen wären. Heute blitzt die Sonne des Aufmerksamkeitshochs grell, aber kurz - und weiter. Nächstes Thema.

Oder Trump selbst lenkt, meisterlich, das öffentliche Bewusstsein auf anderes. Ist die Debatte über Kellyanne Conways „alternative Fakten“ wichtiger oder die Auseinandersetzung mit harter Sachpolitik über Klima, Finanzen, Erziehung, Gesundheit? Wer profitiert hier wovon?

Studien zeigen, dass Trumps Taktik, den Medien die Ehre abzusprechen, in seiner Anhängerschaft zum einen bestens verfängt. Zum anderen ist vielen des Präsidenten Krieg mit den Medien nur ferner Geschützdonner von der Ostküste. Sie sehen Fox News und lesen Breitbart. „New York Times“, CNN oder MSNBC nehmen sie gar nicht wahr. Anders als Trump.

Denn bei allem Getwitter, Trump ist ein Kind des Fernsehens. Er beherrscht das Medium perfekt. Wenig ist ihm so wichtig, Telegenität bedeutet ihm sehr viel. Die „New York Times“ und andere beschreiben, wie sehr das Fernsehen für Trump eine Art höheren Realitätsbeweis darstellt. Was nicht gesendet wird, findet nicht statt.

Fünfeinhalb Stunden sieht der durchschnittliche Amerikaner täglich fern. Auch darauf gründet der Präsident seine Strategie, inszeniert sich möglichst viel vor Kameras. Die beharrlich laufenden Bilder vermitteln den Eindruck eines geschäftigen, fleißigen Präsidenten.

Medienwissenschaftler Neil Postman: „Problematisch am Fernsehen ist nicht, dass es uns unterhaltsame Themen präsentiert, problematisch ist, dass es jedes Thema als Unterhaltung präsentiert.“

Was bei inszenierten Unterschriften oder einem kurzen Statement für die Kameras fehlt, sind Nachfragen. Das ist vielen mehr Polit-PR als Journalismus, aber übertragen wird trotzdem, als gebe es dafür ein Gesetz. Nachfragen fehlen aber auch oft in den Trump-Interviews, vor allem kritische: Wenn der Präsident seine USA auf eine Stufe mit Russland stellt, unversehens das rasche Ende von Obamacare abräumt, die Gesundheitsreform seines Vorgängers, lässt etwa Fox News das unhinterfragt. Schlechtes Handwerk hat sich seit der Wahl an vielen Stellen nicht verbessert.

Geändert hat sich einiges im täglichen Briefing des Weißen Hauses. Sprecher Sean Spicer hält es knapper, was nicht schlecht sein muss. Er hat aber in Interviews klargestellt, dass er von seinem umstrittenen Premiere-Anpfiff-Auftritt gegen die Medien nichts zurückzunehmen habe. Spicer lässt aber Nachfragen zu, antwortet unter offensichtlichem Druck und oft sehr scharf. Die Fragen an das vor ihm sitzende Corps gehen nun nicht mehr überwiegend an die Großen in den Reihen eins und zwei. Spicer ruft vermehrt kleinere Medien auf, auch Boulevard- und stark konservative Vertreter. Und man kann sich jetzt online zuschalten.

Skype-Konferenzen sind vielerorts Alltag, im Weißen Haus sind sie neu. Mindestens zwei Radio- oder TV-Menschen aus Ohio, Texas oder Florida können nun live fragen. Vertreter der White House Press Association loben die größere Vielfältigkeit - wären nur die Fragen besser. „Herr Spicer, großartig, dass Sie das Weiße Haus für uns geöffnet haben; die Regierung tut ja bereits viele großartige Dinge, wann wird sie damit bei uns in Kentucky beginnen?“

Hilfreich im Sinne der Aufklärung ist das nur begrenzt. „Vergesst diesen vermeintlichen Zugangs-Journalismus“, fordert Jay Rosen von der New York University. „Lasst das die Praktikanten machen. Kümmert Euch um das wirklich Wichtige.“ Das dürfte Trumps sinistrer Chefstratege Steve Bannon verhindern wollen, öffentlich brandmarkte er die Medien als Opposition. In diesem Klima ist Frieden fern, aber viele Journalisten ziehen aus der Hochspannung auch neue Energie.

dpa

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