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Wirtschaft Verzweiflungstat? EZB kauft nun auch Firmenanleihen
Nachrichten Wirtschaft Verzweiflungstat? EZB kauft nun auch Firmenanleihen
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00:01 09.06.2016

Bislang hat EZB-Chef Mario Draghi kein glückliches Händchen im Kampf gegen die schwache Inflation in der Eurozone bewiesen. Dabei pumpt die Europäische Zentralbank (EZB) Monat für Monat Abermilliarden in den Finanzmarkt, unter anderem über den Kauf von Staatsanleihen. Dennoch fielen die Verbraucherpreise im Mai um 0,1 Prozent. Das Inflationsziel von knapp unter 2,0 Prozent, das die Notenbank als gesund für die Wirtschaft ansieht, ist in weite Ferne gerückt.

Jetzt greift Draghi zum nächsten Mittel, um die Inflation anzuheizen: Seit gestern kauft die EZB auch Anleihen von Unternehmen. Oder anders gesagt: Die EZB wird zum Gläubiger kleiner und großer Firmen. Unter Experten ist diese Maßnahme hochumstritten. Nicht wenige stellen die Wirksamkeit in Frage, andere warnen vor massiven Marktverwerfungen und einige halten den Kauf von Firmenanleihen durch die Notenbank für schlicht rechtswidrig. Unter dem Titel „Corporate Sector Purchase Programme“ oder kurz CSPP dürfen Anleihen von Unternehmen mit guter Bonität und Sitz in der Eurozone bis zu einem Volumen von 70 Prozent aller ausgegebenen Papiere einer Emission gekauft werden. Ausgenommen sind Anleihen von Banken und von Unternehmen im Staatsbesitz.

„Die Regeln ermöglichen es der EZB, eine große Vielfalt von Unternehmensanleihen zu kaufen“, erklärt Philip Gisdakis von der Großbank Unicredit. Es reicht eine einzige gute Kreditbewertung im Bereich Investmentgrade durch eine der führenden Rating-Agenturen. Selbst wenn die übrigen Agenturen das Papier als Ramsch einschätzen, darf es auf dem Kaufzettel auftauchen. Nach einer Aufstellung des Finanzdienstleisters Bloomberg kommen damit bis zu 1049 Unternehmensanleihen im Volumen von 620 Milliarden Euro in Frage.

Schon am ersten Tag des Kaufprogramms soll die EZB zugeschlagen haben. Wie Bloomberg unter Berufung auf informierte Kreise berichtete, standen Firmenpapiere aus führenden Euroländern auf dem Kaufzettel. Demnach sollen unter anderem Anleihen des französischen Energieriesen Engie (früher GDF Suez), des spanischen Telefonkonzerns Telefónica, des italienischen Versicherungskonzerns Generali und des Siemens-Konzerns gekauft worden sein.

Sollte die EZB beim Kauf von Unternehmensanleihen zu stark aufs Gaspedal treten, könnte der Markt schnell austrocknen, meint Kohl. Privatanleger, die sich ebenfalls für solche Papiere interessieren, dürften in die Röhre schauen. Sie müssen möglicherweise auf Angebote mit zweifelhafter Bonität ausweichen. „Damit wird der nächste Markt kaputt gemacht“, kritisiert Kohl. Für Anleger ist es wegen der extrem niedrigen Zinsen ohnehin schon schwierig, gute Anlagemöglichkeiten zu finden. J. Krämer

OZ

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