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Wirtschaft Weg von der Turbomast
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00:05 12.07.2016
Strohballen im Stall: In Wolde haben die Hähnchen bessere Haltungsbedingungen als sonst in konventioneller Mast. Quelle: Fotos: Dietmar Lilienthal

Der Hähnchenstall von Marion Dorn (56) ist etwas Besonderes: Das Federvieh, das in Wolde bei Neubrandenburg (Mecklenburgische Seenplatte) aufwächst, lebt länger als die meisten seiner Artgenossen. Seit 2015 beteiligt sich die Vorsitzende des Landes-Geflügelwirtschaftsverbandes mit einer langsam wachsenden Rasse an einem Pilot-Programm, bei dem die Tiere nicht in Turbomast aufgezogen werden. Außerdem haben sie mehr Platz im Stall, können im Stroh scharren und auf Sitzstangen flattern. „Alles Dinge, die sich Verbraucher in Umfragen immer wünschen“, sagt Marion Dorn.

Langsame Aufzucht: Geflügelmästerin Marion Dorn in Wolde bei Neubrandenburg beteiligt sich an einem Pilotprojekt

45 bis 50 Tage mästet ihr Betrieb die Hühnchen, gut zwei Wochen länger als landläufig in konventioneller Haltung üblich. Wo früher 40000 Küken in einem Stall lebten, sind es jetzt knapp 29

000.

Allerdings: Auch bei Marion Dorn haben die Hühner nie Auslauf. „Wenn wir das machen würden, wird die Produktion noch einmal deutlich teurer“, meint die Verbandsvorsitzende. Und teures Geflügelfleisch sei auf dem deutschen Markt schwer abzusetzen.

Insgesamt hält die Familie an drei Standorten jetzt 98000 Hühner. Mit energiereduziertem Futter werden die Tiere bis zu 2,4 Kilo schwer. Nach dem Schlachten werden daraus zerlegte Fleischhähnchen, berichtet die gebürtige Brandenburgerin, die seit mehr als 30 Jahren in Mecklenburg lebt.

Für den Agrarbetrieb, in dem auch ihr Ehemann, zwei ihrer drei Töchter und ein Schwiegersohn arbeiten, lohnt sich der größere Aufwand. Der Geflügelschlachthof bezahlt rund zehn Prozent mehr für das Fleisch der langsamer aufgezogenenTiere.

Silvia Ey, die im Landesbauernverband in Neubrandenburg für den Bereich Tiergesundheit zuständig ist, weiß, dass auch andere Geflügelanbieter mehr fürs Tierwohl tun wollen. Unter dem Label „Privathof“ erhalten konventionell gehaltene Hähnchen Wintergärten in offenen Stall-Anbauten. „Die Produzenten haben aber Probleme, das teurere Fleisch loszuwerden“, weiß Silvia Ey. In Bayern und Städten wie München und Berlin klappe das, bundesweit jedoch nicht. „Wo die Kaufkraft dafür nicht reicht, ist der Absatz schwierig.“

Im Handel ist das Fleisch dieser Tiere zwar billiger als Öko-Ware, für die Verbraucher nach Marktanalysen zwischen zwölf und 20 Euro pro Kilo zahlen müssen. Es sei aber „deutlich teurer als übliche Standardbroiler, die im Lebensmittelhandel für einen Kilo-Preis ab drei Euro zu haben sind“, sagt die Verbands-Fachfrau.

Marion Dorn möchte zur früheren Art der Geflügelhaltung nicht wieder zurück. Bis 2014 hatte sie 120000 Hühner, die in gut 30 Tagen an den Schlachthof gingen. „Es macht einfach mehr Spaß, die Tiere so wie jetzt zu halten.“ Die Hähnchen seien weniger anfällig für Keime und Krankheiten. „Wir brauchen weniger Medikamente.“ Antibiotika habe sie in diesem Jahr erst ein einziges Mal eingesetzt.

Als Verbandsvorsitzende bricht Marion Dorn aber auch eine Lanze für ihre Kollegen, die weiter auf konventionelle Art Broiler mästen. Die Diplom-Agraringenieurin hat an einer Charta des Geflügelwirtschafts- Zentralverbandes mitgearbeitet. „Wir wollen das beste Geflügelland der Welt sein“, heißt es darin. Das fand selbst Marion Dorn zunächst recht hochgegriffen. „Doch die Fakten zeigen, dass es stimmt. Zusammen mit Österreich und Schweden hat Deutschland die weltweit besten Standards in der Geflügelproduktion.“ Das könnten auch die etwa 100 Mitgliedsbetriebe des Geflügelwirtschaftsverbandes in MV für sich in Anspruch nehmen.

• Bildergalerie unter: www.ostsee-zeitung.de/Bilder

DREI FRAGEN AN...

1 Der Zentralverband Geflügelwirtschaft wirbt mit dem Slogan „Wir wollen das beste Geflügelland der Welt sein“. Ist das nicht etwas vermessen? Das habe ich auch gedacht, als ich den Satz das erste Mal gehört habe. Aber wir haben uns intensiv mit den Fakten beschäftigt. Deutschland ist schon jetzt das Land mit den weltweit besten Standards in der Geflügelproduktion.

2 Woran machen Sie das fest? An Tierwohl, Verbraucher- und Umweltschutz. Der Vergleich von 16 relevanten Geflügelländern ergab:

Deutschland hat höhere Erzeugerstandards als die Europäische Union vorschreibt. Das gilt auch für Österreich und Schweden, aber die sind als Erzeugerländer deutlich kleiner. Die USA, China, Brasilien und Russland – die weltweit größten Geflügelfleischerzeuger – liegen unter EU-Standards. In China, Japan und Indien wird Geflügelhaltung so gut wie gar nicht reguliert.

3 Trotzdem steht ihre Branche in der Kritik, wegen Schnabelkürzungen und Antibiotikaeinsatz zum Beispiel. Kann man damit bestes Geflügelland der Welt sein? Stehen wir wirklich so stark in der Kritik? Oder wird das nur so dargestellt? Nie wurde so viel Geflügelfleisch gegessen wie jetzt. Das spricht doch eher dafür, dass Verbraucher unsere Produkte schätzen. Antibiotika sind ein ernst zu nehmendes Thema. Wenn Tiere krank sind, werden wir sie auch künftig einsetzen – da sollten wir ehrlich sein. Als Wachstumsbeschleuniger nutzen wir sie aber nicht, wie das außerhalb der EU fast überall erlaubt ist. Beim Schnabelkürzen ist 2017 Schluss. Das Ziel steht, wir werden es umsetzen.

Elke Ehlers

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