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Wenn Inge hupt, wird eingekauft

Blowatz Wenn Inge hupt, wird eingekauft

Im rollenden Supermarkt braust Inge Jeske übers Land. Wer bei ihr shoppt, ist mehr als Kunde. Er ist Familie.

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Urgestein: Herta Rachow (79) ist seit der ersten Tour Kundin in Inges rollendem Supermarkt.

Blowatz. Schrill dröhnt die Autohupe durch die Straßen. Wenn Inge kommt, wird‘s laut. „Ich bin eben nicht zu überhören“, sagt Inge Jeske und lacht aus voller Kehle. Der rollende Supermarkt schunkelt vorbei an den Neubaublocks von Blowatz (Kreis Nordwestmecklenburg). Inge manövriert den wuchtigen Bus in Parkposition. Mit kräftigem Ruck schiebt sie die Tür auf zu ihrem mobilen Einkaufsladen. „Moin. Habt ihr mich schon vermisst?“, ruft sie ihren Kunden entgegen, die bereits an der Bordsteinkante auf ihre Inge warten. Bewohner aus dem Neubaublock, die Omas von nebenan, das Mutter-Tochter-Gespann von der anderen Straßenseite — sie alle drängen nun in Inges Bus.

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Urgestein: Herta Rachow (79) ist seit der ersten Tour Kundin in Inges rollendem Supermarkt.

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„Na Horsti, wie geht‘s?“, begrüßt Inge den Mann in Shorts und Unterhemd. Horsti ist 50 Jahre alt, heißt eigentlich Horst Barr und kauft jede Woche bei Inge ein. „Zusammen mit meiner Mudder. Hier gibt‘s doch sonst nichts anderes. Sollen wir etwa immer bis nach Wismar fahren?“ Nein, ein Gang vor die Haustür reicht aus. Drei, vier Handgriffe und ein kleiner Plausch — dann ist der Einkauf eingetütet. Während Muddern sich die Stufen hinaus aus dem Bus quält, greift sich Horsti Kartoffelsack und Korb. „Schönen Tach noch und bis Donnerstag.“

Wo „Tante Emma“ längst nichts mehr verkauft, da macht Inge Halt. Ohne sie müssten Dorfbewohner wie die Blowatzer etliche Kilometer in die nächste Stadt zurücklegen. Gerade für die Älteren kaum denkbar. Das Auto fehlt, der Bus fährt selten. Zu Inges Laden ist es nur ein Katzensprung. Er parkt vor der Haustür. Auf wenigen Quadratmetern bietet die Verkäuferin hier all das, was man im Alltag braucht. Vom Kohlrabi bis zum Katzenfutter, von Schnaps bis Schokopraline — auf engstem Raum quetscht sich ein breites Sortiment. Selbst T-Shirts baumeln an ihren Regalen. „Für jeden hab‘ ich was dabei.“ Kein Kundenwunsch bleibt unerfüllt. Was fehlt, besorgt die quirlige Verkäuferin bis zur nächsten Tour.

Kassler, Kohl und Klops im Glas — in den Regalen wartet Hausmannskost auf Käufer. Liane Ranzow (76) greift zu: Die Kasslerkeule wandert in den Flechtkorb. Stück um Stück arbeiten die Kunden ihre Einkaufszettel ab. Inge lacht herzhaft. „Ich war doch gerad‘ mal ‘ne Woche weg und schon macht ihr euch hier die Beutel voll, als sei ich ewig nicht hier gewesen.“ Zu ihrem 50. Geburtstag hatte sie sich eine kleine Auszeit in Dänemark gegönnt. Die erste seit vielen Jahren. Daheim wurde sie schmerzlich vermisst — nicht nur ihrer Ware wegen. Die gute Seele mit der frechen Klappe haben die Dörfler längst in ihr Herz geschlossen.

Ramona, Detlev, Ilse und Co. — das Dorf trifft sich im rollenden Supermarkt. Hier, in Inges Welt, ist man per du. Ihre Kunden sind mehr als Käufer. Sie sind Familie. Anrührende Familiendramen, spannende Urlaubsgeschichten, süffisanter Dorftratsch — an Inges Kasse kommt alles auf den Tisch. Hier teilt man Freud und Leid. Und die Last des Wocheneinkaufs: Inge greift sich den Einkaufszettel der nächsten Kundin, füllt der alten Dame den Korb. Man kennt sich, man schätzt sich, man hilft sich gern.

Das zeigt sich auch beim nächsten Stopp. Graue Filzpuschen, buntgeblümte Kittelschürze, pinker Nylonbeutel — „Tante Hetti“ klettert in den Bus. „Na Schatzi.“ Fest drückt Inge Herta Rachow an ihre Brust. „Für mich ist sie schon nicht mehr Tante, sondern Mutter Hetti“, verkündet Inge und streichelt der 79-Jährigen sanft über die Wange. Seit der ersten Fahrt sei Tante Hetti ihre Kundin. Die erste Fahrt, das war vor 19 Jahren. „Nächstes Jahr hab ich 20-jähriges Jubiläum“, erzählt Inge stolz. Leicht sei der Job nie gewesen, erst recht nicht heute. Die Arbeitstage sind lang und finanziell bleibe auch kaum was hängen. Ihren einzigen Angestellten habe sie entlassen müssen. „Die Produkte, der Diesel — alles wird teurer. Und wir kleinen Händler kriegen keine Unterstützung“, stöhnt Inge.

Deshalb muss jetzt auch ihr Mann Norbert, 71 Jahre, wieder mit anpacken. Er ist Chef der Firma und muss trotz Krebsleiden auf den Bock, hinter das Steuer des zweiten Einkaufsbusses. „Aber wir wollen nicht meckern“, befindet Inge, und schon weichen die Sorgenfalten wieder einem warmherzigen Lächeln.

Die Touren verlangen Inge viel ab. Ihr Tag beginnt im Morgengrauen: Um 5.30 Uhr bestückt die gelernte Fleischereifachverkäuferin, die in Hof Triwalk nahe Wismar lebt, ihren Wagen mit Frischware. 7 Uhr kommt der erste Kunde. Kurz vor Mittag, an Station 13, haben sich die Regale sichtlich geleert. Doch noch fünf weitere Dörfer warten heute auf den Bus. Von Kühlungsborn bis kurz vor Schwerin — für ihre Kunden reißt Inge etliche Kilometer ab, auf täglich wechselnden Routen. Schlagloch um Schlagloch bahnt sich der rollende Supermarkt den Weg ins nächste Dorf. Im Busbauch klirrt und rumpelt es: Schnapsbuddeln und Wurstkonserven hüpfen im Regal. Inge schüttelt es im Fahrersitz. Das Dorfschild hat sie kaum passiert, da klingelt schon ihr Handy. Der nächste Kunde wird ungeduldig. Inge bleibt gelassen. „Keine Angst, ich bin gleich bei dir.“Inge gibt Gas. Die Einkaufs-Familie wartet schon.

Der Einkauf kommt gerollt
1800 mobile Verkaufsfahrzeuge (Höchstmasse: 7,5 Tonnen) sind in Deutschland unterwegs. „Sie haben circa eine Million Kundenkontakte pro Woche“, sagt Christian Böttcher, Leiter Fachbereich Mobile Verkaufsstellen beim Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels. Konkrete Daten über die Anzahl der rollenden Supermärkte in Mecklenburg-Vorpommern gebe es allerdings nicht.

Die Branche ist durchweg mittelständisch geprägt. Eine Vielzahl der Anbieter sind keine Vollsortimenter, sondern haben entweder Obst und Gemüse oder Back- oder Fleischwaren an Bord ihrer Verkaufswagen.

 

Antje Bernstein

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