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Zuckermangel: Cola-Krise in Caracas

Caracas Zuckermangel: Cola-Krise in Caracas

Erst die Produktion von Bier gestoppt, nun ist mangels Zucker auch das Volksgetränk Coca-Cola betroffen. Die Menschen im sozialistischen Venezuela sind Krise gewohnt, aber derzeit geht es fast täglich rapide bergab. Vor allem in Krankenhäusern ist die Lage dramatisch.

Caracas. Nicolás Maduro verteufelt gern die USA, er wirft ihnen vor, einen Putsch gegen ihn zu unterstützen. Sozialismus vs. Kapitalismus. Da kann es dem Präsidenten Venezuelas nicht schmecken, dass sein Volk ganz vernarrt ist in eines der US-Produkte schlechthin - Coca-Cola.

Doch noch weniger kann es ihm schmecken, dass nun die Produktion weitgehend gestoppt werden muss. Weil Zucker fehlt. Das wirft ein noch schlimmeres Schlaglicht auf die Krise im Land.

Aus Atlanta meldet sich Coca-Cola-Sprecherin Kerry Tressler. „Die Zuckerhersteller in Venezuela haben uns informiert, dass sie die Herstellung wegen des Mangels an Rohstoffen zeitweise stoppen müssen“, sagt sie. Das habe Auswirkungen auf die Cola-Produktion.

Verantwortlich für die Herstellung der braunen Brause ist im Land mit den größten Ölreserven der Welt die mexikanische Cola-Tochter Coca-Cola Femsa (KOF). Femsa hat in Mittel- und Südamerika 64 Abfüllfabriken und versorgt eigenen Angaben zufolge 346 Millionen Konsumenten. Venezuela ist einer der wichtigsten Absatzmärkte.

Was ist nun los in Venezuela? Nach 17 Jahren sozialistischer Regierung ist das Land ein Pulverfass. Es wird kaum noch etwas produziert, weil Grundgüter fehlen. Und vor allem Devisen, um diese aus dem Ausland einzuführen. Daher musste der mit einer Marktabdeckung von 80 Prozent größte Bierbrauer, das Unternehmen Polar, die Bierproduktion stoppen - es gibt keine Dollars mehr, um Gerstenmalz einzuführen. Der heimische Bolívar ist kaum noch etwas wert, die Inflation die höchste der Welt. Auf dem Schwarzmarkt gibt es am Dienstag für einen US-Dollar 1050 Bolivar.

Bis zu 95 Prozent der Deviseneinnahmen hängen an den Einnahmen aus dem Ölgeschäft. Wegen des Preisverfalls sind die aber eingebrochen - private Unternehmen werfen der Regierung vor, sie im Stich zu lassen und ihnen den Zugang zu Devisen zu blockieren. Hinzu kommt die Preispolitik. Die Regierung hat zum Beispiel den Mehlpreis auf 19 Bolívar festgesetzt - das ist für Produzenten kaum rentabel, da die Regierung zum Beispiel parallel im Monatstakt Mindestlöhne anhebt.

Trotz der größten Ölreserven musste bisher mangels ausreichender Raffinerien auch Benzin im Wert von zehn Milliarden US-Dollar eingeführt werden. Weil das kaum noch zu bezahlen ist und das die Deviseneinnahmen wieder auffrisst, wurde der Benzinpreis deutlich erhöht: Für den Liter Normal-Benzin sind nun ein Bolívar und für Superbenzin sechs Bolívar zu zahlen.

Das ist, wenn man Dollar zum Wechseln hat, immer noch extrem günstig, 100 Liter Super kosten dann etwas mehr als einen halben Dollar. Aber für die meisten Venezolaner ist das wegen der Inflation schmerzhaft. Daher, und weil es Mangel an allem gibt, blüht der Schwarzmarkt, um etwas hinzuzuverdienen, etwa durch den Verkauf von Mehl.

Für Touristen, die sich noch hierhin trauen, ist Venezuela bei Barzahlungen eines der billigsten Reiseländer der Welt - allerdings müssen Hotels oft mit Tüten voller Geld gezahlt werden, da der größte Schein der Hunderter ist. Krisenverschärfend sind marode Strukturen, so gab es zuletzt teilweise 2-Tage-Wochen, weil das größte Kraftwerk wegen Wassermangels vor dem Kollaps stand. In Zeiten hoher Öleinnahmen wurde viel in Sozialprogramme, aber zu wenig in moderne Strukturen investiert, um von Importen unabhängiger zu werden. So müssen nach Angaben des Portals „El Universal“ dieses Jahr bis 850 000 Tonnen Zucker eingeführt werden, das erklärt die Cola-Krise.

Maduro wirft privaten Unternehmen wie Polar einen „Wirtschaftskrieg“ vor, um seine Regierung zu destabilisieren. Er hat per Dekret den Ausnahmezustand verhängt. Zudem wurden Militär und Bürgerwehren dazu ermächtigt, „die Verteilung und Vermarktung von Lebens- und Grundnahrungsmitteln“ zu garantieren. Sollen Coca-Cola und Polar mit Waffengewalt zur Produktion gezwungen oder enteignet werden? Bei Polar bewachen besorgte Arbeiter die Bier-Produktionsstätten.

Die Lage ist extrem gespannt, zumal das Oppositionsbündnis „Tisch der demokratischen Einheit“ (MUD), ein Sammelbecken aus Konservativen, Liberalen und Sozialdemokraten, nach dem Sieg bei der Parlamentswahl im Dezember Maduro schnellstmöglich per Referendum absetzen will - er stemmt sich dagegen und weitet seine Dekrete aus. Die Opposition warnt vor einer Diktatur. Maduro hat bisher kein Rezept gegen die Krise. Lebensmittelmangel ist das eine: In Krankenhäusern fehlen Medikamente, teils bis hin zum Sauerstoff für Beatmungsgeräte, es gibt Berichte über Ärzte, die in den Hungerstreik getreten sind. Dagegen erscheint der Verzicht auf eine Coca-Cola ziemlich banal.

dpa

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