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Eine Rostocker Gift-Bombe tickt in der Warnow

Rostock Eine Rostocker Gift-Bombe tickt in der Warnow

Alte Dachpappenfabrik hat auch das Flusswasser verseucht / Behörden streiten über Schuld-Frage / Giftiger Schlick soll im Breitling versenkt werden

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Das Gelände der ehemaligen Dachpappenfabrik: Hier versickerten Öl, Teer und Bitumen im Erdreich – und nun auch in die Warnow.

Quelle: Foto: Ove Arscholl

Rostock. Vom anderen Flussufer aus betrachtet, sieht das ehemalige Industriegelände in Dierkow völlig harmlos aus: Am Wasser wächst Schilf, die Fundamente der alten Produktionsstätten sind fest gänzlich unter trockenen Gräsern verschwunden. Und doch ist das Gelände der ehemaligen Riedelschen Dachpappenfabrik eine tickende ökologische Zeitbombe. So sieht es jedenfalls das Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) in Stralsund. „Bei Niedrigwasser suppt von dort eine giftige Brühe in die Warnow. Da ist nichts versiegelt, nichts dekontaminiert worden“, sagt Amtsleiter Holger Brydda. Die Folge: Weite Teile des Stadthafens sind mittlerweile mit Giften verseucht. Nicht nur der Schlick, auch das Wasser. Zwischen Bund, Land und Stadt bahnt sich ein Streit um Millionen Euro an – und um die Frage, wer schuld ist und wer für die Folgen zahlt. Ein Teil des Giftes soll im vor Hohe Düne verklappt werden.

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Alte Dachpappenfabrik hat auch das Flusswasser verseucht / Behörden streiten über Schuld-Frage / Giftiger Schlick soll im Breitling versenkt werden

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Die Kosten explodieren

Seit Wochen sorgt das Thema hinter den Kulissen für hektische Nervosität in den Ämtern. Als bekannt wurde, dass der Schlick der Warnow hochgradig mit Arsen, mit Kohlenwasserstoffen und anderen Chemikalien belastet ist, wollte sich die Hansestadt dazu gar nicht äußern. Auch das Wasser- und Schifffahrtsamt in Stralsund schwieg – jedenfalls zur Schuldfrage. Auch heute noch will Amtsleiter Brydda den Begriff „Schuld“ nicht in den Mund nehmen. Kein Wunder: Statt 1,5 Millionen Euro wird die dringend notwendige Vertiefung des Stadthafens nun mindestens drei mal so viel kosten. Im schlimmsten Fall sogar das 15-Fache – 22,5 Millionen Euro. Brydda spricht deshalb lieber von Verantwortung. Und wer die zu tragen hat, sei aus seiner Sicht eindeutig: „Das Gelände der ehemaligen Dachpappenfabrik gehört der GAA – der Gesellschaft für Abfallwirtschaft und Altlasten des Landes – und der Stadt.“

WSA sieht Land in der Pflicht

Schon vor Jahren seien die Eigentümer und auch die zuständige Umweltbehörde, das Staatliche Amt für Landwirtschaft und Umwelt (StALU), darauf hingewiesen worden, dass ölige Substanzen in den Fluss gelangen. „Schon lang wird darüber diskutiert, das Areal zu versiegeln. Aber nichts ist passiert.“ Das Gift hätte auch das Wasser selbst beeinträchtigt, möglicherweise sogar die Fische. „Die Behörden von Stadt und Land haben das in Kauf genommen“, so Brydda. Mit einem Gutachten will er das beweisen.

Land: Andere Quellen denkbar

1929 war auf dem Areal neben der Petribrücke die Dachpappenfabrik errichtet worden. 1961 wurde der Betrieb verstaatlicht und zum VEB Bitumenverarbeitung. Jahrzehnte lang gelangten Teer, Öl und Bitumen dort in das Erdreich. Das streitet Jean Weiß, der Chef des StALU in Rostock, auch nicht ab. Aber dass die Verseuchung des Stadthafens ausschließlich von der alten Fabrik ausgeht, zweifelt er an: „Es gibt rund um den Stadthafen viele mögliche Quellen. Bis in das 19. Jahrhundert gab es beispielsweise viele Gerbereien am Flussufer. Von denen könnte das Arsen im Schlick stammen. Und dann war da noch eine Munitionsfabrik der Sowjetarmee“, so Weiß. „Es muss belastbar nachgewiesen werden, dass die Brache der Riedelschen Dachpappenfabrik die Quelle ist.“ Dann sei das Land bereit, sich an den Kosten für die teure Entsorgung zu beteiligen.

Sicherung noch 2017

Das StALU reagiert aber bereits seinerseits: Noch in dem Jahr soll das Fabrikareal mit Spundwänden abgeschottet werden. Oben kommt ein „Deckel“ drauf. „Es stimmt nicht, dass wir das erst jetzt wollen. Wir führen seit Jahren Gespräche mit dem WSA. Doch das hat sich bisher einer Lösung verweigert“, sagt Weiß und spielt den Ball zurück. Denn aus Sicht des Landes müsse sich die Bundesbehörde „auf der Wasserseite“ an den Sicherungsmaßnahmen beteiligen. Das habe das Amt in Stralsund aber negiert. „Die haben sich quer gestellt“, so Weiß. Im April sollen die Arbeiten nun dennoch beginnen, damit kein weiteres Gift austritt.

Nur ein Teil wird ausgebaggert

Und auch für einen Teil des belasteten Flussbodens zeichnet sich eine Lösung ab: Bei einem Krisengipfel im Rathaus einigten sich Stadt und WSA auf eine „kleine“ Ausbaggerung. Statt 75000 Kubikmetern Schlick sollen jetzt nur noch 25 000 Kubikmeter ausgehoben werden.

„Wir machen die wichtigsten Bereiche wieder schiffbar“, so Brydda. Kosten: rund 1,5 Millionen Euro – für ein Drittel der ursprünglich geplanten Maßnahme. Die Stadt will sich beteiligen. Nach Angaben des Rostocker Vize-Oberbürgermeisters Chris Müller (SPD) soll zunächst der Bereich bis zur Haedge-Halbinsel von Untiefen befreit und auf 6,5 Meter Tiefe ausgebaggert werden. „Damit ist der Stadthafen für Großsegler und kleine Kreuzfahrer, wie die ,Hanseatic’, wieder erreichbar.“

Entsorgung im Breitling

Das kontaminierte Erdreich soll aber nicht zur Verbrennung in eine Spezialanlage nach Bremen, und es soll auch nicht in eine erst noch zu bauende, wasserdichte Deponie auf dem Spülfeld Markgrafenheide: „Wir wollen den Schlick in einer aquatischen Deponie im Breitling versenken“, so Brydda.

Im Klartext: Der Schlick soll in ein Loch im Meeresgrund vor dem Marinestützpunkt Hohe Düne gekippt werden. „Dort wurden bereits 2003 belastete Sedimente eingelagert. Der Ort ist ideal: Der Schlick ist von meterdicken Mergelschichten umgeben, das Gift kann so nicht ins Grundwasser gelangen“, erklärt der Chef des Wasser- und Schifffahrtsamtes. Mit einem Baggerschiff soll der Flussboden im Stadthafen aufgenommen werden, mit einem Fallrohr wird er dann im Breitling versenkt.

„Es gibt nicht mal Verwirbelungen. Die Marine muss dem Vorhaben aber noch zustimmen.“ Vor 2018 sei die Maßnahme auch nicht umsetzbar.

Und: Bund, Stadt und Land müssten sich bereits Gedanken für die Zukunft machen. Denn auch das restliche Gift soll aus der Warnow. „In den kommenden 20 Jahren werden wir auf noch mehr solcher Kontaminationen stoßen“, vermutet Brydda. In dem Loch im Breitling sei aber nur noch für eben jene 25000 Kubikmeter Platz.

Andreas Meyer

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