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Von der Schafschur bis zum Pulli

Retschow/Rostock Von der Schafschur bis zum Pulli

Ein Gruppe von Frauen aus der Hansestadt und dem Landkreis Rostock trifft sich regelmäßig im Spinnkreis Retschow, um Schafswolle zu verarbeiten und daraus beispielsweise Pullover zu machen. Rita Pentzien, deren Vater in den 80er Jahren den Denkmalhof im Dorf mitgegründet hat, ist die Organisatorin.

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Immer donnerstags treffen sich die Spinnerinnen aus Retschow. Rita Pentzien (rechts) hat die Gruppe im Jahr 2004 gegründet. FOTOS (2): KATJA BÜLOW

Retschow/Rostock. Im Ofen des alten Retschower Pfarrhauses knistert das Feuer. In einer Ecke steht ein Schaukelpferd. Auf dem Dielenfußboden liegen Schuhe und Stiefel von fünf Frauen, die in handgestrickten Wollsocken an ihren Spinnrädern sitzen und geduldig in die Pedale treten. Immer donnerstags treffen sie sich hier, ganz egal, ob es draußen warm ist, ob es regnet, schneit oder stürmt.

OZ-Bild

Ein Gruppe von Frauen aus der Hansestadt und dem Landkreis Rostock trifft sich regelmäßig im Spinnkreis Retschow, um Schafswolle zu verarbeiten und daraus beispielsweise Pullover zu machen. Rita Pentzien, deren Vater in den 80er Jahren den Denkmalhof im Dorf mitgegründet hat, ist die Organisatorin.

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Das Spinnen schon als Kind von ihrer Mutter gelernt

„Man lässt einfach den Faden in die Spindel laufen und die Gedanken laufen gleich mit. Wenn Sie mal Probleme haben, dann sind die ruckzuck verschwunden.“ Rita Pentzien, deren Vater in den 80er

Jahren den Denkmalhof im Dorf mit gegründet hat, hat das Spinnen schon als Kind von ihrer Mutter gelernt. Als die Volkshochschule anfing, Kurse anzubieten, half sie mit, die Spinnräder ordentlich einzustellen.

Sie fuhr eine Zeit lang zum Spinnkreis ins nahe gelegene Kröpelin und gründete im Jahr 2004 schließlich ihre eigene Gruppe.

Harter Kern besteht aus

sechs bis sieben Frauen

Offiziell gehören dazu mittlerweile 29 Männer und Frauen, doch die Retschowerin, die ihre Haare zu einem dicken Zopf zusammengebunden hat, winkt ab: „Manche kommen nur im Winter, andere im Sommer.

Der harte Kern, das sind so sechs oder sieben Frauen.“ Einige kommen direkt aus Retschow, andere aber auch aus Rostock oder Kühlungsborn.

Die neuen englischen Scheren, die eine von ihnen für die Schafschur angeschafft hat, sind ein Thema in der Runde. Vor allem aber wird das neue Rad von Edith Kämmer ausgiebig bewundert, das sie nach einem ganzen Jahr Wartezeit vor zwei Tagen endlich bekommen hat.

Rita Pentzien zuckt gelassen die Schultern und versichert: „Solche Bestellzeiten sind ganz normal, es gibt ja nur zwei oder drei Handwerker hier im Land, die so etwas bauen können. Zur Zeit wollen alle spinnen – das ist eine echte Marktlücke.“

Echte Schafwolle ist

einfach besser als alles andere

Mit Naturmaterialien färben die Frauen Schaffelle ein, verspinnen sie stunden- und tagelang zu Wolle und stricken . . . Warum sie sich diese Mühe machen anstatt einfach in den nächsten Laden zu gehen und ein paar fertige Socken zu kaufen? Die Frage erntet nur mitleidiges Kopfschütteln. Echte Schafwolle sei einfach besser als alles andere. „Mit Wollhandschuhen kann man Autos frei kratzen, ohne kalte Finger zu bekommen. Die werden nicht nass, dafür enthält das Material viel zu viel Fett“, erklärt Rita Pentzien. Auch Staub setze sich in diesen Fasern kaum fest.

Und die alte Mär, dass die Wolle kratzen würde, die sei ein Relikt aus vergangener Zeit. „Früher, als mit Wolle noch richtig gehandelt wurde, haben die Familien die gute Wolle verkauft. Aus dem minderwertigen Rest wurden dann Socken für die Kinder gestrickt.“ Heute dagegen wüssten manche Schäfer schon gar nicht mehr, dass man den Pelz ihrer Tiere auch verwerten kann. Dabei sei gerade das Fell auf dem Rücken und an den Seiten oft wunderbar weich.

Produktionsprozess selbst

in der Hand haben

Für die Rostockerin Bigit Sedl ist es immer wieder etwas ganz Besonderes, bei der Schafschur zuzusehen und sich die für den jeweiligen Zweck ideale Wolle auszusuchen. Das Fell zu waschen, für das Spinnen vorzubereiten. Sie möchte all das nicht mehr missen. „Wo hat man das sonst noch, dass man den gesamten Produktionsprozess selbst in der Hand hat?“

Für die Vermessungsingenieurin, die tagsüber viel Zeit am Computer verbringt, ist das abendliche Handwerk der ideale Ausgleich zum Beruf. Und selbst ihren Mann hat sie mittlerweile schon mit ihrer Begeisterung angesteckt. Er hat jedoch meist keine Zeit, zu den Treffen im Pfarrhaus zu kommen.

Jährlich gibt es ein Spinntreffen

Dafür aber ist er fast immer dabei, wenn die Gruppe irgendwo zum Schauspinnen eingeladen ist oder wenn einmal wieder Gleichgesinnte aus dem ganzen Nordosten zum jährlichen Spinntreffen zusammenkommen. 2017 soll das Spinntreffen am 4. November im Gutshaus Retschow stattfinden – die ersten Anmeldungen liegen schon jetzt auf dem Tisch.

Spinnen in Retschow und Kessin

Der Spinnkreis Retschow trifft sich immer donnerstags, außer an den Feiertagen, ab 18.30 Uhr im Pfarrhaus der Gemeinde.

Interessierte am Spinnen fahren von Bad Doberan kommend in Richtung Schwaan bis Hohenfelde. Im Hohenfelde müssen sie dann nach rechts in Richtung des Dorfes Retschow abbiegen.

In Retschow geht es auf dem Fulgenweg geradeaus, dann rechts auf die Dorfstraße abbiegen und dort fahren, bis die Kirche zu sehen ist. An ihr vorbei und dann links abbiegen.

Das Spinntreffen für das Jahr 2017 findet am 4. November im Gutshaus Retschow statt.

Ebenfalls donnerstags, außer in den Ferien, trifft sich die „Fadenwerkelei“ von Ines Jung zum Spinnen, Stricken und Häkeln im Torkaten Kessin.

Nähere Infos unter: www.spinnkreis-retschow.de

Katja Bülow

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