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Mit Herzblut beim Patienten

Hohenfelde Mit Herzblut beim Patienten

Seit sechs Monaten arbeiten vier „Kümmerer“ im Krankenhaus / Die OZ begleitete eine von ihnen

Hohenfelde. Seit einem halben Jahr arbeiten im Krankenhaus Bad Doberan vier „Kümmerer“. Sie kümmern sich um alle Belange der Patienten, die außerhalb des medizinischen Bedarfes liegen. Ein Job, für den es Herzblut braucht. Eine von ihnen ist Susann Löhner.

8 Uhr: Für Susann Löhner hat der Tag im Krankenhaus längst begonnen. Sie ist eine herzliche aufgeschlossene Frau, deren Lachen ansteckend ist. Heute kommen nur wenige Patienten an, die sie begrüßen wird. Auf dem Weg vom Büro der „Kümmerer“ im Erdgeschoss gleich hinter der Rezeption zur Station 2 ein Stockwerk höher, grüßt sie Patienten, Ärzte und Krankenschwestern.

Auf Station 2 vorbei an Getränkewagen, Schwestern und Ärzten geht Susann Löhner direkt ins Schwesternzimmer. Immer dabei hat sie ihr I-Pad – der kleine flache Bildschirm, auf dem sie ablesen kann, welcher Patient was isst, oder welche Besonderheiten es gibt. Bei einer Schwester holt sie sich die Infos über Entlassungen und Kostformen. „Herr K. kann essen“, sagt die Schwester. Ein anderer Patient müsse heute und morgen abgemeldet werden. Ein Blick in das I-Pad. Alles klar. Weiter geht es auf die gegenüberliegende Station 3 – wo, die orthopädischen und chirurgischen Fälle liegen.

Doberaner Modell ist einzigartig

Susann Löhner arbeitet hier seit September. Die Bezeichnung „Kümmerer“ ist ein neuartiges Modell, das es so noch nicht an Krankenhäusern gibt. Sie teilt sich die Arbeit mit drei weiteren Kolleginnen, zwei arbeiten Vollzeit. „Ich bin hier für 25 Stunden angestellt“, erzählt die 42-Jährige aus Wittenbeck. Ihr zweites Standbein liegt im esoterischen Bereich: Reiki, Handauflegen, Karten legen und ähnliches. Über eine Annonce wurde sie auf die neu geschaffene Stelle aufmerksam. Seitdem ist sie mit Herzblut dabei.

8.18 Uhr: Ein Anruf kommt: Ein Patient möchte eine Telefonkarte haben. Gut. Sie legt auf. Auf Station 3 führt sie der erste Weg wieder ins Schwesternzimmer, Infos einholen. „Ich arbeite erst einmal die wichtigsten Prioritäten ab und durchlaufe dann noch einmal die Stationen“, erklärt sie ihre Vorgehensweise. Dann steht der erste Besuch in einem Patientenzimmer an.

„Na, wie haben sie geschlafen? Sie sehen schon viel besser aus als gestern. Haben Sie schon gefrühstückt“, fragt Susann Löhner. Die Patientin klagt über Schmerzen, die Kümmerin will helfen und eine Schwester informieren.

Die Stelle des „Kümmerers“ seieine Schnittstelle zwischen Krankenschwestern, Patienten, Arzt der Sozialarbeiterin im Haus, aber auch der Küche. Ihr Aufgabenfeld musste erst einmal definiert werden, da es keine Vorbilder gab, erzählt die stellvertretende Pflegedienstleiterin Korinna Lembke. Nach einem halben Jahr Erfahrung sei „nachjustiert worden“.

8. 31 Uhr: In einem anderen Zimmer begrüßt Susann Löhner eine neue Patientin. „Ich bin eine Kümmerin“, stellt sie sich vor. Wie bitte, fragt die Patientin. Sie liegt zugedeckt im Bett, schaut aus dem Fenster, das in den Innenhof zeigt. Das Zimmer ist hell und freundlich, die Wände gelb gestrichen. Susann Löhner geht zu ihr an die Bettkante, kniet sich hin, erzählt gut gelaunt. Ihr Blick fällt auf den Krankenhaus-Vertrag auf dem Tischchen. „Wollen wir den zusammen ausfüllen.“ Ja gerne, den könne sie nicht lesen, so die Seniorin. Dann holt Susann Löhner ihr I-Pad hervor. „Heute Mittag gibt es Sauerbraten“, sagt sie und zählt zwei weitere Mahlzeiten auf.

Das Essen wird in der Küche des Krankenhauses gekocht, erzählt Susann Löhner später. Dort werden auch Wünsche von Patienten erfüllt, die im Sterben liegen.

8.35 Uhr: Aber die Patientin an diesem Tag entscheidet sich für Sauerbraten. Abgefragt wird nun das Abendessen und das Frühstück. Mit viel Geduld und mit ruhiger Stimme wird jede einzelne Mahlzeit durchgegangen. Dann erzählt die Patientin aus ihrem Privatleben und was sie zurzeit bedrückt. Susann Löhner hört zu.

„Man muss Menschen gern haben, sonst kann man diesen Job nicht machen“, sagt sie. Sie sei mit dem Herzen dabei und freue sich, wenn sie Gutes tun kann. „Manche Patienten können nicht mehr reden. Mit ihnen kommuniziere ich dann einfach über die Augen.“ Das helfe vielen schon.

In ihrer Arbeit, in der sie nicht durch straffe Zeitpläne und ein umfangreiches Aufgabenfeld getrieben ist, bleibt viel Zeit für Geschichten. „Es ist manchmal unglaublich, was besonders die Älteren aus ihrer Vergangenheit erzählen.“ Eigentlich müsse man das aufnehmen und für die Nachwelt bewahren, findet sie. Ihre Empathie nimmt ihr jeder sofort ab. Susann Löhner wirkt wie eien Frau, die nichts umhaut und die anderen Menschen viel Positives entgegenbringen kann. „Darin sehe ich die Aufgabe des Kümmerers“.

8.50 Uhr: Mittlerweile ist es kurz vor neun Uhr und sie will auf Station 3 nach einer Patientin schauen. Sie betritt ein Vier-Bett-Zimmer, eines der wenigen. Als erstes fällt die Sicht in den Park auf, die grandios ist. Die Sonne blinzelt hinein und verströmt Wärme. „Na, hallo wir kennen uns noch nicht“, sagt sie zu einer Patientin. „Ich kümmere mich darum, wenn ihr Kopfkissen zu weich ist“, sagt sie und lacht.

Die Patientin im Bett am Fenster strahlt. „Das machen die Kümmerer ganz toll“, sagt sie unvermittelt. Sie seien immer freundlich und hilfsbereit. Das sieht auch eine andere Patientin so, die ein neues Hüftgelenk bekommen hat. „Sie sind eine große Hilfe“, sagt sie und bekommt feuchte Augen.

Das Modell ist neu

4 „Kümmerer“, zwei in Vollzeit, zwei auf 25-Stunden-Basis, sind im Krankenhaus Bad Doberan beschäftigt. Die vier Frauen werden aktuell in vier Stationen eingesetzt, später soll ein weiterer Bereich, die Geriatrie, hinzukommen. Seit sechs Monaten läuft das Modell in der Einrichtung. Die „Kümmerer“ sollen den Service verbessern und die Krankenschwestern entlasten. Sie sind Bindeglied zwischen Schwestern, Ärzten, Patienten, Angehörigen sowie dem Personal in der Küche.

Die medizinische Versorgung bleibt ausschließlich den Ärzten und Schwestern vorbehalten.

Katarina Sass

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