Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 5 ° Regenschauer

Navigation:
„Der weitere demokratische Weg wird kein leichter sein“

Kröpelin „Der weitere demokratische Weg wird kein leichter sein“

Kröpelins schreibender Tischlermeister widmet sich in seinem dritten Buch der Politik

Kröpelin. „Niemand, kein System, existiert ohne Ideologie und den daraus resultierenden Konsequenzen, auch wenn dies in Abrede gestellt wird. Allenfalls regieren Sachzwänge und Lobbyisten. Da ist immer auf alle Immunität gehustet“, schickt der Berliner „Verlag am Park“ dem aktuellsten Buch des Kröpeliner Autoren und einstigen Volkskammerabgeordneten, Wilfried Stern, voraus. Der 77-Jährige widmet sich auf insgesamt 180 Seiten der „Sache mit der Immunität“, wie der Titel versucht, die aufwühlende Lese-Reise durch 135 Jahre Parlamentsgeschichte und die Gegenwart auf den Punkt zu bringen.

 

OZ-Bild

Wilfried Stern steht mit seinem neuen Buch vor dem Denkmal für die Gefallenen der Stadt im I. Weltkrieg (1914-18): „Das wurde hier in den 90er Jahren regelmäßig von Schülern um Lehrer Ernst August Westendorf gepflegt. Unsere NDPD-Ortsgruppe hatte es zu DDR-Zeiten gemacht. Jetzt scheint das hier zu verkommen. Geht man so mit Vergangenheit um?“

Manches wird unter den Teppich gekehrt oder der breiten Öffentlichkeit verschwiegen.“Buchautor Wilfried Stern

Und das zwei Wochen vor der Landtagswahl in MV und gut einem Jahr vor der Wahl zum Deutschen Bundestag. „Dafür gibt es so viel Programmatik von den Parteien, aber geht der Bürger darauf ein?“, fragt sich Wilfried Stern in diesem Zusammenhang und spricht von einer kaum zu bewältigenden Informationsflut: „Das liest doch alles keiner mehr durch.“

Dabei hofft er, dass die Leute sein neuestes Buch lesen und sich auch so mit der Gesellschaft und der Politik beschäftigen. „Der Bürger soll erfahren, wie einiges in der Geschichte so abgelaufen ist.

Manches wird unter den Teppich gekehrt oder der breiten Öffentlichkeit verschwiegen“, begründet Wilfried Stern selbstbewusst seine Niederschrift.

Zumindestens nimmt der Autor kein Blatt vor den Mund, wie es seine Leser bereits von der 543-seitigen Stern-Biografie aus dem Jahr 2013 und seiner Handwerksgeschichte von 2015 kennen.

Dabei sprudelt es aus dem Mann heraus, wie es heute bei vielen Zeitgenossen so geschieht: „Die Oberen sprechen von einer Politikverdrossenheit“, würden aber nicht bei sich die Ursachen suchen, sondern „da unten“. „Wehe, wenn dann noch neue Bewegungen auftauchen. Nehmen wir die Piraten, Pegida, die AfD und andere. Dann ist das Geschrei groß... Dass diese Gruppierungen häufig auch Themen ansprechen, die der Bevölkerung auf den Fingern brennen, wird dann übersehen.“ „Das Parteiverbote im Grunde genommen nichts bringen, dürfte allgemein bekannt sein.“

„Auf eine Art soll es jetzt demokratischer zugehen und dabei will man anderen Bürgern eine politische Mitarbeit, bzw. gesellschaftliche Tätigkeit verbieten.“

Sein Vater Willy hätte ihm auch viel erzählt aus der NS-Zeit. Da wurde alles verboten, aber Mitglieder der verbotenen Parteien hätten sich in Vereinen zusammengeschlossen und die politische Arbeit fortgesetzt.

Die in der Gegenwart übliche „staatliche Teilfinanzierung der Parteien“ aus Steuergeldern, sei „eine andere Sache“, sagt Wilfried Stern gegenüber der OZ. Dem einstigen DDR-Volkskammerabgeordneten der NDPD ist es heute vor allem wichtig, dass es Typen wie Horst Seehofer gibt, die eine eigene Linie vertreten: „Solche Typen braucht man, die sagen, ich habe die und die Meinung. Das war ja bei uns in der DDR teilweise anders, nehmen Sie Bahro oder Havemann. Die kamen mit ihrer Meinung nicht durch. Und das ist auch eine Gefahr für die Demokratie. Wir haben in der DDR vielleicht viel zu oft geschwiegen – und Sie wissen ja, was da rausgekommen ist.“ Warum er an einigen wenigen Stellen seines Buches trotzdem auf eine eigene klare Meinung verzichtet und nur vermerkt, dass er sich einen Kommentar ersparen möchte, erklärt Wilfried Stern so: „Der Leser soll anhand der Fakten dann selbst bewerten.“ Und er reicht eine Klarstellung nach – quasi nach einem aktuellen Faktencheck: Im Buchabschnitt über die Zeit vom Mai 1945 bis 1949 schildert er das Schicksal eines Bürstenfabrikanten (Christoph H. aus Kröpelin), der u.a. als Träger des Goldenen Parteiabzeichens der NSDAP enteignet und in das NKWD-Lager „Fünfeichen“ gekommen war, von wo er nicht zurückkehrte: „Weil er nach seiner Entlassung gleich in den Westen gegangen ist. Die anderen haben immer erzählt, er sei tot.“

Grundsätzlich möchte Wilfried Stern mit dem neuen Buch erreichen, dass sich die Menschen mehr mit Politik beschäftigen. „Mir geht es um die weitere Aufarbeitung von Geschichte. Sie ist Vergangenheit.

Sie zu bewahren und darüber zu berichten sollte unsere Aufgabe sein“, schrieb der Kröpeliner an den Verlag, als er sein Manuskript einsandte. Und sein Text zeigt, wie spannend Historie sein kann. Er erinnert zum Beispiel daran, dass der erste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland (1949 bis 1959), Theodor Heuss, im März 1933 als Reichstagsmitglied (für Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold) dem Ermächtigungsgesetz zustimmte.

Wilfried Stern listet auch auf, welche Volkskammerabgeordneten und Politiker in der DDR verurteilt wurden und er kritisiert Günter Schabowski, wie der in der berühmten Pressekonferenz beim Thema Reisegesetz „den demokratischen Verlauf über die Volkskammer ausklammerte“. Denn so öffnete nur eine „zeitweilige Übergangsregelung“ die Grenzen. Die Zeitspanne im Buch reicht bis zum EU-Referendum der Briten am 23. Juni 2016!

Ein Liedtext von Xavier Naidoo bewegte den Autoren, sein Buch so ausklingen zu lassen: „Der weitere demokratische Weg wird kein leichter sein. Davon bin ich überzeugt. Das betrifft nicht nur Deutschland.“

War als NDPD-Mitglied Volkskammerabgeordneter

Wilfried Stern wurde 1939 in Neustrelitz geboren und wuchs in Kröpelin auf. Mit 21 Jahren war er 1961 der jüngste Meister im Bezirk Rostock. In den Jahren 1963 bis 1965 diente er bei den Grenztruppen der DDR. Danach machte Stern seinen Diplom-Ingenieur im Fernstudium und übernahm 1973 den Betrieb seines kranken Vaters Willy. Dank seines Ingenieurabschlusses bekam er 1974 zusätzlich eine Genehmigung zur Ausführung bautechnischer Projektierungen. Noch heute leitet er seine Tischlereifirma. Als Mitglied der National-Demokratischen Partei Deutschlands (NDPD) war Wilfried Stern Abgeordneter des Kreistages von Bad Doberan und von 1981 bis 1990 Volkskammermitglied. Das 3. Buch des Kröpeliners „Die Sache mit der Immunität“ ist gerade auf den Markt gekommen. Stern arbeitet bereits am nächsten Titel „Gespräche am Stammtisch“. th

Thomas Hoppe

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel

Marita Ditz, die Frau des Grevesmühlener Bürgermeisters Jürgen Ditz, über 60-Stunden-Wochen ihres Mannes, Termine am Wochenende und die Frage, wer zu Hause eigentlich den Bürgermeister gibt

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Neubukow
Verlagshaus Bad Doberan

Service-Center:
Am Markt 2
18209 Bad Doberan

Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag
10.00 bis 17.00 Uhr

Redaktion:
Alexandrinenplatz 1 a
18209 Bad Doberan

Leiterin Lokalredaktion: Anja Levien
Telefon: 0 38 203 / 55 300
E-Mail: bad-doberan@ostsee-zeitung.de

Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Termine, Events, Veranstaltungen Teaser der den User auf die Seite "Termine" führen soll image/svg+xml Image Teaser Termine 2015-09-23 de Veranstaltungen Aktuelle Termine Konzerte, Kino, Ausstellungen, Vorträge, Theater, Workshops, Tanz und noch vieles mehr. Alle Veranstaltungen und Freizeittipps in Ihrer Nähe finden Sie hier.