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Hat ihn sein Handwerk im Krieg gerettet?

Kröpelin Hat ihn sein Handwerk im Krieg gerettet?

Kröpelins einziger Schuhmacher Alfred Gehrmann blickt heute auf 90 erlebnisreiche Jahre zurück

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Schuhmachermeister Alfred Gehrmann an seinem „Klebetisch“ in der eigenen Garagenwerkstatt. Diesen Stiefel hat er längst repariert, aber eine Kühlungsbornerin hat wohl vergessen, ihr Paar wieder abzuholen. Doch es gibt zahlreiche andere Kunden, die hier regelmäßig arbeiten lassen. FOTOS: THOMAS HOPPE

Kröpelin. Der Neubukower Karl Press möchte beim Kröpeliner Schuhmacher Alfred Gehrmann seine Clogs abholen und sieht sie nicht im Kundenregal: „Wo sind se?“, fragt er deshalb etwas verwundert und der Meister gibt ihm verschmitzt die kurze Antwort: „Ja, verkauft!“

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Kröpelins einziger Schuhmacher Alfred Gehrmann blickt heute auf 90 erlebnisreiche Jahre zurück

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„Ha-hehe, auch nicht schlecht“, reagiert der Stammkunde aus der Schliemannstadt belustigt und erinnert daran, dass er seit 1984 bei Meister Gehrmann seine Schuhe reparieren lässt: „Damals saß er noch unten in der Stadt, an der Ecke in der Lindenstraße“.

Dann bekommt Karl Press seine Clogs zurück, „die Hacken hinten“ mussten erneuert werden. „Hat er gut gemacht, sonst würde ich nicht herkommen“, bringt es der Neubukower auf den Punkt und Alfred Gehrmann ergänzt prompt die Herkunftsliste seiner Kundschaft mit den Ortsnamen Rerik, Kühlungsborn, Bad Doberan, Rostock, Berlin. Dazu betont er: „Bis von Hamburg kommen die Leute, in diesem Jahr auch aus Westfalen und selbst aus England war schon mal jemand hier. Er pochte auf englische Absätze, aber die habe ich nicht.“

Aus Hannover brachte gar ein Kühlungsbornurlauber zwei Adler-Nähmaschinen für Alfred Gehrmann vorbei, sie sind seitdem im Werkstatteinsatz.

Heute vor 90 Jahren hat Alfred Gehrmann im damals ostpreußischen 600-Seelen-Dorf Steegen (Landkreis Preußisch Holland) das Licht der Welt erblickt. Sein Vater war Straßenbauer, die Mutter Hausfrau und Erntehelferin – beide hatten vier Kinder. Sohn Alfred lernte Schuhmacher („Ich hatte einen strengen Meister“), ging in Elbing zur Berufsschule und hatte zwei Brüder und eine Schwester. Dann schlug der 2. Weltkrieg quasi tiefste Narben ins Familiengedächtnis: Alfreds Brüder kamen um. Ihn selbst rettete vielleicht sogar sein erlerntes Handwerk das Leben: „Ich war in Insterburg als Funker ausgebildet worden und hatte in dem Trupp ein- oder zweimal die Stiefel machen müssen. Der Trupp musste an einem Montag an die Front und der Schuhmacher blieb in Insterburg...“

Doch der Krieg kam immer näher und Alfred Gehrmann sieht noch heute Schreckensbilder von Nemmersdorf vor sich, einen Tag nachdem „dort zwölf russische Panzer durchgebrochen“ waren: „erschossene Dorfbewohner im Straßengraben, Frauen und Kinder“.

Eine Ausbildung in Bayern zum Unteroffizier holte den jungen Mann zunächst von dieser Front weg und er geriet letztlich in französische Gefangenschaft, musste mehr als vier Jahre lang in einem Kohlebergwerk schuften.

Seine Eltern und die Schwester waren nach Mecklenburg geflüchtet. Die Mutter kampierte in einer Art Taubenschlag in Jörnstorf, wie Alfred Gehrmann erzählt. Sein Vater hatte beim Ausbau des Zollhauses am Abzweig nach Sandhagen einen tödlichen Herzschlag erlitten.

Alfred Gehrmann verliebte sich in eine Neubukower Verkäuferin, die dann seine Frau wurde. Beiden wurden ein Sohn und eine Tochter geboren, die wiederum jeweils zwei Kinder haben. Eine Urenkelin gibt es auch – sie geht in die achte Klasse und lerne sehr gut, wie ihr schon seit 1984 verwitweter Uropa heute sagt. Der hatte im Jahr 1952 in der Kröpeliner Schuhfabrik, die bereits 1893 von Hans Koth gegründet worden war, Arbeit gefunden. Anfangs radelte der junge Mann einige Jahre lang täglich von Neubukow, wo er mittlerweile mit seiner Frau im Haus des Schwiegervaters wohnte, in die „Schusterstadt“ Kröpelin.

Nachdem die Schuhfabrik verstaatlicht worden war, hatte Kröpelins damaliger Bürgermeister Franz Zielinski dem längst zum Schuhmachermeister gewordenen Alfred Gehrmann erfolgreich die Selbstständigkeit in seinem Beruf angeboten.

Später erfuhr der einzige Schuhmacher in Kröpelin, dass die Frau von Bürgermeister Zielinski in der Kreisstadt Preußisch Holland Fotografin gelernt hatte. Bei ihr hatte Soldat Gehrmann sogar einmal ein Bild während eines zweitägigen Sonderurlaubs machen lassen...

Nur seinem Vater will Schuhmacher Alfred mal ein paar Schuhe selbst gefertigt haben: „Stiefel aus schönem Boxcalfleder. Die hatte mein Vater auf der Flucht dabei. Doch dann kam ein Russe ins Haus der Leute, wo mein Vater gewohnt hatte und suchte gezielt nach diesen Stiefeln. Er wühlte dafür den ganzen Boden um und freute sich, als er sie endlich gefunden hatte“.

Alfred Gehrmann konzentrierte sich als Schuhmacher ausschließlich auf die Schuhreparatur – aber wie. Seine Schwiegertochter Monika steuert dazu eine bezeichnende Anekdote über ihren Schwiegervater bei: „Als unser Sohn Jan damals Jugendweihe hatte und wir alle in die Gaststätte zur Feierstunde gehen wollten, kam plötzlich ein Kunde – und wer war verschwunden? Ja, er hat den Auftrag schnell angenommen, kam dann hinterher und ging nach der Feierstunde aber sofort in seine Werkstatt.“

„Meine Kunden haben immer Angst, dass ich anhalte und bitten mich, dass ich noch bleibe“, sagt Alfred Gehrmann und beantwortet die Frage nach der Zukunft seiner Werkstatt so: „Ich bin ja gesund und freue mich, dass ich gesund bin.“ Soll heißen, er bleibt weiter der Schuhmacher von Kröpelin.

Thomas Hoppe

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