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Kirche: Es mangelte an Ablehnung des Nazi-Staats

Neubukow Kirche: Es mangelte an Ablehnung des Nazi-Staats

In Neubukow sprach Hermann Beste über die Bekennende Kirche Mecklenburgs unterm NS-Regime und über deren Erbe

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Am 31. Januar sprach Hermann Beste im Neubukower Gemeindehaus.

Quelle: Foto: Th

Neubukow. Der gebürtige Neubukower Hermann Beste kennt das heutige Gebäude für die Kirchengemeinde in der Mühlenstraße 3 noch als Waschküche, Schuppen für Geräte und Garage. So erzählt es hier der ehemalige Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs (von 1996 bis 2007) den mehr als 40 Zuhörern seines Vortrags über die Bekennende Kirche (BK) in Mecklenburg – deren Bruderratsvorsitzender von Beginn an Dr. Niklot Beste war – der Neubukower Pastor (1933 bis 45) und Vater von Hermann. Die BK war eine Bewegung evangelischer Christen gegen Versuche einer Gleichschaltung von Lehre und Organisation der Deutschen Evangelischen Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus, etwa durch die „Deutschen Christen“, staatlich eingesetzte Kirchenausschüsse und Staatskommissare.

OZ-Bild

In Neubukow sprach Hermann Beste über die Bekennende Kirche Mecklenburgs unterm NS-Regime und über deren Erbe

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Ein erster Bekenntnisgottesdienst fand am 6. Dezember 1933 in Güstrow statt – unter der Losung „Wir verwerfen den Versuch, die Kirche Jesu Christi auf einen anderen Grund zu stellen“. Zur Vorgeschichte der angestrebten Vereinnahmung der Kirche durch die Nazis berichtete Hermann Beste darüber, wie Ende 1931 in einer Kirche bei Parchim die Trauung von Goebbels in Anwesenheit von Hitler und anderen NS-Führern stattfand. Über den Altar soll eine Hakenkreuzfahne gelegt worden sein. Eine Zeitung machte das bekannt und fragte, wie der Oberkirchenrat dazu stehe. Der stellte dann fest, dass die Trauung durch einen Berliner Pastor mit Genehmigung des Gemeindepastors gehalten worden war. Die Fahne auf dem Altar sei ein Missbrauch, „den wir selbstverständlich missbilligen“, so der Oberkirchenrat.

Der NSDAP-Gauleiter für Mecklenburg, Friedrich Hildebrandt, sah diese Stellungnahme als Angriff auf seine Partei. Er werde nie wieder eine Kirche betreten, wenn es vom Oberkirchenrat nicht eine Entschuldigung gebe, hieß es.

Am 22. April 1933 bestellte die 1932 gewählte NS-Landesregierung einen Staatskommissar für die mecklenburgische Landeskirche, der dem Oberkirchenrat erklärte, er übernehme die Funktionen der Landessynode, des Landesbischofs und des Oberkirchenrates. Doch der Protest des Oberkirchenrates bewirkte – auch nach Beratungen beim Reichsinnenminister – dass der Staatskommissar zurückgezogen wurde. Zehn Tage später fand laut Beste jedoch ein Treffen des Landesbischofs Prof. Heinrich Rendtorff (im Amt Oktober 1930 bis Januar 1934) mit Gauleiter Hildebrandt statt, worauf der Bischof seine Aufnahme in die Nazipartei beantragte. Er wolle sich als deutscher Mann öffentlich zur NSDAP bekennen. Inzwischen hatte sich auch in Mecklenburg eine Gruppe der „Deutschen Christen“ (eine rassistische, antisemitische und am Führerprinzip orientierte Strömung im deutschen Protestantismus) gebildet, geleitet von Walter Schultz, dem späteren Landeskirchenführer. An den Kirchenwahlen im Sommer 1933 hatten sich zwar auch die späteren BK-Anhänger beteiligt, doch die Mehrheit bekamen diejenigen, die dem Nationalsozialismus zustimmend, zumindest aufgeschlossen gegenüber standen. In der Landessynode, die im August 1933 gewählt worden war, hatten die „Deutschen Christen“ (DC) die Mehrheit. Ihr gehörten nur noch 18 statt verfassungsmäßig 57 Synodale an. Der Landessynodalausschuss hatte diese Änderung beschlossen, ohne dafür ein Mandat zu haben. Landesbischof und Oberkirchenrat hatten diesen Bruch der Kirchenverfassung von 1921 mitgetragen. Nach Einführung des Arierparagraphen auch in der Kirche (zum Ausschluss von Pastoren jüdischer Herkunft) bildete sich dagegen der Pfarrernotbund. Wegen des Arierparagraphen soll es in Mecklenburg dann jedoch keine Entlassungen aus dem kirchlichen Dienst gegeben haben. „Aber dass sich unsere Kirche nicht energisch genug gegen die Judenverfolgung geäußert hat, ist eine schwere Last, die unsere Kirche zu tragen hat“, betont Hermann Beste. Die Bekenntnisgemeinschaft, die sich inzwischen fest formiert und einen Bruderrat gewählt hatte, bestritt die Rechtmäßigkeit der Kirchenleitung unter der Ägide der „Deutschen Christen“. Die Bekennende Kirche verstand sich nicht als Opposition gegenüber dem Staat, sondern sie kämpfte um „Bekenntnistreue zum Alten und Neuen Testament“ Doch der Staat sah in der BK eine zu bekämpfende Gruppe, machte sich zum Helfer der DC und veranlasste juristische und polizeiliche Maßnahmen gegen die BK.

Gleich nach dem 8. Mai 1945 nahmen Vertreter der BK Kontakt zur DC-Kirchenleitung auf und legten ihr den Rücktritt nahe. Die noch zuständigen britischen Besatzer hatten Landesbischof Schultz in Schleswig-Holstein interniert, von wo aus er im Juni widerwillig seinen Rücktritt erklärte. Noch im Herbst 1945 wurde die Neuwahl der Kirchengemeinderäte eingeleitet und anschließend die Neuwahl der Landessynode, die dann im Juni 1946 zur konstituierenden Sitzung zusammentrat. Sie wählte Niklot Beste zum Landesbischof. Der gebürtige Ilower blieb es bis zum Beginn seines Ruhestands im Jahr 1971.

Die Landeskirche konnte bei der sowjetische Besatzungsmacht durchsetzen, dass sie für ihren Bereich die Verantwortung für die Entnazifizierung wahrnehmen durfte – im Gegensatz zu Schleswig-Holstein, wo die Briten das machten. Ex-Landesbischof Schultz wurde 1948 in Mecklenburg aus dem Dienst entlassen. Die Hannoversche Landeskirche beauftragte ihn 1950 aber mit pfarramtlicher Hilfeleistung in Fallingbostel, dann in Schnakenburg. Noch 1945 hatten die Russen zwei Pastoren (einen Offizier und einen Baltendeutschen) ins Lager Fünfeichen bei Neubrandenburg gebracht, wo sie umkamen.

Zu den Lehren des „Kirchenkampfes“ meint Hermann Beste zur OZ: „In der DDR hatte die Mehrheit der Kirche eine distanzierte Haltung gegenüber dem Staat. Das war ja im Dritten Reich nicht so. Die Mehrheit der Menschen war damals bis zum Kriegsbeginn für Hitler gewesen, was sich dann erheblich änderte.“

Thomas Hoppe

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