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Neues Gesetz gefährdet Prozessbegleitung

Rostock Neues Gesetz gefährdet Prozessbegleitung

Seit 2017 hat jeder das Recht auf eine psychologische Betreuung vor Gericht / Die Träger können die neue Finanzierung jedoch nicht stemmen

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Mit Playmobil-Figuren zeigt die Prozessbegleiterin ihren Schützlingen, was in einem Gerichtssaal geschieht.

Quelle: Fotos: Johanna Hegermann

Rostock. Wenn Kinder und Jugendliche zu Opfern von Gewalt und sexuellem Missbrauch werden, ist Andrea Wehmer für sie da. Seit fast drei Jahren ist sie die psychosoziale Prozessbegleiterin beim Kinderschutzbund Rostock. Doch ein neues Gesetz könnte die 43-Jährige nun ihren Job kosten.

 

OZ-Bild

Mit der Fallpauschale ist diese Arbeit nicht schaffbar.Andrea Wehmer Psychosoziale Prozessbegleiterin

2014 wurde die Prozessbegleitung als Bundes-Modellprojekt vom Justizministerium MV landesweit ausgebaut. Neben Rostock gibt es seitdem auch in Neubrandenburg, Schwerin und Greifswald einen solchen Posten, den das Ministerium zu 90 Prozent fördert. Zehn Prozent hat der jeweilige Träger übernommen. Doch mit dem neuen Bundesgesetz, das seit dem 1. Januar 2017 in Kraft getreten ist, soll es nun Fallpauschalen geben.

Eigentlich soll das Gesetz jedoch etwas Positives bewirken. „Bundesweit haben Opfer vor Gericht nun ein Recht auf eine kostenlose psychosoziale Prozessbegleitung“, sagt Andrea Wehmer. Doch in der Realität fallen hier die Zuschüsse deutlich geringer aus als bisher. „MV hatte eine Vorreiter-Stellung und die setzt das Land nun aufs Spiel“, betont die gelernte Sozialpädagogin.

Die Nachricht der neuen Finanzierung kam für die Rostockerin wie ein Schock. Im Dezember hielt sie bereits ihre Kündigung in der Hand. „Wir wussten, dass das Gesetz kommen soll, aber die Abrechnungsmethode war neu.“ Denn die Einführung der Fallpauschale ist nicht verpflichtend. Die Finanzierungsmethode wird vom Land festgelegt. „In anderen Ländern haben Prozessbegleiter oft noch ein zweites Standbein.“ Da hier während des Projekts eine andere Struktur aufgebaut wurde, sei die neue Finanzierungsmethode jedoch nicht ohne Weiteres umsetzbar. „Die Träger können sich das einfach nicht leisten.“

In den vergangenen drei Jahren hat Andrea Wehmer insgesamt 80 Fälle bearbeitet – 26 davon allein 2016. „Wenn die Fallpauschale kommt, müsste ich 50 Fälle übernehmen, damit sich mein Job überhaupt rechnet“, erklärt die Prozessbegleiterin. „Dann ist dieser Beruf nicht mehr schaffbar“, sagt Wehmer bestimmt. Realistisch wäre es ihrer Meinung nach höchstens 30 Fälle zu übernehmen. Mit jedem Fall, den sie zusätzlich bearbeite, leide die Betreuung des Einzelnen.

Diese soll künftig auch viel später ansetzen. „Erst nach der Anzeigen-Erstattung können Angehörige vor Gericht eine Prozessbegleitung beantragen“, erklärt die Rostockerin. Schon die Aussage bei der Polizei sei eine starke Belastung für Kinder und Heranwachsende. Hier müssten sie noch einmal sehr detailliert die Übergriffe schildern. „Deswegen bereite ich oft die Kinder vor und begleite sie zur Vernehmung.“ Rund zwei Jahre würden durchschnittlich zwischen der Aufnahme der Anzeige und der Hauptverhandlung vergehen. „Diese Zeit des Wartens ist sehr nervenaufreibend und ein enger Kontakt ist wichtig“, betont Andrea Wehmer.

Zur Betreuung gehöre unter anderem eine Erklärung, wie ein Prozess ablaufe. „Ich zeige ihnen, wer alles im Gerichtssaal sitzt und welche Aufgaben sie haben“, sagt die Zeugenbegleiterin. Dies erklärt sie unter anderem mithilfe eines Koffers mit Playmobil-Figuren. „Meine Zielgruppe sind nun einmal Kinder, Jugendliche und Heranwachsende.“Mit dem neuen Bundesgesetz haben allerdings auch Erwachsene ein Recht auf Zeugenbegleitung. „Es ist schön, dass sie die Zielgruppe ausweiten, aber dafür habe ich mich nicht ausbilden lassen“, erzählt Andrea Wehmer. Es sei wieder eine gute Idee, die nicht mit der in MV geschaffenen Struktur vereinbar sei.

Obwohl das neue Gesetz bereits gilt, soll vorerst alles so bleiben wie gehabt. Auch die Kündigung von Andrea Wehmer wurde zurückgezogen. „Wir haben momentan nur eine Galgenfrist von einem halben Jahr dazugewonnen“, sagt die psychosoziale Prozessbegleiterin. Danach würde das Bangen um den Job wieder losgehen – das will sich die Mutter zweier Kinder jedoch nicht antun. „Ich habe angefangen, mich für andere Stellen zu bewerben. Wenn es ein Angebot gibt, werde ich es wohl auch annehmen.“ Ihren jetzigen Job aufzugeben, ist für sie eine schwere Entscheidung. „Ich habe die Befürchtung, dass meine Schutzbedürftigen dadurch in der Luft hängen.“ Denn wer die Fälle nach ihr übernehmen wird, das wisse momentan niemand.

80 Fälle in drei Jahren

Seit Februar 2014 arbeitet Andrea Wehmer als Prozessbegleiterin. In drei Jahren hat sie 80 Fälle betreut. Die jüngste Zeugin war drei Jahre alt, die Ältesten etwa 21 Jahre alt.

Nur bei zweien ihrer Schützlinge ging es nicht um sexuellen Missbrauch.

In mehr als 90 Prozent der Fälle stammen die Täter aus der Familie oder dem nahen familiären Umfeld.

Kontakt: andrea.wehmer@kinderschutzbund-rostock.de

Johanna Hegermann

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