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Das Land lässt die Urlaubsorte im Stich

Das Land lässt die Urlaubsorte im Stich

Die Tourismuschefs von Graal-Müritz und Kühlungsborn im Interview über Qualität, Politik und Zukunftsideen

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Haben große Pläne für „ihre“ Urlaubsorte: Bernd Kuntze (Graal- Müritz) und Ulrich Langer (Kühlungsborn).

Quelle: Ove Arscholl

Graal-Müritz/Kühlungsborn Die Tourismuschefs der beiden größten Ostseebäder im Landkreis Rostock zeigen vor der heißen Phase der Saison klare Kante: Im OZ-Interview fordern Ulrich Langer, Chef des Touristik-Service Kühlungsborn, und Bernd Kuntze, Geschäftsführer der Tourismus und Kur GmbH in Graal-Müritz, eine Qualitätsoffensive an der Küste.

Tourismus-Hochburgen im Landkreis Rostock

2,3 Millionen Übernachtungen zählte Kühlungsborn im Jahr 2015. Der Ort bietet 17500 Betten.

137583 Gäste kamen laut Statistischem Landesamt 2014 im Seebad Graal-Müritz an.

Sachsen hat schon Ferien, am Sonnabend geht‘s in Nordrhein-Westfalen los. Mit welcher Erwartung gehen Sie in die Hauptsaison?

Bernd Kuntze: Wenn ich die Vorbuchungen betrachte, dann steht uns ein sehr guter Sommer bevor. Wir hatten wir in Graal-Müritz noch nie so viele Buchungen zu einem solch frühen Zeitpunkt der Saison. Die Hotels sind schon jetzt bis in den Oktober gut gebucht. Wer spontan anreist, kann nicht erwarten, noch ein passendes Quartier zu finden.

Ulrich Langer: In der Hauptsaison haben wir seit Jahren keine Sorgen mehr. Das soll nicht heißen, das wäre ein Selbstläufer. Aber die Herausforderung für die Zukunft wird sein, dem Gast auch die gewünschte Qualität zu bieten. In Kühlungsborn ist vor allem der Strand ein Thema.

„Qualität am Strand“ heißt was?

Langer: Wenn ich als Gast für eine Übernachtung in Kühlungsborn mehr als 100 Euro die Nacht zahle, dann möchte ich auch den Strand genießen. Bei schönem Wetter – wenn auch die Tagesgäste kommen – ist der so voll, dass es eng wird. Das ist nicht mehr angenehm.

Kuntze: Es geht auch darum, wie sich der Strand präsentiert. Ist er sauber, wenn der Gast morgens kommt? Sind die Mülleimer mittags geleert? Wir reinigen jeden Tag. Aber wir können den Gästen nicht ausreichend Platz bieten, die Grenze des Machbaren ist erreicht.

Anschläge in der Türkei und Ägypten, viele konkurrierende Ziele sind nicht mehr sicher. Spüren Sie das?

Langer: Es geht ja nicht nur um die Ziele, in denen die politischen Verhältnis instabil sind. Kroatien, Italien, Spanien – sichere Länder – haben die Preise unheimlich angezogen. Das ist eine Entwicklung der vergangenen drei, vier Jahre.

Lässt sich die beziffern?

Langer: Nein, in Kühlungsborn nicht. Wir können nicht sagen, die Weltlage hat uns so und so viele Prozent mehr Gäste gebracht. Aber wir haben dadurch eine riesige Chance, neue Kunden dauerhaft für uns zu gewinnen.

Kuntze: Ich glaube, wir profitieren von der internationalen Lage. Seit die Unsicherheit weltweit zunimmt, buchen die Gäste wieder früher ihren Urlaub an der Ostsee. Vor drei Jahren reichte es, wenn Sie acht Wochen vorher gebucht haben. Heute müssen Sie sich ein halbes Jahr vorher um ein Quartier bemühen.

Müssen die beiden großen Seebäder ihre Kapazitäten erweitern?

Kuntze: Wir sind in Graal-Müritz gut aufgestellt. Was uns fehlt, ist vielleicht noch ein weiteres Hotel. Wir haben in den vergangenen Jahren viel

e Ferienwohnungen dazu bekommen. Das ist nicht unbedingt positiv, die Wertschöpfung ist geringer als bei Hotelgästen. Aber wir stoßen an Grenzen. Viel mehr verträgt Graal-Müritz nicht.

Langer: Das sieht in Kühlungsborn nicht anders aus. Wir haben vor Jahren politisch entschieden, keine weiteren Betten mehr zuzulassen. Jetzt geht es darum, die Qualität zu halten und auszubauen – nicht nur für Urlauber. Wir müssen die Lebensqualität im Ort verbessern. Da reden wir beispielsweise über das Thema Verkehr: Kühlungsborn will E-Mobilität fördern, die Gäste sollen ihre Autos am Stadtrand parken. Unsere Urlaubsorte müssen auch in 20 Jahren noch lebenswert bleiben. Wir wollen keine Verhältnisse wie auf mancher Nordsee-Insel, wo die Einheimischen abwandern.

Schleswig-Holstein hatte nach der Wende den Anschluss verpasst. Aber Scharbeutz, Grömitz und Co. holen wieder auf. Eine Gefahr?

Kuntze: Schleswig-Holstein hat einst verloren, weil die Orte dort nach der Wende nicht das Niveau bieten konnten, was bei uns entstanden war. In MV war alles neu, innovativ. Jetzt müssen wir aber wieder darauf achten, dass wir das Niveau halten und sogar steigern. Die guten Hotels und Vermieter wissen das.

Was ist denn konkret zu tun?

Kuntze: Der erste Eindruck des Gastes muss gut sein. Wenn ich mir manche Zimmer oder Gaststätten anschaue, könnte mal wieder renoviert werden. Schleswig-Holstein bot zur Wende den Charme der 1970er Jahre. Da wurde lange nichts gemacht. Diese Gefahr dürfen wir bei uns gar nicht zulassen.

Langer: In Kühlungsborn gibt es keinen Investitionsstau. Ich sehe für uns aber einen anderen Nachteil: Die Mitbewerber wissen, dass sie aufholen müssen – und haben aus der Politik enormen Rückenwind. Den haben wir nicht mehr.

Inwiefern?

Langer: Schleswig-Holstein steckt auf Landesebene viel mehr Geld in den Tourismus als wir. Die sind viel aktiver. MV ist so erfolgreich wie nie, aber 2016 erhalten wir 200 000 Euro weniger für das Marketing. Das ist das falsche Signal. Wir müssen auch in MV weiter um Neukunden werben – aus einer Position der Stärke. Wenn die Gästezahlen erst rückläufig sind, wird es viel schwieriger und viel teurer für uns alle. Wir dürfen uns nicht ausruhen. Das gilt auch auf kommunaler Ebene.

Kuntze: Uns stellt sich die Frage, ob der Tourismus im Wirtschaftsministerium noch den Stellenwert hat, den er haben muss. Wir brauchen mehr Unterstützung. Aber stattdessen diskutiert die Landespolitik über Windräder vor den Stränden der Urlaubsorte. Das ist kontraproduktiv.

Was hat sich denn verändert?

Langer: Früher waren wir Tourismusland Nummer eins, jetzt wollen wir das Land der Erneuerbaren Energie sein. Wer will denn das wirklich außer vielleicht einem Ministerium? Tourismus ist nicht alles, aber ohne Tourismus geht es nicht. Die Politik muss hellhörig werden, wenn das – von welcher Seite auch immer – bedroht wird.

Ist die Diskussion über die Bäderregelung auch ein Beispiel dafür?

Langer: Ja, klar! Die Regelung in MV ist doch nicht mehr zeitgemäß. Die Kirche kann den Menschen doch nicht diktieren, wann sie ihr Geld ausgeben dürfen. Das reguliert der Markt. Die Leute kommen – gerade in der Vor- und Nachsaison – auch zu uns, weil sie sonntags nach dem Frühstück flanieren wollen und alles ist offen. Der Einzelhandel leidet unter dieser Regelungswut. Fragen Sie doch mal Händler, wie viel die durch die neue Regelung verloren haben.

Kuntze: Der Irrsinn ist, dass bei uns die Händler schließen müssen, aber an der Lübecker Bucht haben sie offen. Und dort gibt es noch mehr Gläubige als bei uns. Natürlich müssen wir die Beschäftigten besser schützen, vor allem die Familien. Aber nur weil die Geschäfte zu haben, geht doch nicht ein Besucher mehr sonntags in die Kirche.

Wer ist der Gast der Zukunft in den großen Ostseebädern?

Kuntze: Wir wollen den Natururlaub weiter bewerben. Und in Sachen Gesundheit ist Graal-Müritz führend. Wir haben das Aquadrom, sieben Kliniken, gute Wellness-Hotels. Und wir setzen auf das Thema „Schriftsteller“: Viele bekannte Autoren – Kafka, Kästner, Tucholsky – waren bei uns. Das werden wir mit einer Literaturwoche und Lyriknachmittagen in den Fokus rücken. Und es sieht schon jetzt so aus, dass dies ein Erfolg wird.

Langer: Wenn wir uns von den Mitbewerbern in der Region abheben wollen, müssen wir in Kühlungsborn die demografische Entwicklung im Blick haben. Wir wollen mit neuen Angeboten, mit Kultur, Events und Aktivitäten auch ein jüngeres Publikum ansprechen und an uns binden. Das heißt nicht, dass wir in Richtung Ballermann gehen. Aber wir wollen moderner werden – „Sea & Sand“ am Wochenende ist ein Beispiel. Wir wollen Veranstaltungen mit Alleinstellungsmerkmal. Unser Budget wurde gekürzt, auch deshalb kommt alles auf den Prüfstand. Wir waren uns zum Beispiel schnell einig, dass wir das Promenadenfest – eine Kirmes mit Bierwagen und Bratwurstbuden – nicht mehr bezahlen wollen. Da haben wir 30 000 Euro gespart, die wir 2017 für zwei neue Veranstaltungen verwenden.

Interview von Andreas Meyer

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