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Reich versunkener Schätze

Rostock Reich versunkener Schätze

Vor der Rostocker Küste gehen Wracktaucher der Geschichte auf den Grund

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Maßarbeit in neun Meter Tiefe: Die Wracktaucher vermessen den Schlepper, der wahrscheinlich im Zweiten Weltkrieg sank.

Quelle: Foto: Martin Siegel

Rostock. Im Grün der aufgewühlten Ostsee ist der Schatz kaum zu entdecken. Knapp drei Meter – weiter können Dirk Sager (53) und Jürgen Sommer (57) nicht sehen. Doch da, direkt vor ihnen! Wie eine riesige muschelbesetzte Wanne taucht das Schlepperwrack am Grund der Mecklenburger Bucht auf. Sager und Sommer schwimmen auf den 17 Meter langen Rumpf zu.

OZ-Bild

Vor der Rostocker Küste gehen Wracktaucher der Geschichte auf den Grund

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Hier, vor Warnemünde, neun Meter unter der Wasseroberfläche, wollen die beiden ihr Wissen über Seefahrtsgeschichte vertiefen.

Wertvolle Geschichtsquellen

Sager und Sommer nehmen am diesjährigen Schiffsarchäologischen Seminar der Gesellschaft für Schiffsarchäologie Rostock teil. Der Kurs soll Taucher für Wrackfundplätze sensibilisieren, sagt der Vereinsvorsitzende, Martin Siegel (40). „Wir wollen dazu beitragen, gesunkene Schiffe bestmöglich zu erhalten. Sie sind wertvolle Geschichtsquellen.“ Siegel ist schon etliche Male abgetaucht, um Wracks für die Nachwelt zu dokumentieren. Heute bringt er, zusammen mit seinem Vereinskollegen Andreas Jagusch (45), Dirk Sager und Jürgen Sommer zum Tauchgang.

Die beiden sollen den Schlepper skizzieren und vermessen. Damit ihnen dabei kein Segler oder Yachtkapitän in die Quere kommt, hat Siegel die Tauchfahne gehisst. Ein junger Mann, der in der Nähe mit seinem Motorboot über die Wellen schaukelt, will wissen, ob’s da unten was Wertvolles zu holen gibt. „Wissenschaftlich hochinteressante Erkenntnisse“, sagt Siegel. Wie, keine Schätze? Der Mann winkt ab und fährt weiter.

Grabräuber in Neopren

Metallteile, Geschirr, Bücher: Alles, was sich versilbern lassen könnte, haben andere hier längst eingesackt. Seit seiner Entdeckung im Jahr 2009 sei das Wrack regelrecht geplündert worden, berichtet Martin Siegel. Deshalb sei es schwer zu ergründen, wann und warum der Schlepper sank. Vermutlich ging er im oder kurz nach dem Zweiten Weltkrieg unter. Anhand der Bauweise sei lediglich sein Alter – etwa 100 Jahre – sicher, sagt Siegel.

So wie beim Schlepper hätten Souvenirjäger wohl schon aus vielen Wracks mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest ist, vermutet Siegel. Was Taucher dazu veranlasst? „Manche wollen was Hübsches für die Vitrine. Andere verkaufen die Funde im Internet. Bei vielen ist es wohl so was wie männlicher Handwerkertrieb, der sie dazu bringt, an Wracks rumzuschrauben.“ Die Schäden, die Plünderer dabei verursachen, seien doppelt bitter. Sie würden nicht nur unwiederbringliche Denkmäler zerstören, sondern Anhaltspunkte, anhand derer Historiker maritime Kulturgeschichte rekonstruieren könnten. „Es geht nicht um die Goldmünze selbst, sondern darum, wo, sprich: in welchem Fundzusammenhang, sie liegt“, verdeutlicht Siegel.

Rätselhaftes Bollwerk

Mehr als 1500 Fundplätze seien vor Mecklenburg-Vorpommerns Küste bekannt, sagt der Fachmann. Tatsächlich dürften drei Mal so viele Wracks auf dem Meeresgrund liegen. Die geschichtsträchtigen Schätze würden oft nur durch Zufall entdeckt. Auf den müssen Dirk Sager und Jürgen Sommer nicht hoffen. Sie haben bereits tags zuvor ein sehenswertes Relikt der Ostseegeschichte bestaunen können: eine alte Hafenanlage, die vor Hohe Düne liegt. Holzproben hätten ergeben, dass dieses Bollwerk aus dem 17. Jahrhundert stammt, sagt Martin Siegel.

Welchen Zweck es einst erfüllte, sei hingegen unklar. „Es könnte eine Bastion mit militärischem Hintergrund sein.“ Womöglich handle es sich dabei aber auch um eine Schutzmaßnahme.

„Die Warnemünder waren früher sehr bemüht, ihren Hafen gegen Angriffe, Schmuggler und Unwetter zu sichern.“ Näheres könnten historische Dokumente preisgeben. „Aber viele Angaben in den Akten sind ungenau, andere in alten Schriften verfasst, die keiner von uns entziffern kann.“ Siegel hofft, Geschichtsinteressierte zu finden, die dabei helfen, das Rätsel zu entschlüsseln.

Jahrhunderte haben die Hafenanlagen in der Ostsee vor Hohe Düne überdauert. Nun aber nagt ein kleines Tier massiv am Unterwasserholz. Die Schiffsbohrmuschel wird zur ernsten Gefahr für archäologische Schätze. Eigentlich bevorzuge das Schalentier das salzreiche Wasser der westlichen Ostsee, sagt Siegel. Doch mittlerweile seien Exemplare schon bis vor Hiddensee gewandert. Um festzustellen, wo und in welchem Ausmaß die Bohrmuschel am maritimen Erbe knabbert, haben Taucher und Biologen an verschiedenen Wracks Testtafeln aus Kiefer und Eiche versenkt. „So können wir den Befall ermitteln“, sagt Siegel. Der sei an der Hafenanlage vor Hohe Düne bereits verheerend. 100000 Ansätze von Schiffsbohrmuschel-Larven auf einem Quadratmeter Holz haben die Forscher ermittelt. „Ein erschreckender Negativrekord. Wir verlieren ein großes Stück Kulturgeschichte“, sagt Siegel.

Schutzmantel für die Wracks

Viele Wracks seien womöglich schon so gut wie pulverisiert, bevor sie überhaupt entdeckt werden. Um Objekte zu schützen, seien sie mit Geotex-Matten abgedeckt worden. „Da kommen die Larven nicht durch.“ Solche Barrieren eigneten sich aber nur für flache Fundstücke, die Strömungen wenig Widerstand böten, erklärt Siegel.

Auch Dirk Sager und Jürgen Sommer haben beim Wrackvermessen mit der unruhigen See zu kämpfen. „Das war eine Herausforderung“, sagt Sager, als er und Sommer wieder auftauchen. Andreas Jagusch hilft ihnen an Bord. „Und, wie war’s?“„Nass“, scherzt Sager. Trotz schlechter Sicht habe sich der Tauchgang gelohnt. Die erhofften Übersichtsfotos habe er im trüben Wasser zwar nicht knipsen können. Dafür bringt er eine Bleistiftskizze des Wracks aus der Tiefe mit. Die werten die Taucher mit Martin Siegel im Yachthafen Höhe Düne aus. „Na ja, an meinen künstlerischen Fähigkeiten muss ich wohl noch arbeiten“, lacht Sager. Die Gelegenheit dafür bietet sich prompt. Kaum Luft geschnappt, brechen die Unterwasserarchäologen zum zweiten Tauchgang auf.

Antje Bernstein

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