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Das alte Moorbad: Blick in die Geschichte der ersten Kureinrichtung Bad Doberans Vom ersten Kurbetrieb zum Schandfleck der Stadt

Das einstige Stahlbad in Bad Doberan wechselte oft den Besitzer

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Das alte Moorbad stand am 12. Dezember 2006 in Flammen. Acht Feuerwehren konnten die völlige Zerstörung verhindern.

Quelle: Foto: Ines Schöbel

Bad Doberan. Es war Herberge für Kurgäste, Patienten, Soldaten sowie Flüchtlinge und wechselte oft den Besitzer: Das alte Moorbad an der Bahnhofsstraße in Bad Doberan.

OZ-Bild

Das einstige Stahlbad in Bad Doberan wechselte oft den Besitzer

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Bald könnte es Unterkunft für Urlauber werden, wenn Eigentümer David Corleis seine Pläne umsetzt. Das 1822/23 erbaute Haus war nicht immer eine Ruine. Seine Geschichte beginnt 1821 mit einer Eisenquelle.

Ein Doberaner entdeckte auf den Wiesen an zahlreichen Stellen ockerfarbene Punkte – ein Hinweis für starken Eisengehalt im Grundwasser. Und so wurde 1821 die Eisenquelle gefunden. So schreibt es Dr.

Heinrich Gronau (1881 bis 1975), ärztlicher Direktor des Sanatoriums Doberan, dessen Ausführungen im Doberaner Archiv zu finden sind. In den Räumen neben der Bibliothek gibt es auch Einsicht in die Hausakte des Gebäudes, die von 1869 bis 1958 Schriftstücke und Pläne zum Haus betreffend enthält. So auch einen Plan, auf dem die erste Quelle eingezeichnet ist – direkt am Mühlenteich. Stahlquelle steht hier geschrieben (siehe Foto). Von wann die Karte genau ist, ist nicht bekannt. „Sie ist 1905 verschickt worden“, sagt Archivarin Andrea Gläwe.

„Um die Eisenquelle medizinisch nutzen zu können, entstand 1821 ein kleines Gebäude mit vier Badewannen als erste Kureinrichtung“, erzählt Andrea Gläwe. Von 1822 bis 1823 wurde dann das Stahlbad von Baumeister Carl Theodor Severin auf Anordnung des Großherzogs Friedrich Franz I. eingeschossig erbaut.

Im Archiv befinden sich auch die Seebadlisten, die von 1794 bis 1878 unter anderem die Anzahl der Bäder enthalten, die im Stahlbad genommen wurden. So lässt sich im „Résumé der in der Saison 1859 und 1860 im Stahlbade verabreichten Bäder“ ablesen, das 1850 750 Stahlbäder, 9 Wasserduschen, 755 Fußbäder und 10 Schwefeldampfbäder verabreicht wurden. Doch nicht immer war das Stahlbad Kureinrichtung. Ab 1943 wurde das Gebäude als Lazarett genutzt, von Mai bis Dezember 1945 war es durch die Rote Armee besetzt, bis Ende 1946 wurde es von Flüchtlingen genutzt.

Haus trug mehrere Namen

Nicht nur die Nutzung, auch die Namen wechselten. Während in einem Artikel im Kröpeliner-Neubukower-Anzeiger vom 12. Juni 1883 zur Eröffnung der Badesaison von „Stahlbad“ geschrieben wird, ist ein Schreiben an Doberans Bürgermeister von 1922 mit „Stahl und Eisenmoorbad Doberan (i. Mecklenburg)“ gestempelt. Nach der Rekonstruktion 1948 hieß es Sanatorium Eisenmoorbad. Gronau, der von 1958 bis 1966 ärztlicher Direktor war, bemühte sich um eine Namensänderung, die er in einem Schreiben an den Rat des Bezirkes, Abteilung Gesundheit und soziales Wesen in Rostock begründet. „Die alte Eisenquelle ist seit Jahren versiegt, Neubohrungen würden sehr große Kosten verursachen und keinen sicheren Erfolg gewähren“, schreibt er. „Als Heilwasser ist an Stelle der Eisenquelle das Ostsee-Meerwasser, aber auch die Glashäger siliciumhaltige Mineralquelle getreten.“ Es gebe keinen Bedarf für eine Eisenquelle. Der Name „Eisenmoorbad“ entspreche nicht mehr den bestehenden Verhältnissen. 1964 wurde es in „Moorbad“ umbenannt.

Zu Beginn in großherzoglichen Besitz wird das Haus an der heutigen Bahnhofstraße 1896 versteigert. Den Zuschlag erhält der Brauereibesitzer Zimmermann, schreibt Heinrich Gronau und bezieht sich auf ein Schreiben des Mecklenburgischen Landes-Hauptarchiv. Weiterhin erwähnt er den Besitzer Gottschalk, der die bauliche Erweiterung veranlasste und das Haus 1902 aufstockte. 1905 wurde das Haus an Freiherr von Ascheraden verkauft. Bevor die Allgemeine Berliner Ortskrankenkasse das Gebäude 1920 erwarb, war es in Besitz von Sanitätsrat Dr. Bruhn. 1954 übernahm die Regierung der DDR das Bad durch den FDGB. 1996 bauten die Dr.-Ebel-Fachkliniken ein neues Moorbad 800 Meter südlich, das alte Stahlbad stand fortan leer.

Jahrelanger Verfall

2001 erwarb die Schwaaner Unternehmensbewertungs- und Handelsgesellschaft Emea das Haus von der AOK Berlin. Ein Konzept für Betreutes Wohnen wurde nicht genehmigt. Eine Investorengruppe stand kurz davor, das Denkmal zu kaufen, um eine Wohlfühlanlage mit Sauna, Sole-Grotten und Massageliegen zu entwickeln. Zudem waren auf 1700 Quadratmetern ein Hotel mit 100 Betten geplant. Dafür musste der B-Plan geändert werden. Doch dazu kam es nie. Grund: Am 12.Dezember 2006 brannte das Moorbad. Der Schaden war enorm. Eigentümer Frank Thee, Geschäftsführer der Schwaaner Gesellschaft, stellte 2007 den Antrag auf Abbruch und Wiederaufbau. Das sei finanzierbar. Der wurde abgelehnt, das Objekt steht auf der Denkmalliste, die Fassade muss erhalten bleiben. Die Jahre gingen dahin, es gab Kaufinteressenten aus Berlin, doch der Verfall war nicht aufzuhalten, Eigentümer, Stadt und Denkmalpflege schoben sich den Schwarzen Peter gegenseitig zu.

Reinhard Wiese kaufte das Objekt 2010 von Frank Thee. Der Berliner plante hier ein Vier-Sterne-Hotel mit 280 Betten. Doch die Finanzierung gestaltete sich schwierig. 2011 gab der Landkreis den Auftrag, Teile des Giebels abzutragen – aus Sicherheitsgründen.Im September 2012 hieß es, Reinhard Wiese ist pleite. Ein Rostocker Inkasso- Büro soll gleich mehrere Forderungen gegen den Moorbad-Eigentümer eintreiben – und will die denkmalgeschützte Ruine zur Zwangsversteigerung freigeben. Für die Behörden war Reinhard Wiese nicht mehr zu erreichen.

Anfang 2013 tauchte der Eigentümer wieder auf, wollte neue Pläne vorstellen und das Gelände mit einem Zaun sichern. Nichts geschah, die Stadt gab schließlich den Auftrag zur Sicherung – das Haus war so marode, dass Teile des Mauerwerks drohten auf die Wege zu stürzen. Die Kosten ließ die Stadt im Grundbuch eintrage.

2014 beantragte Bad Doberan die Zwangsversteigerung, das Amtsgericht stimmte zu. Doch im Mai 2014 stand das Grundstück plötzlich zum Verkauf, die Versteigerung sei vom Tisch, sagte Immobilien-Makler und Insolvenzverwalter Bert Giesen, der mit der Vermarktung beauftragt war. Am 19. September 2015 wurde das alte Moorbad zwangsversteigert. Das höchste Gebot gibt mit 415201 Euro David Corleis ab. Er plant ein Hotel mit Spielhalle und Wellness-Bereich auf dem Gelände. Dafür muss einen Bebauungsplan her. Fortsetzung folgt . . .

Chronik

1821 Bohrung der Eisenquelle nahe dem Mühlenteich sowie Bau eines kleinen Gebäudes mit vier Badewannen.

1822/1823 Bau des Stahlbades im klassizistischen Baustil nach Anordnung von Großherzog Friedrich Franz I. Baumeister ist Carl Theodor Severin. Das Haus wird einstöckig, enthält zwölf Badezellen, Speisesaal und fünf Logierzimmer.

1896 Das Stahlbad wird versteigert und geht aus großherzoglichen Besitz in private Hand des Brauereibesitzers Zimmermann 1902 Der alte Bau wird durch Aufstockung vergrößtert. Im Anschluss am Westende des Hauses wird ein einstöckiger Flügel mit neun Zellen für Moorbäder errichtet.

1904 Bau eines Schornsteins für den Badeofen 1905 Verkauf an Freiherrn von Ascheraden 1920 Die Allgemeine Berliner Ortskrankenkasse kauft das Eisenmoorbad 1930 Neubau einer Liegehalle 1937 Einbau von Toiletten im Erdgeschoss 1939 bis 1945 Vorübergehende Nutzung des Hauses als Truppenquartier und Lazarett 1948 Sanierungs- und Rekonstruktionsmaßnahmen, Unbenennung in „Sanatorium Eisenmoorbad“, Wiederaufnahme des Badebetriebs 1954 Bau von Abschwitzhallen für Männer und Frauen. Die Regierung der DDR übernimmt das Bad durch den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB). Erweiterung der Kapazität auf 104 Betten.

1996 Betrieb im Moorbad wird eingestellt 2001 Frank Thee, Geschäftsführer der Schwaaner Unternehmensbewertungs- und Handelsgesellschaft Emea, erwirbt das Haus von der AOK Berlin 2006 Das alte Moorbad brennt. Jugendliche gestehen die Brandstiftung.

2010 Reinhard Wiese erwirbt das Moorbad und stellt Pläne vor 2011 Dachstuhl und die Zwischendecke sind eingestürzt 2011 Aus Sicherheitsgründen lässt der Landkreis Teile des Giebels abtragen 2013 stellte die Stadt einen Zaun auf – zum Schutz von Passanten vor herabfallenden Trümmern des Hauses.

2014 Bad Doberan beantragt die Zwangsversteigerung 2015 Im September wird die Ruine versteigert. Den Zuschlag erhält David Corleis. Der Spielautomaten-Manager zahlt 415 201 Euro.

Quellen: Archiv Bad Doberan, Archiv Ostsee-Zeitung

Anja Levien

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