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Der Krieg holte sie in Barth ein

Barth Der Krieg holte sie in Barth ein

Flüchtlingsmädchen Yara Hussein floh aus Syrien nach Deutschland / Ihr Onkel starb bei einem Anschlag im Juli

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Helga Mienert (l.) vom Verein „Willkommen in Barth“ und Yara Hussein aus Syrien.

Quelle: Carolin Riemer

Barth. Als Yara Hussein am Morgen des 27. Juli aufwacht, macht sie wohl das, was alle jungen Mädchen tun: Sie schnappt sich ihr Handy und schaut nach, was ihre Freunde geschrieben haben, checkt ihre Facebook-Seite im Internet. Die erste Ferienwoche hat gerade begonnen. Yara ist recht zufrieden mit sich und der Welt. Seit zwei Jahren lebt die 13-Jährige aus Syrien mit ihrer Familie in Deutschland. Sie spricht sehr gut Deutsch, besucht die achte Klasse des Gymnasiums, hat einen Notendurchschnitt von 1,6 und wird von ihren Mitschülern akzeptiert und gemocht.

Und trotzdem: An diesem Sommermorgen in Barth trifft sie der Schrecken des Krieges in Syrien mit seiner ganzen Wucht – auch wenn sie mittlerweile in Sicherheit ist und ihre Flucht schon zwei Jahre lang her ist. „Ich sah Fotos und ein Video von meiner Heimatstadt Qamischli, nur eine Straße von meinem damaligen Zuhause entfernt. Alles war zertrümmert, Menschen weinten, Sirenen heulten.“

Yara ist mit einem Schlag wach. Die Sommerferien rücken in den Hintergrund. Ein Terroranschlag hatte ihre Stadt erschüttert. 50 Menschen starben, es gab hunderte Verletzte. Kurze Zeit später erfährt Yara, dass unter den Toten auch ihr Onkel ist. „Er hatte eine Apotheke in Qamischli“, sagt das Mädchen. Ihre braunen Augen blicken auf den Boden als sie erzählt, dass sie im Nachhinein erfahren habe, dass ein Attentäter erst einen Lkw voller Sprengstoff und dann sich selbst in die Luft sprengte. Ihr Körper spannt sich an, ihre Stimme festigt sich als sie sagt: „Ich versteh das nicht! Wie kann man nur so etwas tun?“

Die Erinnerungen kehren zurück. Vor etwas mehr als zwei Jahren flohen Yara, ihre Schwester Hewa (20), ihr kleiner Bruder Hamudie (6) zusammen mit ihrer Mutter Mayada Ali (42) aus der Stadt Qamischli im Nordosten Syriens.

500000 Menschen lebten dort vor Beginn des Krieges. Die Stadt liegt dicht an der Grenze zur Türkei. „Meine Eltern sagten uns, dass es zu gefährlich sei weiter hier zu leben und wir nach Deutschland fliehen“, schildert das Mädchen. Deutschland? Dieses Land bringt sie mit nichts weiter als der Fußball-Nationalmannschaft in Verbindung. In ihrem Zimmer überlegt sie, was sie einpacken soll, warum sie ihr Zuhause verlassen muss. „Wir hatten doch nichts getan. Ich wollte nicht weg.“ Fotos, Bücher, Spielzeuge – alles muss die damals 11-Jährige zurücklassen. Mit ein paar wenigen Kleidungsstücken macht sich die Familie zunächst zu Fuß, später in einem Lkw auf die lange Reise ins Unbekannte. Ihr Vater will später nachkommen. „Meine Eltern waren Lehrer. Wir hatten ein gutes Leben in einem großen Haus. Ich hatte Freunde. Wir gingen shoppen und Eis essen – alles war normal bis der Krieg kam.“

Yara schreibt auf, wie sie sich fühlt (siehe Text unten). In einem Brief an den Attentäter, der auch ihren Onkel tötete, stellt sie ihm all die Fragen, die ihr auf der Seele brennen.

Sie versucht so zu verarbeiten, dass sie Nachts oft die Explosionen der Bomben hörte, dass ihr kleiner Bruder nur noch weinte und dass sie in Deutschland nun oft gefragt wird, was sie hier eigentlich wolle. „Oder ob wir auch Autos in Syrien haben“, wiederholt sie ein bisschen empört. Natürlich gibt es in Syrien Autos, antwortet sie dann. „Wir kommen doch nicht aus dem Urwald und wir wären ohne den Krieg nie hierher gekommen.“

In Barth wird sie von Helga Mienert umsorgt. Die 62-Jährige engagiert sich im Verein „Willkommen in Barth“. „Mir liegt die Familie Husein sehr am Herzen“, sagt sie. Helga Mienert begleitet Yaras Mutter zu Elternabenden und hilft beim Ausfüllen wichtiger Dokumente. „Wir sind froh, dass wir sie haben“, sagt Yara. Das Mädchen hat in Barth ihr Lachen wiedergefunden und plant ihre Zukunft. Nach dem Abitur will sie Medizin studieren. So wie ihre große Schwester Hewa, die gerade ihre Zusage für einen Studienplatz in Rostock bekam. Ob das klappt, weiß sie nicht. Ihre Aufenthaltsgenehmigung endet im August 2017.

Yara (13): „Kein Gott sagt: Bring’ Menschen um!“

Es ist 9.15 Uhr. Qamischli (Heimat von Yara; Anm. d. Red.) ist schon wach geworden. Die Läden wurden aufgemacht. Die Straßen waren leicht voll. Einer wollte einkaufen gehen. Der andere wollte jemanden besuchen. Ein anderer wollte. . . Bis 9.18 Uhr war alles in Ordnung. Der Verkehr lief normal.

Plötzlich stoppte ein Lkw. Ein Fußgänger merkte, dass irgendetwas nicht stimmte. Auf ein Mal fängt der Fußgänger an zu schreien: „Bombe! Hier ist eine Bombe!“ Es war zu spät. Bomben explodieren. Der Täter ist ein IS-Mitglied. Mit der Explosion war er nicht zufrieden. Er war nicht zufrieden, weil er nicht genug „Sünder“ umgebracht hat. Nach der großen Explosion hat sich der Täter in die Luft gesprengt. Die Häuser sind auf dem Boden. Viele Leichen liegen am Boden. Man hörte nur den Schrei der Mutter und das Weinen des Kindes. Viele Menschen rannten umher, um ihre Verwandten – oder um einfach Menschen – zu helfen.

Weißt du wen du umgebracht hast? Wer ist das? Was hat er gemacht? Was sind seine Sünden? Weißt du wieviele Menschen du verletzt hast? Weißt du wie schmerzhaft das ist, einen Menschen zu verlieren, den man lieb hat? Weißt du wie schmerzhaft das ist? NEIN.

Natürlich nicht, weil du keine Gefühle hast. Wenn du ein bisschen Gefühl hättest, könntest du das nicht machen. Was war dein Ziel? In das Paradies zu gehen? Das kannst du vergessen! Kein Gott auf dieser Welt sagt: „Bring Leute um!“ Kein Gott und kein normaler Mensch sagt: „Bring Leute um, die nicht aus deiner Religion und deiner Heimat sind!“ Sowas sagt Niemand! Du hast über 50 Menschen ohne Grund umgebracht! Du hast hunderte Menschen sehr stark verletzt. Die Verwandten der verstorbenen Menschen glauben nicht was passiert ist. Wir auch nicht.

Carolin Riemer

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