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Durch einen Tunnel in die Freiheit

Barth Durch einen Tunnel in die Freiheit

Dem Engländer John Shore gelang 1941 die Flucht aus dem Barther Kriegsgefangenenlager. Seine drei Söhne überließen jetzt der Boddenstadt Erinnerungsstücke an die spektakuläre Nacht.

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Erinnerungsstücke auf dem Gedenkstein: Teil eines Flugzeugpropellers mit dem Foto von John Shore und die selbst gefertigte Fluchtmütze des Engländers. Fotomontage/

Quelle: Claudia Haiplick, Dokumentations- und Gedenkstätte Barth

Barth. Als sich John Shore im Oktober 1941 von Barth aus auf den Weg nach England machte, durfte er keinen Verdacht erregen. Alles musste so normal wie möglich an dem Flieger der Royal Air Force aussehen. Daher hatte er seine Uniform so verändert, dass sie nahezu wie die gewöhnliche Kleidung eines deutschen Arbeiters aussah. Schnitt und Farben waren abgeändert, auch die Knöpfe hatte er ausgetauscht. Auf dem Kopf trug Shore eine selbst gemachte deutsche Arbeitskappe. Obwohl er keine Papiere bei sich trug, schaffte es der mutige Lieutnant mit viel Glück, nach Hause zu kommen. Ihm gelang als einer der Wenigen die Flucht aus dem Stalag Luft I in Barth.

Seine im Lager selbst gefertigte Mütze fand jetzt den Weg zurück nach Barth. Sein Sohn Marc Shore übergab sie an die dortige Dokumentations- und Begegnungsstätte (DOK). Helga Radau von der DOK trug die Mütze jetzt dorthin, wo alles begann, auf das Gelände des ehemaligen Stalag Luft I.

„Marc Shore hat uns die Fluchtmütze seines Vaters als Leihgabe überlassen. Es ist für uns ein großer Vertrauensbeweis, da das Kleidungsstück für die Familie Shore sehr viel bedeutet“, erklärt Helga Radau.

„Es ist schwer, sich vorzustellen, wie es damals für die Männer hinter dem Stacheldraht gewesen sein muss, die nur den einen Gedanken Flucht hatten“, sagt sie. Wie viel Mut habe es bedurft, eine Flucht aus Nazi-Deutschland zu wagen. In vielen der Bücher, die ehemalige alliierte Kriegsgefangene nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geschrieben haben, könne man es lediglich erahnen.

Auch die Flucht von John Shore ist niedergeschrieben worden. Sein Freund und Kamerad Jimmy James schildert das Geschehen von damals im Stalag Luft I in seinem Buch „Pechschwarze Nacht — Leben für die Flucht“. Er selbst sollte hinter John Shore durch den von beiden selbst gegrabenen Tunnel in die Freiheit klettern. Doch er wurde dabei vom Sicherheitsoffizier des Lagers erwischt. Das darauf einsetzende Durcheinander von Wachposten und Hundegebell lenkten von der Flucht Shores ab, der es außerhalb des Stalag-Geländes schaffte, in der Nacht bis nach Stralsund zu Fuß lief und sich in Saßnitz auf einer Fähre nach Schweden verstecken konnte. Nur zehn Tage nach seiner Flucht war John Shore wieder in England. Bereits während seines Gefangenentransports nach Barth hatte er versucht, zu entkommen.

Im Jahr 2006 hatten die drei Söhne Shores, Rex, Marc und Ian Shore, Barth besucht. Gemeinsam mit Helga Radau waren sie über das ehemalige Lagergelände gegangen. Sie wollten unbedingt die Stelle finden, an welcher 1941 der Fluchttunnel nur mit Taschenmessern gegraben worden war. Weil Jimmy James und John Shore ihren Tunnel innerhalb von nur wenigen Tagen gruben, ging er als „Blitztunnel“ in die Geschichte des Stalag-Luft I ein.

Alle drei Shore-Brüder waren von der Idee elektrisiert gewesen, die richtige Stelle zu finden, um so dem Vater nahe sein zu können.

John Shore war 1950 bei einem Probeflug ums Leben gekommen, weshalb ihn der jüngste Sohn Ian nicht mehr richtig kennen lernen konnte.

Und tatsächlich: Auf ihrem Weg über das mit Brennnessel hoch zugewachsene Gelände fanden sie ein großes Stück Schlacke, das auf einen Verbrennungsofen hinwies, in dessen Nähe der Tunnel gegraben worden war. Überzeugt, am richtigen Ort zu sein, nahmen die Söhne Erde von dort mit nach Hause nach England.

Lieutnant John Shore war neben Harry Burton der einzige Kriegsgefangene, dem erfolgreich die Flucht aus Stalag Luft I in Barth gelang. Ihm und den anderen Kriegsgefangenen des Stalag Luft I zur Ehre legte Helga Radau die Mütze Shores auf den dortigen Gedenkstein. Marc Shore hatte sie darum gebeten.

Auch das Stück eines Flugzeugpropellers hatte er mit nach Barth geschickt. Darauf befindet sich eine Fotografie seines Vaters. Helga Radau: „Sofern in der Familie der Wunsch entsteht, dass beides wieder zurück nach Großbritannien kommt, werden wir die Dinge zurückgeben.“ Doch bis dahin sind sie in der Ausstellung des Dokumentations- und Begegnungszentrums zu sehen.

Es ist schwer, sich vorzustellen, wie es damals für die Männer hinter
dem Stacheldraht
gewesen sein muss.“ Helga Radau,
Dokumentations- und Gedenkstätte Barth

 



Claudia Haiplick

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