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„Manche schaffen es nicht mehr zur Schule“

Barth „Manche schaffen es nicht mehr zur Schule“

Sozialpädagogin Julia Kälber vom Chamäleon-Verein über Suchtprobleme in Barth und Umgebung

Barth. Seit mehr als einem Jahr berät Sozialpädagogin und Jugendsozialarbeiterin Julia Kälber (32) auch in Barth Kinder, Jugendliche und junge Heranwachsende in der Suchtberatungsstelle des Chamäleon Stralsund e.V. Im Gespräch mit der OZ zog sie ein Fazit und sprach über ihre Arbeit, über verschiedene Suchtmittel wie zum Beispiel illegale Drogen, Alkohol und Medien und über Anzeichen, die Eltern als Warnsignale sehen sollten.

 

OZ-Bild

Julia Kälber berät Süchtige und Angehörige in Barth.

Wer sucht bei Ihnen Hilfe, Frau Kälber?

Julia Kälber: Kinder, Jugendliche und junge Heranwachsende, die ein Problem mit legalen und illegalen Drogen haben. Aber auch Menschen mit Essstörungen, Glücksspiel und Medien bekommen hier Ratschläge, Hinweise und Beratung.

Mit Medien?

Kälber: Ja, wenn sie beispielsweise im Internet gemobbt werden, nicht mehr ohne ihr Handy auskommen oder täglich stundenlang Computerspiele zocken und sie deshalb keinen geregelten Tagesablauf mehr haben. Manche schaffen es dann nicht mehr zur Schule oder zur Ausbildung zu gehen.

Ist das ein Thema in Barth?

Kälber: Absolut. Es gibt Jugendliche, die acht oder sogar zwölf Stunden täglich – und nachts – vor dem Computer verbringen und von sich sagen: „Ich kann nicht mehr ohne Online-Spiele sein.“

Das hat sich in den vergangenen Jahren verschärft.

Welche Drogen werden denn in Barth konsumiert?

Kälber: Alle, die es gibt – angefangen bei Speed, Heroin und Ecstasy. Aber die allermeisten Ratsuchenden haben ein Problem mit Alkohol. Dicht gefolgt von Cannabis. Das ist in Barth die illegale Droge Nummer eins. Dabei muss man aber bedenken, dass das nur ein Bruchteil der tatsächlichen Konsumenten ist, nur ein kleines Abbild der Realität. Es sind nur die, die sich selbst Hilfe suchen und diejenigen, die beispielsweise durch Bewährungsauflagen oder durch Ämter zu mir kommen.

Wie viele Klienten beraten Sie?

Kälber: 30 junge Menschen bis 27 Jahre kommen regelmäßig zu mir. Etwa fünf von ihnen betreue ich, seitdem es die Beratungsstelle in Barth gibt. Zwischen Januar und August habe ich 133 Gespräche geführt. Ich versuche aber nicht nur den Süchtigen zu helfen, sondern auch den Angehörigen. Die sogenannten Co-Abhängigen brauchen auch Hilfe, damit sie wissen, wie sie mit ihrem Partner oder ihrem Kind umgehen sollten. Es ist sehr wichtig, dass auch sie sich Hilfe suchen.

Woran können Eltern merken, dass ihr Kind suchtgefährdet ist?

Kälber: Das ist, genau wie alles andere in der Sucht, sehr individuell. Jeder Mensch muss anders behandelt werden. Jede Hilfe ist individuell und jeder Mensch reagiert anders, wenn er in die Abhängigkeit gerät.

Es gibt keine Tipps?

Kälber: Eltern sollten ihre Kinder beobachten. Vernachlässigen sie ihre Hobbys? Hat sich ihr Sprachverhalten geändert oder haben sie den Freundeskreis gewechselt? Hilfreich ist es vielleicht eine feste Zeit zum gemeinsamen Abendessen festzulegen und dann gemeinsam den Tag auszuwerten und sich in die Augen zu schauen. Das Kind muss merken, dass es geliebt, geborgen und wertgeschätzt wird.

Sie organisieren auch viele Präventionsveranstaltungen?

Kälber: Sie machen einen wichtigen Teil meiner Arbeit aus – es ist eine sehr gute Ergänzung zur Suchtberatung. Ich arbeite eng mit Schulsozialarbeitern zusammen, weil sie dicht an der Basis sind. Außerdem mit Ärzten, Ämtern, Jobcenter und mit anderen am Hilfsprozess beteiligten Akteuren.

Auch online und anonym kann man sich bei Ihnen beraten lassen?

Kälber: Ja, unter www.berado.de kann sich jeder einloggen und anonym und kostenlos seine Probleme schildern. Egal, ob es nun mit Drogen, Sexualität oder Medien zu tun hat. Das wird sehr gut angenommen in unserer ländlichen Gegend.

Können Sie über Erfolge berichten?

Kälber: Das ist eine schwierige Frage. Wie misst man Erfolg im Suchtbereich? Mein größter Erfolg ist es, wenn wir gemeinsam einen passenden Weg finden. Und wenn mein Gegenüber Vertrauen zu mir fasst und er nach dem ersten Gespräch wiederkommt. Aber es ist manchmal auch schon ein Erfolg, wenn jemand früher acht Flaschen Bier täglich trank und jetzt nur noch am Wochenende zur Flasche greift – man spricht hierbei von Konsumreduzierung.

Wer fördert die Beratung?

Kälber: Die Beratungsstelle wird gefördert von Mitteln aus dem ESF (Europäischer Sozialfond) sowie vom Fachdienst Jugend Landkreis Vorpommern-Rügen.

Beratungen in Barth, Stralsund und Bergen

In Barth empfängt Julia Kälber Ratsuchende donnerstags von 10 bis 18 Uhr im Haus der Werktätigen in der Bahnhofstraße 2. Wer telefonischen Kontakt sucht, kann sich unter ☎ 01 76/ 20 60 02 02 oder 038 31/2 03 95 10 melden. Die Online-Beratung im Internet finden Sie auf www.berado.de – dort können sich junge Menschen mit Problemen im Umgang mit Suchtmittel und ihre Angehörigen auch anonym beraten lassen. Die Suchtberatungsstellen des Chamäleon Stralsund e. V.’s befinden sich in Stralsund, Grimmen, Bergen und Barth und bieten neben der klassischen Suchtberatung auch die Vorbereitung zur MPU sowie die Therapievorbereitung an.

caro

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