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Spaziergang durch ein dunkles Kapitel der Stadtgeschichte

Barth Spaziergang durch ein dunkles Kapitel der Stadtgeschichte

43 angebliche Hexen starben in Barth den Feuertod / Stadtführerin Karin Bernstein lässt die schaurigen Episoden lebendig werden

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Karin Bernstein am Eingang des Barther Fangelturms. Hier wurden Frauen gefoltert und in ein 5,50 Meter tiefes Verlies gesperrt.

Quelle: Carolin Riemer

Barth. Hexen. Mörder. Folter. Wenn es um die dunklen Seiten der Stadt Barth geht, ist Karin Bernstein Expertin. Heute Abend ab 21 Uhr führt sie ihre Gäste durch dunkle Gassen und einen noch dunkleren Teil der Geschichte. Lange hat die Bartherin im Archiv geforscht und nächtelang alte Schriften übersetzt. Ziel ihrer Recherchen: die Hexenverbrennungen in der Vinetastadt. 43 Frauen kamen hier nachweislich im Feuer ums Leben – oft erst nach langer Folter.

 

OZ-Bild

Der Fangelturm in Barth: Einst Ort schrecklicher Folter.

Quelle:

Hier kam keine Frau lebend raus.“Stadtführerin Karin Bernstein über den Barther Fangelturm

Manchmal brutal, oft erstaunlich, aber immer höchst interessant sind die Anekdoten, die sie zu erzählen weiß. „Schon viele Männer sind während meiner Schilderungen aus den Latschen gekippt. Frauen sind da härter im Nehmen“, sagt die 77-Jährige. Dabei sind es gerade die weiblichen Geschöpfe, die bis zum Juli des Jahres 1655 wahre Gräueltaten über sich ergehen lassen mussten.

Ein missgünstiger Nachbar reichte bereits aus, um den Stein ins rollen zu bringen. Lebte die Frau allein, ohne Mann? Sammelte sie oft Kräuter im Wald? Besaß sie mehr und gesündere Tiere als ihre Nachbarn? „Das reichte damals aus, um sie beim Magistrat als Hexe anzuzeigen. Die Menschen waren besessen vom Aberglauben.“ Der Anzeige folgte eine brutale, immer wiederkehrende Prozedur. So erlebte es auch eine Bartherin, die Karin Bernstein nur „die Besche“ nennt (für die Initialen B. Sch.). „Aus Gründen des Datenschutzes. Denn bei meinen Recherchen erfuhr ich, dass etliche Nachfahren der vermeintlichen Hexen noch heute in Barth leben.“

„Die Besche“ jedenfalls hatte sich durch Streitigkeiten und Sätze wie „Du wirst schon sehen, was du davon hast“ in ihrem Umfeld sehr unbeliebt gemacht. Als dann eine ihrer Bekannten krank wurde, zeigten die Barther sie an. „Die Besche“ floh drei Jahre lang nach Stralsund, wurde dort eingefangen und in den Fangelturm gebracht. Ein Ort, den keine Frau wieder lebend verließ. „Das Buch ,Der Hexenhammer’, verfasst von zwei Mönchen, schrieb genau vor, wie die Frauen dann gefoltert wurden – wie eine Gebrauchsanweisung für Hexen. So lange bis diese zugaben, dass sie sich mit dem Teufel eingelassen hatten.“

Bis zu einem halben Jahr lang folterten die Scharfrichter ihre Opfer. Sie steckten die Daumen in Schraubzwingen. Die Frauen wurden ins 5,50 Meter tiefe Verlies des Fangelturms gesperrt. Noch heute können Besucher die Feldsteine sehen, auf denen die Gefangenen im Stockdunklen ausharren mussten. Eigens zu diesem Zweck wurde der Turm zwischen 1500 und 1510 gebaut. „Oft wurden sie nackt gefesselt.

Schliefen und erleichterten sich auf Stroh, das nur einmal jährlich ausgetauscht wurde.“ Das Fegefeuer klingt im Vergleich dazu fast wie eine Erlösung.

„Jung und Alt sahen zu, wie die angeblichen Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannten – es war ein Volksfest“, sagt Bernstein, die vermutet, dass er sich dort befand, wo heute das Barther Theater steht. Mindestens 43 Frauen fanden so in Barth den Tod.

Glück hatte hingegen eine alleinstehende Frau aus der Wieckstraße. Eines Tages verscheuchte die Nachbarin der Alleinstehenden eine fremde schwarze Katze aus ihrem Haus. „Dabei verletzte sie das Tier an der Hinterpfote. Die Katze hinkte davon. Als die Frau später sah, dass ihre alleinstehende Nachbarin ebenfalls humpelte, stand für sie fest: Das Weib hatte sich in eine Katze verwandelt, um mich auszuspionieren. Sie zeigte sie an.“

Doch die Angezeigte türmte wenige Tage später. „In Barth wäre sie ihres Lebens nicht mehr froh geworden“, vermutet Karin Bernstein. Ein seltenes Beispiel für ein glückliches Ende einer Hexenverfolgung.

Der „Hexenhammer“

1484verfasste der Dominikaner-Mönch Heinrich Kramer (1430 bis 1505) den „Hexenhammer“. Er ließ das Buch den amtierenden Papst Innozenz VIII. (1432-1492) unterschreiben. Mit der sogenannten „Hexenbulle“ legalisierte die katholische Kirche zum ersten Mal die Hexenverfolgungen. 1782 wurde in der Schweiz die letzte „Hexe“

hingerichtet. In Barth kam die letzte Frau nachweislich im Juli 1655 im Feuer um. Schätzungsweise 50 000 Menschen fielen den Scharfrichtern zum Opfer. 80 Prozent von ihnen waren Frauen.

Die Führung: Heute Abend um 21 Uhr führt Karin Bernstein ihre Gäste auf den Spuren der Hexen durch Barth. Treffpunkt ist die große Linde auf dem Marktplatz. Die Hexenführung findet regelmäßig alle 14 Tage freitags statt und kostet fünf Euro pro Person.

Carolin Riemer

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