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„Die Darßbahn wäre unser Untergang!“

Pruchten „Die Darßbahn wäre unser Untergang!“

Pruchten befürchtet Kostenexplosion und Verkehrskollaps. Die Gemeinde fordert Elektrobus statt Diesellok und ein Verkehrskonzept. Bürgermeister Andreas Wieneke (SPD) im Interview.

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Pruchten stemmt sich gegen das Darßbahn-Projekt. Bürgermeister Andreas Wieneke neben einem im Dorf angebrachten Transparent.

Quelle: Susanne Retzlaff

Pruchten. Die ganze Region fiebert ihrer Wiedereröffnung entgegen, nur ein kleines Dorf leistet erbitterten Widerstand. Mit aller Macht stemmt sich Pruchten (Vorpommern-Rügen) gegen das Projekt Darßbahn. Klage und Plakataktion laufen. Wir sprachen darüber mit Bürgermeister Andreas Wieneke.

Sehen Sie sich vom Landkreis und von den Bürgermeistern der Nachbargemeinden mit Ihren Argumenten gegen die Darßbahn ernst genommen?

Andreas Wieneke: Wir haben den Eindruck, dass unsere Argumente nicht wahrgenommen und unsere Gesprächsangebote ignoriert werden. Der Darstellung des Landkreises Vorpommern-Rügen sowie der Bürgermeister der Gemeinden Zingst und Barth, nach der die Region einmütig eine Wiederinbetriebnahme der Darßbahn fordere, muss ich energisch widersprechen. Die Gemeinde Pruchten hat seit Bekanntwerden dieser Absicht eine kritische Position bezogen und ihre Gründe dem Verkehrsministerium mehrfach schriftlich mitgeteilt. Aber einer Diskussion mit uns geht man aus dem Weg. Mein Grundstück liegt zwar an der Bahntrasse, aber eine schutzbedürftige Rosenhecke habe ich dort nicht. Was ich aber habe, ist ein Beschluss. Ja, Pruchtens Gemeindevertretung lehnt die Wiederinbetriebnahme der Darßbahn ausdrücklich ab. Und als Bürgermeister setze ich die Beschlüsse der Gemeindevertretung um. Dafür bin ich gewählt worden und dies tue ich mit allem Engagement.

Aber Pruchten und sein Ortsteil Bresewitz sind das Nadelöhr zur Halbinsel Fischland-Darß-Zingst, durch das sich in den Sommermonaten Urlauberströme in Autoschlangen Richtung Ostseestrand wälzen. Umso erstaunlicher scheint es, dass sich ausgerechnet diese Gemeinde so vehement gegen eine Wiederinbetriebnahme der Darßbahn wehrt, die den Straßenverkehr entlasten könnte...

Wieneke: Ob Umweltschutz, Anschluss der Region an das Eisenbahnnetz oder Rettung der Bahnlinie Barth-Velgast, ständig wird der Eindruck vermittelt, die Wiederinbetriebnahme der Darßbahn löse alle Probleme. Das Gegenteil ist der Fall. Der Bau einer neuen Bahntrasse schon durch den Freesenbruch wäre ein enormer Eingriff in die Landschaft des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft. Und die Verkehrssituation auf der L 21 würde sich durch ihren Betrieb noch verschärfen. Wesentliche Ursache für die Probleme sind Störungen im Verkehrsfluss wie die Brückenöffnungen. Die Darßbahn aber würde die L 21 mehrmals kreuzen, Schranken den Verkehrsfluss stoppen, und das tagsüber im Stundentakt! Auch die neu zu bauende Meiningenbrücke soll wieder eine Klappbrücke werden. Da ist der Verkehrskollaps auf der L 21 doch vorprogrammiert!

Aber würde sich der Autoverkehr nicht deutlich verringern?

Wieneke: Der Verkehr ist Folge der Attraktivität der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst. Dass die Urlauber den Strand mit ihren Fahrzeugen bequem erreichen können, ist genau einer der Gründe, der die Region für die Gäste so interessant macht. Das hohe Verkehrsaufkommen in der Urlaubssaison ist deshalb gar nicht vermeidbar. Im Übrigen gehörte eine signifikante Reduktion des Straßenverkehrs auf Zingst und Darß nach Aussagen der von der Landesregierung beauftragten Gutachter gar nicht zur Aufgabenstellung des Projektes und war auch nicht Bestandteil ihrer Untersuchung. Die angestrebten Fahrgastzahlen von 750 Passagieren an 365 Tagen im Jahr, manche sprechen sogar von 2400 Fahrgästen, sind jedenfalls völlig aus der Luft gegriffen.

Was hat Pruchten bei einer Wiederinbetriebnahme denn zu befürchten? Könnte die Gemeinde nicht mit attraktiven Haltestellen Gäste gewinnen?

Wieneke: Bei uns hat sich ein der Landschaft und den örtlichen Gegebenheiten angepasster Fahrradtourismus entwickelt. Durch Pruchten führt eine mit großzügiger Förderung sehr gut ausgebaute Teilstrecke des europäischen Radfernweges und zwar parallel zur stillgelegten Eisenbahnlinie, der wegen der landschaftlichen Schönheit und Ruhe mit wachsender Begeisterung genutzt wird. Mit der Ruhe wäre es vorbei und bei einer Wiederinbetriebnahme müssten Teile des Radwanderweges umgelegt werden. Wer bezahlt das? Unsere Gemeinde würde mit der Bahn durch eine zweite Verkehrsachse zerschnitten. Die Gleise würden drei Straßen bei uns kreuzen. Abgesehen von der Belästigung der Anwohner durch den stündlich gestauten Verkehr, müsste die Gemeinde je Übergang ein Drittel der Kosten für deren Ausbau tragen, das wären 450<TH>000 Euro! Und unser Kindergarten ist im ehemaligen Bahnhof zu Hause. Wir müssten uns über die Sicherheit der Kleinen zusätzlich Gedanken machen, letzten Endes verursacht auch das weitere Kosten für uns.

Wenn nicht Pruchten, wem nützt die Darßbahn?

Wieneke: Aus unserer Sicht hat dadurch einzig die Gemeinde Zingst einen Vorteil, die selbst ja nur am Rande vom Bahnverkehr tangiert wäre. Sie bekäme vielleicht noch ein paar Gäste mehr und die geringer verdienenden Arbeitskräfte ihrer Tourismuseinrichtungen könnten auf dem günstigeren Festland wohnen und ihren Arbeitsplatz per Bahn erreichen, wobei man sich dann die Fahrpreise im Nahverkehr ansehen muss. Nutznießer wäre auch die Usedomer Bäderbahn (UBB), wenn sie einen Großteil der Kosten auf die Allgemeinheit abwälzen, aber die Einnahmen kassieren kann.

Gibt es Ihrer Meinung nach Alternativen zur Darßbahn?

Wieneke: Mit der Diesellok in den Nationalpark, das kann es heutzutage eigentlich nicht mehr sein, aber Alternativen wurden noch nicht einmal geprüft. Eine moderne, zukunftsorientierte und wirklich umweltfreundliche Lösung könnten flexible elektromobile Busse sein. Selbst mit dem teilweise notwendigen Neubau von eigenen Spuren würde das sicher nur Bruchteile der Kosten eines Bahnlinienbaus verursachen. Ich kann mir ein Touristenticket zur Finanzierung eines Shuttle-Systems vorstellen, mit dem man per Bus den ganzen Bodden umrunden und dort zu- und aussteigen kann, wo man gerade möchte. So etwas ist anderenorts erfolgreich eingeführt worden und würde auch die touristisch unterentwickelte südliche Boddenküste erschließen. Das wäre ein qualitativer Fortschritt für die Gesamtregion. Hauptursache der fehllaufenden Entwicklung ist das nicht vorhanene Verkehrs- und Tourismuskonzept für Fischland-Darß-Zingst und die südliche Boddenküste. Das lässt Platz für so abenteuerlichen Vorhaben wie die Wiederinbetriebnahme der Darßbahn. Stattdessen hätte man sich besser um den Zustand der Bodden und den Zweckverband kümmern sollen.

Was könnte Pruchten umstimmen?

Wieneke: Vielleicht ein Fahrplan wie vor dem Krieg! Aber im Ernst: Nichts. Die Darßbahn wäre unser Untergang. Es gibt keinen Vorteil für Pruchten. Nötig wäre ein alternativer Verkehrsplan. Von einem Bus-Shuttle um den Bodden hätten alle etwas, von der Bahn profitiert nur Zingst. Wir werden alles unternehmen, um einen finanziellen, technischen und nur politisch gewollten Unsinn zu verhindern. Gegen die Planfeststellung läuft bereits eine Klage und wir werden den Klageweg auch weitergehen. Es redet ja keiner mit uns, niemand hört uns zu!

Interview: Susanne Retzlaff

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