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Ein „Eisenbahnvirus“ ist hartnäckig

Rostock/Kühlungsborn Ein „Eisenbahnvirus“ ist hartnäckig

Modellbahnbauer finden kaum noch Räume

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Uwe Lindow (l.) und Andreas Schulze stehen an der H0-Bahn.

Quelle: Foto: Ove Arscholl

Rostock/Kühlungsborn. Eisenbahnsignale stehen auf dem Gelände des ehemaligen Rostocker Gaswerks, daneben zwei Räder einer alten Lok. Schleifgeräusche und Kaffeeduft dringen aus dem Gebäude nebenan. Hier, am Rande des Stadtzentrums, entstehen gerade neue Welten – zum Teil einfach der Fantasie entsprungen, zum Teil liebevoll und detailgetreu der Wirklichkeit nachempfunden.

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Modellbahnbauer finden kaum noch Räume

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„Das hier soll der alte Bahnhof von Dettmannsdorf-Kölzow werden. Der lag an der Strecke zwischen Sanitz und Triebsees, musste aber 1945 abgerissen werden.“ Uwe Lindow legt den Pinsel beiseite, mit dem er den Untergrund für die neue Anlage gestrichen hat. Er ist Vorsitzender der Modelleisenbahngruppe Warnemünde, die 2015 aus ihrem Quartier im Stellwerk des Ostseebads ausziehen musste und seitdem in der Bleicherstraße ist. „Es ist ein Glück, dass die Stadtwerke uns hier aufgenommen haben“, sagt er erleichtert.

Andere, die sich bisher in den Rostocker Schulen getroffen haben, stünden derzeit vor großen Problemen weil die KOE, die in Rostock die städtischen Immobilien verwaltet, auf höhere Mieten dränge. Die Modellbauer aus der Margaretenschule mussten bereits aufgeben, jene in der Türmchenschule bangen jedes Jahr neu um ihren bisherigen Vertrag.

Lindow fände es schade, wenn der Modellbahnbau nach und nach verdrängt würde. „Es denken ja immer alle, dass wir hier sind, um nur zu spielen, dabei ist das ein unglaublich kreatives Hobby.“ Er zählt auf: Für den Rahmenbau sind Tischlerarbeiten nötig, für die Verdrahtung die Fähigkeiten eines Elektrikers. Und weil Fahrzeuge und Steuerung heute oft mit digitaler Technik ausgestattet sind, wird auch jemand gebraucht, der sich mit der Elektronik auskennt. Dazu ist Grundwissen in Landschaftsbau, Geologie, Geografie und Architektur nötig. Nicht zuletzt sollte ein Modellbauer auch historisch bewandert sein, wenn er sich in vergangene Epochen begibt.

Am Beispiel Kölzow bedeutet das: Rausfahren, die Gegebenheiten an Ort und Stelle genau begutachten und hier und da auch Gebäude vermessen. Uwe Lindow erklärt: „Schließlich sollen am Ende auch die Größenverhältnisse stimmen.“ Weil nur noch das Empfangsgebäude steht, müssen alte Fotos zu Rate gezogen werden. Natürlich soll auch die Dettmannsdorfer Schnapsbrennerei mit abgebildet werden, die heute als größte deutsche Destillerie jährlich rund 200000 Hektoliter Trinkalkohol produziert.

Zwischen Mitte 30 und Ende 70 sind die Modelleisenbahner, Frauen gibt es in dieser Runde nur als Miniaturfiguren auf den Anlagen. „Leider“, meint Lars-Ole Harms, der sich seit seiner Kindheit für Eisenbahnen begeistert. „Ich bin 1965 geboren und an der Rennbahnallee aufgewachsen, wo bis in die 70er Jahre noch die schweren Züge nach Wismar vorbeigedonnert sind.“ Er lacht und versichert: „Den Virus hab' ich mir wohl damals in den Dampfwolken geholt und bin ihn nie wieder los geworden.“ Auch die Eltern von Uwe Lindow erzählen, der Junge habe schon im Alter von zwei Jahren im Wohnzimmer Kohlen aneinandergereiht und damit Eisenbahn gespielt. Und der pensionierte Ingenieur Wolfgang Schulz berichtet stolz: „Meine erste Lok, die 50er, die 1957 hergestellt worden ist, die hab' ich heute noch. Meistens funktioniert sie auch.“

Der Reiz der Technik, die Sehnsucht nach einem Stück heiler Welt – die Modellbauer schwärmen allesamt von ähnlichen Dingen. In ihrem Domizil am Gaswerk haben sie sechs verschiedene Landschaften aufgebaut. Wer sie genau betrachtet, findet unzählige Details, von den leicht bekleideten Damen am Fluss bis zum „VEB Branntwein, Betrieb des Kombinats Spirituosen und Fusel“. Dabei haben sie sich auf die alte Spurweite H0 geeinigt. Schulz schmunzelt und erklärt: „Das geht auch noch mit Wurstfingern. Sonst müsste man ja mit einer Pinzette arbeiten.“

Schulz, der wie die anderen zu Hause noch eine eigene Bahn hat, könnte sich auch gut vorstellen, einmal an einem richtig großen Zug herumzuschrauben oder sich als ehrenamtlicher Lokführer zu engagieren – so wie es die Kollegen vom Verein zur Traditionspflege des Molli seit Jahren tun. Jan Methling, Vorsitzender des Kühlungsborner Vereins und zugleich Mitglied bei den Modelleisenbahnern in der Rostocker Türmchenschule, erfüllt sich beide Wünsche abwechselnd. Gemeinsam mit den anderen Mollibegeisterten ist er gerade dabei, einen alten Güterzug zu restaurieren, drei der vier Wagen sind schon fertig. Auch ein Postgepäckwagen von 1913 soll wieder seinen Ursprungszustand erhalten. Und schließlich ist auch das alte Stellwerk des Parkentiner Bahnhofs an den Standort des Molli-Museums versetzt und wieder zusammengepuzzelt worden. Methling: „Bis auf ein paar Kleinigkeiten sind wir jetzt fertig, so dass alle Bedienabläufe bei Führungen vorgeführt werden können.“ Was die Freunde der großen und kleinen Bahnen eint: Sie alle könnten Nachwuchs auch von jüngeren Bastlern gebrauchen. Auch Frauen sind durchaus willkommen.

Der Verein zur Traditionspflege des Molli trifft sich an jedem zweiten Sonnabend im Monat morgens um 9 Uhr am Bahnhof Kühlungsborn West. Die Modellbauer der Türmchenschule sind dienstags ab 17 Uhr aktiv und ihre Kollegen auf dem Gaswerkgelände mittwochs ab 17 Uhr. Uwe Lindow ergänzt: „Im Modellbauladen am Doberaner Platz ist eigentlich fast immer einer von uns anzutreffen.“

Katja Bülow

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