Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 11 ° Regenschauer

Navigation:
Lernen, warten und hoffen

Zingst Lernen, warten und hoffen

Im „Haus am Bodden“ ist nach längerem Leerstand wieder Kinderlachen zu hören, sind wieder glückliche Gesichter zu sehen.

Voriger Artikel
Weniger Straftaten und Verstöße
Nächster Artikel
Saisonauswertung in Prerow

In der Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge in Zingst hat gestern der Deutsch-Unterricht begonnen.

Quelle: Fotos: Timo Richter

Zingst. Im „Haus am Bodden“ ist nach längerem Leerstand wieder Kinderlachen zu hören, sind wieder glückliche Gesichter zu sehen. 52 Flüchtlinge sind vor wenigen Tagen in das Haus der AW Kur- und Erholungs-GmbH, einer Tochter der Arbeiterwohlfahrt, eingezogen. Der Einzug der Syrer erfolgte angesichts der anfänglichen Vorbehalte in dem Seeheilbad unter Polizeischutz. Und wegen der angespannten Situation vor dem Einzug der Flüchtlingsfamilien mit Hakenkreuzschmieren und einer Auschwitz-Ausschilderung setzt der Leiter der Unterkunft, Thomas Wichering, auf durchgehende Bewachung der Unterkunft. Besucher werden in einem Einlassbuch erfasst, müssen ihren Personalausweis vorlegen.

OZ-Bild

Im „Haus am Bodden“ ist nach längerem Leerstand wieder Kinderlachen zu hören, sind wieder glückliche Gesichter zu sehen.

Zur Bildergalerie

Doch schon hat sich die Lage entspannt. Wichering registriert deutlich mehr Verkehr vor der Unterkunft als gewöhnlich, sieht viele neugierige Spaziergänger. Offenheit und Transparenz sind für Wichering sowie für Gero Grabowski, Bereichsleiter Flüchtlingshilfe des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB), die entscheidenden Mittel, um Vorurteile gegenüber den Asylbewerbern abzubauen.

Nur ungern erinnern sich die für die Betreuung der Asylbewerber Verantwortlichen an eine Einwohnerversammlung in Zingst. Da wurde gefragt, ob Geflügel noch draußen gehalten werden könne, sogenannte besorgte Bürger verteilten Flyer mit rechtem Gedankengut. „Das“, ist Thomas Wichering überzeugt, „war ein viel größerer Image-Schaden für den Ort als die Flüchtlingsunterkunft.“ Bürgermeister Andreas Kuhn (CDU) hatte vor Einzug der Asylbewerber Bedenken geäußert, die Flüchtlinge könnten Urlauber vergraulen.

Ähnliche Befürchtungen kennt der ASB aus Sellin auf Rügen. „Hoteliers sind Sturm gelaufen gegen die Unterbringung von Flüchtlingen“, sagt Gero Grabowski. Und: Wochen später wurde in einer Sitzung für den Amtsbereich eine 95-prozentige Auslastung der Betten für die bevorstehende Saison bejubelt.

Noch kämpft der ASB in Zingst mit den Tücken des Alltags. So muss erst noch die Infrastruktur aufgebaut werden. Internet und Telefon fehlen ebenso wie wie Waschmaschinen und Trockner. Mit dem Deutschunterricht hat gestern aber die wichtigste Maßnahme zur Integration der Flüchtlinge begonnen. Rechts, links, vorwärts, zurück — und das aktuelle Wetter können die Flüchtlinge ganz unterschiedlichen Alters rasch in der neuen Sprache unterscheiden.

Größtes Problem der Betreuer sind aber nicht mögliche Vorbehalte in der Bevölkerung gegen Flüchtlinge, sondern der knappe Wohnraum in der Region. Denn Flüchtlinge können nur dann eine Stelle antreten, wenn sie eine eigene Wohnung haben. So scheiterte die gewünschte Übernahme von zwei als Praktikanten im Gut Darß tätigen Syrern (die OZ berichtete) am Ende nicht am Wegzug, sondern am fehlenden Wohnraum. Dieses Problem „macht eine dauerhafte Integration verdammt schwierig“, urteilt Thomas Wichering. Längst nicht alle der Flüchtlingsfamilien wollen später in Ballungsräume, viele wollten auch in dieser Region bleiben.

Um den Menschen möglichst rasch den Weg zu einem selbstständigen Leben zu ermöglichen, arbeiten die Betreuer eng mit der Kommune und Behörden zusammen. So würden die Frauen und Männer meist mit vorausgefüllten Anträgen die Sachbearbeiter in den Ämtern aufsuchen. Die Männer des ASB erstellten in rund zweistündigen Gesprächen mit ihren „Schützlingen“ jeweils eine Sozialanalyse.

Schulbildung, Ausbildung und Bleibeperspektive werden für weitere Integrationsbemühungen zusammengetragen. „Viele hier haben einen Status als anerkannter Migrant, warten nun nur noch auf die Identifikationskarte, einer Art Ausweis“, sagt Wichering. Mit der Karte können sich die Flüchtlinge frei in Deutschland bewegen, zu Familien oder Freunden in andere Städte reisen und sich dort auch niederlassen. Vier bis fünf Wochen dauere die Erstellung der sogenannten ID-Karte.

Um den Bewohnern der Gemeinschaftsunterkunft zusätzliche Beschäftigungsangebote machen zu können, baut der ASB zurzeit einen Pool freiwilliger Helfer auf. So hatte sich auch die Evangelische Kirchengemeinde Zingst angeboten. In einem Workshop soll noch erarbeitet werden, welche Aufgaben und Angebote von welchen Freiwilligen realisiert werden können.

Interessierte können sich über die Arbeit in der Flüchtlingsunterkunft informieren. Möglich ist das montags bis freitags zwischen 8 und 19 Uhr, wenn es das Arbeitsaufkommen zulässt.

Betreuung

52 Flüchtlinge leben derzeit in der Gemeinschaftsunterkunft im „Haus am Bodden“ in Zingst. Alle Bewohner stammen aus Syrien. Es handelt sich ausschließlich um Familien sowie drei Männer mit Familienanschluss.

630 Asylbewerber werden im ganzen Landkreis Vorpommern-Rügen durch Beschäftigte des Arbeiter-Samariter-Bundes betreut. Die Kapazität des Verbandes würde für die Betreuung von 710 Flüchtlingen reichen.

Von Timo Richter

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Fischland-Darss
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Termine, Events, Veranstaltungen Teaser der den User auf die Seite "Termine" führen soll image/svg+xml Image Teaser Termine 2015-09-23 de Veranstaltungen Aktuelle Termine Konzerte, Kino, Ausstellungen, Vorträge, Theater, Workshops, Tanz und noch vieles mehr. Alle Veranstaltungen und Freizeittipps in Ihrer Nähe finden Sie hier.
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
RSS-Feeds

Wissen, was in Rostock und der Welt los ist

Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Leserbriefe, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Leserbriefe" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Leserbriefe“ 2015-09-23 de Meinung Ihre Leserbriefe Über unser Kontaktformular können Sie uns gern Lob, Kritik, Ideen oder andere Anmerkungen zu aktuellen Themen aus Ihrer Region, MV und der Welt zusenden. Wir freuen uns auf Ihre Meinung. Hier geht es zum Formular.